Ärzte Zeitung online, 24.07.2011

Oslo hält den Atem an

In der Hauptstadt Norwegens ist nichts mehr so, wie es einmal war. Die Menschen sind entsetzt und fassungslos. Zumal die Terroranschläge "aus der Mitte der Gesellschaft heraus" verübt wurden - von einem bis dato unauffälligen fanatischen Rechtsradikalen.

Von Peter Zschunke

Oslo hält den Atem an

Trauernde in Oslo nach den Doppelanschlägen vom Freitag.

© dpa

OSLO. Nach dem doppelten Terroranschlag ist Oslo wie gelähmt. Wo sonst reges Treiben herrscht, ist kaum jemand zu sehen. Nur an den Absperrungen im Regierungsviertel kommen am Tag danach Gruppen von Menschen zusammen - erst wenige dann immer mehr.

In den Gesichtern spiegelt sich Fassungslosigkeit. Unter einem bleiernen Himmel weht die norwegische Flagge auf halbmast.

"Das ist unfassbar, zu was Menschen fähig sind", sagt Bernard Böhmer, Inhaber des Cafés Eger, das ganz in der Nähe des Anschlagsortes im Regierungsviertel liegt.

Böhmer war am Freitagnachmittag in der Straße, in der auch das Finanzministerium liegt, er wollte zu seinem Auto gehen.

"Da habe ich den Knall gehört und die Druckwelle auf der Brust gespürt. Ich wurde nach hinten geschleudert. Und ich wusste sofort: Das war keine Gasexplosion, sondern eine Bombe."

Explosionen von Granaten und anderen Sprengsätzen kenne er noch aus seiner Zeit als Blauhelmsoldat im Libanon.

"Die ganze Wohnung hat gebebt"

"Das ist eine Tragödie für das ganze Land", sagt der 17-jährige Harald Jakhelln, der beim Hafenmeister an der Akerbrygge die einlaufenden Jachten einweist. "Ich war während der Bombenexplosion zu Hause, meine ganze Wohnung hat gebebt."

Im Fernsehen wird gerade ein Polizeisprecher befragt, darunter die eingeblendete Zeile: "Minst 84 döde", mindestens 84 Teilnehmer eines Jugendcamps der Sozialdemokraten wurden erschossen - von einem norwegischen Rechtsextremisten wie sich später herausstellt.

Am Samstag erhöht sich die Zahl auf 85. Bei dem Bombenanschlag im Regierungsviertel von Oslo werden mindestens sieben Menschen getötet. Hier schlug der Attentäter Anders Behring Breivik zuerst zu.

Eine großer Scherbenberg

Die von Soldaten abgesperrte Akersgata ist mit Scherben übersät. Blut ist an der steinernen Einfassung eines Baums zu sehen, daneben liegt ein Paar schwarze Schuhe auf dem Pflaster.

Das Restaurant Deli de Luca ist völlig zerstört, die Eingangstüren aus der Verankerung gerissen, die Rahmen der Glasfassade ragen ins Nichts.

Über die Querstraße hinweg ist die gläserne Fassade des Verlagsgebäudes der Zeitung "Verdens Gang" auf den oberen vier der fünf Etagen herabgerissen. Darunter starrt ein unbeweglicher Zeitungsleser auf den Scherbenberg - eine Skulptur.

Schnell setzen die Aufräumarbeiten ein. Überall ist das Klirren der Scherben zu hören, die zusammengekehrt werden.

Am Regierungsgebäude ist die gesamte Fassade zerstört, bis hin zur obersten Etage mit dem Büro von Ministerpräsident Jens Stoltenberg. Davor sind Soldaten postiert.

Rechtsextremisten - ein zunehmendes Problem?

Vor dem Rathaus von Oslo blickt Bürgermeister Fabian Stang auf seine Stadt, die mit einem Schlag eine andere geworden ist.

