Ärzte Zeitung online, 17.08.2011

Sprechende Küche: Visionen für das Wohnen im Alter

Sprechende Küchen und intelligente Fußböden: Hightech-Hilfen im Haus sollen älteren Menschen künftig das Leben leichter machen. Sie müssten dafür jedoch ihre gewohnte Umgebung verlassen.

Von Ulrike von Leszczynski

Sprechende Küche: Visionen für das Wohnen im Alter

Testküche des DAI-Labors der TU Berlin: Elektronische Hilfe für das Wohnen im Alter.

© dpa

BERLIN. Der elektronische Kochassistent, spezialisiert auf Diabetiker, empfiehlt heute Zitronenhühnchen mit Paprika und Zucchini. Das Rezept erscheint in großen Lettern auf dem Display am Küchenschrank. Der Assistent prüft kurz den Inhalt des Kühlschranks und schickt dann die Einkaufsliste mit Zutaten auf das Handy.

Vor dem Braten sagt die elektronische Stimme später: "Fetten Sie die Pfanne ein." Das ist ein Ratschlag, über den sich Seniorinnen im DAI-Labor der Technischen Universität Berlin (TU) regelmäßig empören. "Für wie blöd hält mich dieser Computer?", fragen sie dann.

Das DAI-Labor ist ein Informatik-Institut, das an intelligenten Systemen für die Zukunft tüftelt - auch für das Wohnen im Alter. Es geht um den Zeitraum 2020 plus. Ob die Küche der Zukunft wirklich so aussehen wird, ist dabei nicht entscheidend. Die Frage lautet vielmehr: Was ist technisch möglich und so interessant, dass es später einmal einen Massenmarkt finden könnte?

Senioren bei Tests eher skeptisch

"Für Menschen, die im digitalen Alltag aufwachsen, wird das später nicht fremd sein", glaubt DAI-Mitarbeiter Paul Zernicke. Die heutige Seniorengeneration steht bei Tests aber oft eher kopfschüttelnd im Labor: ein Gesundheitsassistent, der abends für Ernährung und Bewegung Punkte verteilt. Ein Energiemanager, der via Bildschirm fragt, ob das Licht brennen soll.

In einer Kochecke steht ein kleiner Industrieroboter. Bis er Hühnchen zubereitet, werden definitiv mehr als zehn Jahre vergehen.

Heute geht es vielen Senioren nicht um Hightech-Hilfen. Rund 95 Prozent von ihnen möchten laut Umfragen und Studien aber so lange wie möglich in ihren gewohnten vier Wänden bleiben.

Nach der jüngsten Untersuchung für das Bundesbauministerium stehen die Chancen dafür schlecht: Nur 5 Prozent der elf Millionen Seniorendomizile sind altersgerecht gebaut - ohne Stufen, Schwellen und mit passenden Bädern. Heute die nötigen 2,5 Millionen Wohnungen umzubauen, würde nach Berechnungen für das Ministerium 39 Milliarden Euro kosten.

2030 gibt es 6,4 Millionen Bundesbürger über 80 Jahre

Das Problem wächst stetig: 6,4 statt heute 4,1 Millionen Bundesbürger werden im Jahr 2030 über 80 Jahre alt sein. So viele Wohnungen kann man kaum komplett umbauen. Doch man könnte Hilfen individuell anpassen. Die Frage ist nur, was eine Hilfe ist. Treppenlifte und Rollatoren?

"Ambient Assisted Living" heißt der Fachbegriff, der sich etwas umständlich mit "umgebungsunterstütztes Leben" übersetzen lässt. Technik passt sich dabei im besten Fall den Bedürfnissen ihres Nutzers an - nicht umgekehrt.

Die Rede ist schon von "intelligenten" Fußböden, die einen Sturz registrieren und an eine Notrufzentrale weitermelden. Und es gibt die Idee der kameraüberwachten Wohnung. Doch wollen alte Menschen das wirklich?

Musterwohnung in Potsdam

In Potsdam hat die Wohnungsverwaltungsgesellschaft GEWOBA eine Musterwohnung ausgebaut, die gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen soll: seniorengerecht - und mit geringem Energieverbrauch. Es ist wie ein Testlabor für die Gegenwart. Hier kann sich jeder informieren, welche Möglichkeiten es gibt - und was sie kosten.

Die Wohnung liegt im Erdgeschoss eines Plattenbaus. Innen ist alles schick: Helles Parkett erstreckt sich schwellenlos über fast 70 Quadratmeter, Schiebetüren geben den Räumen etwas Großzügiges.

Das Bett ist höhenverstellbar, der Lichtschalter im Kopfteil knipst die Nachtbeleuchtung bis zur Toilette an. Im Bad gibt es eine ebenerdige Dusche. Die Wasserhähne sind mit Sensoren ausgestattet, die arthrosegeplagten Fingern schmerzhafte Bewegungen ersparen.

Kleiderstangen klappen aus dem Schrank, die Gardinenstange lässt sich herunterkurbeln. Und das Telefon hat große Zahlentasten.

Auch den Wohnungsschlüssel, Feindbild zittriger Hände, gibt es nicht mehr. Die Tür lässt sich mit einem kleinen Chip öffnen, der sich als Armband tragen lässt.

Beim Eintreten geht automatisch das Licht an. Beim Verlassen der Wohnung schaltet eine Steckkarte Herd, Bügeleisen oder Kaffeemaschine aus - wie im Hotel. Ein Piepton warnt, wenn Balkontür oder Fenster noch offenstehen.

Mehr als 1000 Euro pro Quadratmeter

Das alles hat seinen Preis, manchmal mehr als 1000 Euro pro Quadratmeter. Doch das Bundesbauministerium hat inzwischen Programme für Umbauten im Alter aufgelegt - es gibt unter anderem zinsverbilligte Darlehen und Zuschüsse für Eigentümer und Mieter.

Für das Kuratorium Deutsche Altenhilfe ist die äußere Hülle aber nicht alles. Zum seniorengerechten Wohnen gehörten nahe Einkaufsläden, gute Pflegedienstangebote und soziale Kontakte.

Dafür in großem Stil zu sorgen, könnte noch schwieriger als die Entwicklung eines Küchenroboters sein. Die Einfamilienhäuser in grünen Randlagen, für die junge Eltern einst teure Kredite aufnahmen, sind mangels Infrastruktur für das Alter - zumindest oft - ungeeignet. (dpa)

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