Ärzte Zeitung online, 18.10.2011

Verseuchtes Fleisch: Problem für Doping-Analysen

DÜSSELDORF (dpa). Sportler müssen in Zukunft bei Reisen immer mehr aufpassen, was sie essen, um nicht in Doping-Verdacht zu geraten. 109 von 208 Fußballspieler bei der U 17-WM in Mexiko wurden positiv getestet. Ursache war Clenbuterol-haltiges Fleisch. Ein Schlupfloch für Doper?

Von Andreas Schirmer

DÜSSELDORF. Clenbuterol-verseuchtes Fleisch kann zu einer immer größeren Falle für saubere Athleten und zum Schlupfloch für Doping-Betrüger werden. "Das ist kein Problem ausschließlich von Mexiko. Es gibt verschiedene andere Länder, in denen es auch eines gibt", sagte Mario Thevis, Leiter des Zentrums für Präventive Dopingforschung in Köln, am 18. Oktober in einem Gespräch der Nachrichtenagentur dpa.

Einen Tag zuvor hatte die Mitteilung des Fußball-Weltverbandes FIFA für Aufsehen gesorgt, dass bei der U 17-Weltmeisterschaft im Juli in Mexiko 109 der 208 Nachwuchsspieler positiv bei Doping-Kontrollen getestet wurden. Die FIFA ging diesem "Massendoping" auf den Grund und stellte fest, dass mit dem Kälbermastmittel Clenbuterol kontaminiertes Fleisch die Ursache war.

Nur fünf von 24 Teams der U 17-Weltmeisterschaft waren ohne positiven Befund

Im Teilnehmerfeld der 24 Mannschaften habe es nur fünf Teams gegeben, in denen keine Spieler positiv getestet wurden. Dazu zählte Gastgeber Mexiko, das die Lehre aus dem Gold-Cup gezogen hatte: Nachdem fünf mexikanische Spieler einen Monat zuvor in den USA positiv auf Clenbuterol getestet worden waren, gab es bei der U 17-WM im eigenen Land die Order, auf Fleischkonsum zu verzichten. Auch im deutschen Team gab es keinen positiven Test.

Neben Mexiko hat der Fall des Tischtennis-Nationalspielers Dimitrij Ovtcharov aus dem vergangenen Jahr auch ein Schlaglicht auf China geworfen. Er war nach einem Aufenthalt im "Reich der Mitte" positiv auf Clenbuterol kontrolliert worden. Es konnte nachgewiesen werden, dass auch bei Ovtcharov Fleischverzehr der Grund war.

Clenbuterol-belastete Lebensmittel auch in Europa

Außerdem gab es Berichte über Clenbuterol in Lebensmitteln in Europa: So wurde 2008 über belastete Milch in der Türkei berichtet und 2009 über Clenbuterol-Kontaminationen in der portugiesischen Rinderzucht.

"Wir können bei der Doping-Analyse nicht differenzieren, ob kontaminierte Lebensmittel zu einem positiven Befund geführt haben oder ein bewusstes Vorgehen eines Athleten", sagte Thevis. Deshalb dürfte die Entscheidung über einen Fall wie den des dreimaligen Tour-de-France-Siegers Alberto Contador nicht einfacher werden.

Der Spanier hatte nach seinem positiven Test auf Clenbuterol angegeben, ein europäisches Steak gegessen zu haben.

In der Regel können nur im Einzelfall (unberechtigt) in Verdacht geratenen Sportler durch Haaranalyse und anderen Indizien aus der Patsche geholfen werden. Die Athleten, die vor Jahren bereits durch kontaminierte Nahrungsergänzungsmittel gewarnt wurden, müssen zukünftig noch umsichtiger auf ihre Ernährung achten. "Die Sportler sollten noch vorsichtiger vorgehen", warnte Thevis.

Antidoping-Agentur NADA hatte im Februar eine Warnung vor verseuchtem Fleisch herausgegeben

Die Nationale Anti-Doping-Agentur (NADA) hatte im Februar eine Warnung vor kontaminiertem Fleisch in China und im April für Mexiko herausgegeben. "Grundsätzlich sehen wir es als unsere Pflicht an, Warnungen im Sinne der Athleten auszugeben, wenn uns wissenschaftliche Erkenntnisse vorliegen", sagte NADA-Sprecher Berthold Mertes. Die Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) hat sich in dieser Hinsicht bisher in Zurückhaltung geübt. (dpa)

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Andreas Schirmer (6)
[19.10.2011, 22:40:43]
Dr. Horst Grünwoldt 
sog. Doping und Kälbermast
Es bleibt offensichtlich ein unausrottbarer Quatsch, daß die "Anti-doping-Kämpfer" gemeinsam mit ihren "Spurensuchern" immer noch die Leistungssportler des Gebrauchs eines Kälbermastmittels bezichtigen.
Redliche Pharmakologen und Doping-Experten müßten doch wissen und öffentlich erklären, daß clenbuterol-haltige Arzneimittel (wie Spirupent u.a.) als Aerosol zur Behandlung von akuten Atemwegsleiden hilfreich eingesetzt werden können. Sie werden weder von Athleten gegessen, noch von Kälbern gefressen.
Werden dem Organismus längerfristig und überdosiert Clenbuterole verabreicht, so führt dies überhaupt nicht zu einem anabolen Effekt im Muskelgewebe, sondern lediglich zu einer verstärkten Wassereinlagerung.
Dieser negative Effekt wurde wohl eine Zeit lang auch in der Kälbermast zur (wertlosen) Gewichtszunahme eingesetzt. Seitdem aber bekannt ist, daß das Kalbsschnitzel (Escaloppe) danach aber beim Braten in der Pfanne durch die Wasserabgabe "zusammenschnurrt", und das wassereinlagernde Arzneimittell auch noch teuer ist, wurde darauf wieder verzichtet.
Die (nach m.E. unsinnige) Abklärung "clenbuterol-doping-positiv" können wieder einmal nicht die Labormenschen machen,- die liefern nur Meßergebnisse, stellen aber keine Diagnosen-, sondern kann anamnestisch nur durch den unabhängigen Sportmediziner vorgenommen werden.
Am besten, billigsten und wenigsten diskriminierend natürlich durch Einführung und Kontrolle des Behandlungsbüchleins eines jeden Athleten. Das ist im Pferderennsport schon seit Jahren verpflichtend.
Dr. med. vet. Horst Grünwoldt zum Beitrag »

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