Ärzte Zeitung, 12.08.2011

Hintergrund

Mit der "Wunsch-Ambulanz" ins letzte Glück

Einmal noch die Familie sehen, an der Klagemauer beten oder das Meer spüren: Ein spezieller Krankenwagen ermöglicht todkranken Patienten in Israel einen letzten Ausflug. Die Angehörigen sind begeistert - bei manchen Ärzten stößt die "Wunsch-Ambulanz" auf Widerstände.

Von Manuel Heckel

Spezial-Ambulanz erfüllt Todgeweihten letzten Wunsch

Der in Deutschland gebaute Krankenwagen steht in einem Vorort von Tel Aviv. Bereits rund 100 Mal ist die "Wunsch-Ambulanz" ausgerückt.

© dpa

Es ist das letzte Familienfest gemeinsam mit der Mutter: Eng drängen sich Kinder, Enkelkinder, Nichten und Neffen um die Krankentrage, auf der die 70-jährige Leah Bouaron festgeschnallt ist.

Sie ist angeschlossen an Sauerstoff und EKG, immer umringt von Verwandten, die ihr die Hand halten.

Gleichzeitig gelacht und geweint

"Sprechen konnte sie schon nicht mehr, aber ich wusste: Sie ist glücklich", erinnert sich Tochter Hodaja Bouaron und zeigt Bilder von dem Ereignis. Zwei Wochen nach dem Fest stirbt Leah Bouaron an ihren schweren Herzproblemen im Krankenhaus.

"Wir haben gleichzeitig gelacht und geweint, es waren ganz besondere Stunden für die Familie", sagt Bouaron. Auch mehr als ein Jahr nach dem Treffen ist die 30-Jährige fast zu Tränen gerührt, wenn sie an das Fest zurückdenkt.

Den letzten Ausflug ihrer Mutter möglich gemacht hatten die ehrenamtlichen Helfer der "Wunsch-Ambulanz" der israelischen Hilfsorganisation Magen David Adom. Sie entspricht in etwa dem Roten Kreuz.

"Jeder Wunsch ist eine Herausforderung"

Ein letztes Mal aus dem Krankenhaus an die Klagemauer, aus dem Pflegeheim zu einem Familienfest oder von zu Hause in den Zoo: "Jeder Wunsch ist eine ganz neue Herausforderung", sagt Izik Levy, der das Projekt für Magen David Adom koordiniert.

Die Idee dazu hatte eine Kollegin, die von einer ähnlichen Aktion in ihrem Heimatland, den Niederlanden, gehört hatte.

In Israel steht für diese Wünsche in Kirijat Ono, einem Vorort von Tel Aviv, ein spezieller Krankenwagen bereit. 300.000 Euro hat das gelb-rote Fahrzeug gekostet, 200.000 Euro davon waren eine Spende einer jüdischen Ärztin aus Schweden.

Gebaut wurde es in Deutschland, speziell nach den Wünschen der Initiatoren. Die Ausrüstung erlaubt es, einen schwerstkranken Patienten, wenn nötig, einen ganzen Tag lang wie auf einer Intensivstation zu versorgen.

Wagen hat einige Besonderheiten

Darüber hinaus hat der Wagen einige Besonderheiten, um möglichst alle Wünsche erfüllen zu können. Für einen letzten Ausflug an den Strand ist ein Rollstuhl mit extra dicken Gummireifen an Bord. Auf einen großen Bildschirm überträgt eine Kamera Bilder von draußen.

"Der Patient soll alles mitbekommen, was um ihn herum passiert", sagt Levy. Und im Innenraum gibt es gleich zwei Kühlfächer: "Eins für Medikamente und eins für Essen - etwa für ein Picknick am Strand."

Etwa 100 Mal ist die "Wunsch-Ambulanz" von Magen David Adom in den vergangenen eineinhalb Jahren ausgerückt. Gerne würde Levy die Zahl der Fahrten ausbauen. Aber noch sind viele Ärzte skeptisch.

Viele Mediziner wollen den Patienten nicht aus seinem gewohnten Klinikrhythmus herausreißen. "Außerdem geht es natürlich immer darum, wer die Verantwortung übernimmt", sagt der 65-Jährige.

Auch die Familie von Leah Bouaron musste sich durchsetzen, um ihrer Mutter den Ausflug zu ermöglichen: "Die Ärzte im Krankenhaus waren strikt dagegen, aber wir haben dafür gekämpft, sie noch einmal nach Hause zu holen", sagt Bouaron.

Ärzte und Rettungsassistenten prüfen jeden Fall genau

Vor jeder Fahrt überprüft ein Team von Rettungsassistenten und Ärzten jeden Fall genau - und gibt erst dann grünes Licht für den Wunsch.

Wichtige Bedingung: Der Patient, so schwer krank er auch ist, muss bei Bewusstsein sein. "Wir machen die Fahrt für den Patienten, nicht für die Familie", betont Koordinator Levy.

Die meisten Gäste der "Wunsch-Ambulanz" leiden an Lungenkrankheiten, Krebs oder chronischen Erkrankungen der inneren Organe.

Drei Helfer mit an Bord

Drei Helfer von Magen David Adom sind dann bei jeder Fahrt mit dabei. Wie alle Beteiligten, vom Fahrer bis zum Koordinator, arbeiten sie ehrenamtlich für die "Wunsch-Ambulanz". "Magen David Adom zahlt nur für die Versicherung und das Benzin", sagt Levy.

Daher können die Wünsche kostenlos erfüllt werden. Hodaja Bouaron ist den Helfern, mit denen sie ein Jahr nach dem Tod ihrer Mutter immer noch in Kontakt steht, zutiefst dankbar: "Es sind ganz besondere Menschen." (dpa)

Hier gibt es zur Webseite der "Wunsch-Ambulanz"!

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