Wird das die für Friedensliebe und Toleranz bekannte norwegische Gesellschaft verändern? "Ich hoffe nicht", antwortet Stang. Gerade der Respekt vor den Toten gebiete es, "dass wir diese Stadt noch sicherer und offener, und den Umgang miteinander noch respektvoller gestalten".

Norwegen werde diese schreckliche Situation dazu nutzen, "eine bessere Gesellschaft zu entwickeln".

"Die Gesellschaft in Norwegen ist sehr tolerant", sagt der Taxifahrer Mohammad, der seinen Nachnamen nicht nennen will. "Aber wir machen uns Sorgen wegen der Rechtsextremisten."

Mohammad ist vor 19 Jahren von Pakistan nach Norwegen gekommen. Er ist erleichtert, dass sich der erste Verdacht eines islamisch-extremistischen Hintergrunds nicht bestätigt hat.

Kerzen und Rosen zum Gedenken

Auch Restaurant-Betreiber Böhmer sagt, er sei deswegen einerseits erleichtert. Andererseits sei es unfassbar, dass eine solche Tat aus der Mitte der norwegischen Gesellschaft heraus verübt worden sei.

Das Zusammenleben mit Migranten sei völlig unproblematisch. "Ich habe sehr viele Freunde, die Muslime sind. In diesem kleinen Café sind wir sieben verschiedene Nationen, die hier arbeiten. Für mich ist das eine Bereicherung." Die fremdenfeindliche Szene sei klein und in der Bevölkerung nicht fest verankert.

Oslo trauert. In der Domkirche kommen die Menschen zusammen, suchen Beistand in der Gemeinschaft. Ein steter Strom von Menschen zieht in die Kirche, hält inne vor dem Altar mit einer Darstellung der Kreuzigung Christi. Viele zünden ein Kerzenlicht an.

Vor der Kirche werden Blumen abgelegt, viele rote Rosen darunter, Kerzen und kleine norwegische Fahnen. Die Zeit steht still, Oslo hält den Atem an. (dpa)

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[25.07.2011, 14:03:54]
Dr. Horst Grünwoldt 
Trauer und Wut
Das schöne und friedliche Norwegen ist erschüttert. Die tollerante und großzügige Bevölkerung ist zutiefst betroffen. Ein nordischer Landsmann hat ein furchtbares Massaker unter Mitbürgern angerichtet. Wie war das möglich? --- Wie immer im Falle von Amokläufern und Terroristen handelt es sich hier gewiß auch um einen ideologisch Irregeführten und charakterlich Instabilen!
Der Mörder war leider u.a. auch getrieben von Fremdenhass. Wie wir in den vergangenen Jahrzehnten in allen nordeuropäischen Ländern erfahren mußten, entsteht Xenophobie oder Fremdenfurcht noch nicht dann, wenn uns einzelne "Exoten" begegnen. Diesen gegenüber verhalten sich auch "Nordlichter" i.d. R. aufgeschlossen und interessiert.
Erst wenn kulturell und zivilisatorisch fremde Menschen in größeren Scharen dauerhaft in ein nationales Staatsgebiet "einfallen" und sich aus "innerer Solidarität" auch noch in dem neuen Lebensraum sozial "insulär" abgrenzen können, kann dies zu Gefühlen der Fremdenfeindlichkeit führen.
Dies wird psychologisch von den autochthonen Einheimischen womöglich sogar als eine Art "territoriale Eroberung" angesehen. Man denke nur an die drei Millionen Menschen türkischer Abstammung unter uns, die bis heute kein Interesse an der deutschen Staatsbürgerlichkeit haben.
Wenn das tatsächlich so sein sollte, könnte wohl Integration ohne Assimilations-Willen der Eingewanderten vielleicht nicht stattfinden. Es ist schon merkwürdig, daß unsere (Bevölkerungs-) Politiker uns allen die "Migranten" (Herumwandernde) nicht als Immigranten oder Emigranten vorgestellt haben...
Dr. Horst Grünwoldt aus Rostock zum Beitrag »

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