Ärzte Zeitung online, 20.09.2011

Strengere Strahlen-Grenzwerte für Lebensmittel gefordert

Grenzwerte für Lebensmittel bieten nach Ansicht von Foodwatch und IPPNW keinen ausreichenden Gesundheitsschutz.

BERLIN (wul). Ein halbes Jahr nach Beginn der Atom-Katastrophe in Fukushima fordert die Verbraucherorganisation Foodwatch, die Strahlen-Grenzwerte für Lebensmittel drastisch abzusenken.

Die aktuellen Werte für Radioaktivität in der Nahrung in der EU und in Japan bieten keinen ausreichenden Gesundheitsschutz.

Zu diesem Ergebnis kommt der Report "Kalkulierter Strahlentod - Die Grenzwerte für radioaktiv verstrahlte Lebensmittel in EU und Japan", den Foodwatch und die deutsche Sektion der Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges (IPPNW) vorgestellt haben.

Radioaktives Jod 131 soll gar nicht mehr in Lebensmitteln geduldet werden

Die beiden Organisationen forderten, die EU-Höchstgrenzen für Cäsium von derzeit 600 auf 16 Becquerel pro Kilogramm Lebensmittel und von 370 auf 8 Becquerel für Säuglingsnahrung und Milchprodukte zu senken. Radioaktives Jod 131 soll gar nicht mehr in Lebensmitteln geduldet werden.

"Aufgrund der relativ kurzen Halbwertszeit von acht Tagen müssen und dürfen den Menschen keine mit Jod 131 belasteten Produkte zugemutet werden", sagte Thilo Bode, foodwatch-Geschäftsführer.

Rund 150.000 zusätzliche Krebstote in Deutschland

Werde der theoretische Fall angenommen, die Bevölkerung ernähre sich ausschließlich von Produkten, die in Höhe der Grenzwerte belastet seien, bedeute dies nach den Berechnungen der Internationalen Strahlenschutzkommission allein für Deutschland rund 150.000 zusätzliche Todesfälle pro Jahr durch Krebs.

Würden diese Grenzwerte lediglich zu fünf Prozent ausgeschöpft, läge die Zahl der zusätzlichen Todesfälle bei 7700.

"Selbst kleine Strahlendosen können die Erbinformation verändern, das Immunsystem schädigen und Krebs auslösen. Das gilt insbesondere für Kinder und Jugendliche", sagte Dr. Winfrid Eisenberger, Kinderarzt und IPPNW-Mitglied. Aus ärztlicher Sicht seien die EU-Strahlenschutzgrenzen unverantwortlich hoch.

Dieselben Grenzwerte gefordert - für den Normal- und auch den Katastrophenfall

Bode kritisierte außerdem, dass die in der EU und Japan geltenden Werte nicht den aus medizinischer Sicht sinnvollen und vertretbaren Kriterien, sondern vorrangig wirtschaftlichen Interessen folgten.

Die beiden Organisationen treten dafür ein, dass künftig sowohl für den Normal- als auch für den Katastrophenfall dieselben Grenzwerte gelten.

Heute könne die Europäische Kommission nach einem Atom-Unglück mithilfe der Tschernobyl-"Schubladenverordnung" - wie nach Fukushima zunächst geschehen - ohne jede parlamentarische Kontrolle höhere Grenzwerte für Lebensmittel festlegen, monierte Bode.

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