Ärzte Zeitung online, 09.09.2011

U-Bahn-Schläger: Haft wegen versuchten Totschlags beantragt

"Blanke Aggression" sieht die Staatsanwaltschaft in der brutalen Prügelattacke des Berliner U-Bahn-Schlägers. Dessen Anwalt entschuldigt das Verhalten mit Trunkenheit und plädiert auf Bewährung.

BERLIN (dpa). Wegen seines brutalen Angriffs auf einen Fahrgast soll der 18-jährige Berliner U-Bahn-Schläger nach dem Willen der Staatsanwaltschaft zu vier Jahren Jugendstrafe verurteilt werden.

Die Anklagevertretung forderte am Donnerstag vor dem Berliner Landgericht eine Verurteilung wegen versuchten Totschlags und gefährlicher Körperverletzung. Die Anwältin des Opfers plädierte auf die gleiche Strafhöhe wegen versuchten Mordes.

Die Verteidigung forderte höchstens zwei Jahre zur Bewährung wegen gefährlicher Körperverletzung. Das Urteil wird am 19. September erwartet.

Rücksichtslos und brutal

Die Tat in der Nacht zum Ostersamstag im U-Bahnhof Friedrichstraße war aus Sicht von Staatsanwältin Katrin Faust "blanke Aggression, rücksichtslos und äußerst brutal".

Opferanwältin Elke Zipperer sprach von einem "absoluten Vernichtungswillen" durch die Tritte gegen den Kopf des reglos am Boden liegenden Installateurs.

Der 18-jährige Gymnasiast hatte sein zufällig gewähltes Opfer zunächst mit einer Flasche niedergeschlagen. Der 30-Jährige erlitt ein Schädel-Hirn-Trauma, einen Nasenbeinbruch und Prellungen.

Wehrlosen Mann ausgewählt

Die Staatsanwaltschaft wertete es als besonders niederträchtig, dass der Gymnasiast sich einen hochgradig betrunkenen und friedlichen Mann als Opfer aussuchte.

Der Angeklagte war ebenfalls schwer betrunken. Die von dem Angeklagten geltend gemachten Erinnerungslücken erkannten die Strafverfolger aber nicht an.

Das Geständnis des Täters sei gezeichnet von Beschönigungen, sagte Anklägerin Faust. Er habe keine Verantwortung übernommen.

"Betrunken wie nie zuvor im Leben"

Verteidiger Sättele bestätigte, es sei nicht zu rechtfertigen und nicht zu entschuldigen. Mit Tötungsvorsatz habe der Schüler aber keinesfalls gehandelt. Der 18-Jährige sei hochgradig alkoholisiert gewesen.

Wegen des Rausches sei nicht auszuschließen, dass er die Situation verkannt habe und das Gefühl hatte, sich verteidigen zu müssen, argumentierte der Anwalt. Als der Angeklagte sich gestellt hatte, war es allerdings zu spät für eine Blutprobe.

Auch die Staatsanwaltschaft geht von einer verminderten Schuldfähigkeit aus. Der Schüler selber hatte gesagt, er sei "betrunken wie nie zuvor im Leben gewesen".

"Die Tat war eine Schweinerei", hatte der 18-Jährige gesagt. Er schäme sich.

Motiv unklar

In den bisher fünf Prozesstagen blieb aber das Motiv im Unklaren. "Es gibt keine nachvollziehbare Antwort für die massive Gewalt gegen eine unbeteiligte Person", so die Staatsanwältin.

Unbesehen sei dem Angeklagten zu glauben, dass auch ihm eine Erklärung fehlt: "Die Persönlichkeit ist schwer mit der Tat in Verbindung zu bringen."

Der zweite Anklagevertreter Rudolf Hausmann sprach von mangelndem Mitgefühl. Das triumphierende Tänzeln nach der Tat lasse den Angeklagten in einem düsteren Licht erscheinen.

Kompagnon wegen Körperverletzung und unterlassener Hilfe angeklagt

Der gleichaltrige Mitangeklagte soll laut Plädoyer der Ankläger wegen gefährlicher Körperverletzung und unterlassener Hilfe bestraft werden.

Die Staatsanwaltschaft beantragte drei Wochen Dauerarrest, 100 Stunden Freizeitarbeit und einen Erste-Hilfe-Kurs. Der Kompagnon hatte der Tat zunächst zugeschaut und später selbst einen Mann geschlagen, der helfend eingreifen wollte.

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