Ärzte Zeitung, 17.08.2011

Toller Job, Erfolg im Sport und eine Aversion gegen Mitleid

Nach einer Nekrose wurde dem leidenschaftlichen Volleyballspieler Olaf Hänsel ein Unterschenkel amputiert. Das hinderte ihn nicht daran, den Sport weiter professionell zu betreiben und ein glückliches Leben zu führen.

Von Gesa Coordes

Toller Job, Erfolg im Sport und eine Aversion gegen Mitleid

Olaf Hänsel ist Volleyballnationalspieler. Das Nationalteam der Behinderten ist die erfolgreichste Behindertensportmannschaft der Welt.

© Coordes

MARBURG. Die alte Frau in der Fußgängerzone wollte Olaf Hänsel einen Euro in die Hand drücken - als Almosen für seine Beinprothese. In solchen Situationen ärgert sich der 40-Jährige über den Blick seiner Mitmenschen. "Ich habe eine tolle Frau, einen tollen Beruf und mache Sport", sagte er zu der alten Dame. Bemitleidenswert fühlt sich Hänsel nämlich nicht.

Vor wenigen Tagen ist er aus Kambodscha zurückgekehrt. Mit der deutschen Volleyball-Nationalmannschaft hat er den Worldcup der Behinderten gewonnen - zum dritten Mal in Folge. Im Finale siegte seine Mannschaft mit 3:1 gegen Kambodscha im Olympiastadion von Phnom Penh. Angreifer Hänsel gehörte dabei zu den Menschen mit mittleren Behinderungen.

Kontakt zum Nationalteam schon in der Reha

Seit knapp zehn Jahren trägt der Förderschullehrer eine Unterschenkelprothese. Nach einer Routineoperation hatte sich eine handtellergroße Nekrose auf dem rechten Schienbein gebildet. Möglicherweise war ein Bohrer zu heiß geworden.

Nach vielen Operationen und Schmerzen war klar, dass das Bein kaum mehr zu retten war. Hänsel entschied sich für die Amputation des Unterschenkels.

Damals konnte sich der begeisterte Volleyballspieler noch nicht vorstellen, wie aktiv er wieder sein könnte. Doch noch während der Rehabilitation entstand der Kontakt zum Nationaltrainer für die Volleyballmannschaft der Körperbehinderten.

Wenige Monate später wurde der knapp zwei Meter große Spieler zum ersten Lehrgang des Nationalkaders eingeladen. Dort hatten manche ein stark verkürztes Bein, anderen fehlte die Hand, der Arm oder das komplette Bein, erzählt Hänsel. Doch sie schmetterten und hechteten unverdrossen nach dem Ball. Ein Jahr später war er in die Mannschaft integriert.

Für seine Schüler ist Olaf Hänsel ein Vorbild

Schließlich spielt Hänsel schon seit seiner Jugend Volleyball. Mit der Prothese könne er vielleicht nicht mehr ganz so hoch springen wie früher, sagt er. Andererseits sei er inzwischen auch schon 40 Jahre alt.

Er trainiert nach wie vor bei seinem Heimatverein TV Cölbe - zunächst sogar in der Oberliga, inzwischen in der Bezirksliga: "Da kann ich mehr spielen", sagt Hänsel. "Sozialeinwechselungen" gibt es nämlich nicht.

Bei der Volleyball-Nationalmannschaft ohnehin nicht. Deutschland ist fünffacher Europameister, vierfacher Weltmeister und vierfacher Paralympicsieger: "Wir sind die erfolgreichste Behindertensportmannschaft der Welt", sagt Hänsel.

In seinem Beruf ist die Prothese ohnehin kein Problem. Die Schüler gehen mit der Behinderung unkompliziert um. Als er noch in Bad Arolsen in der Schule für Körperbehinderte des Bathildisheims unterrichtete, war er einer von ihnen: "Das hat sie motiviert", erzählt der Lehrer.

Inzwischen lebt er in Marburg und unterrichtet im Förderschulzweig der Wollenbergschule in Wetter. Als die Prothese einmal quietschte, kommentierten die Schüler nur: "Anschleichen können Sie sich heute nicht."

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