Ärzte Zeitung, 28.10.2011

Hintergrund

Ärzte 40 Jahre ohne Grenzen

Ärzte ohne Grenzen wird 40 Jahre alt. Sie leisten unermüdlich humanitäre Hilfe - dafür haben sie den Friedensnobelpreis erhalten. Doch in Krisengebieten lauert ständig Gefahr - auch von politischer Seite.

Von Pete Smith

Ärzte ohne Grenzen - eine Erfolgsgeschichte, die vor 40 Jahren in Biafra begonnen hat

An vielen humanitären Brennpunkten unermüdlich im Einsatz: Mitarbeiter von "Ärzte ohne Grenzen" versorgen somalische Flüchtlinge, die es über die Grenze nach Kenia geschafft haben.

© Ärzte ohne Grenzen

"Wir sind nicht immer die Lösung, sondern manchmal auch ein Teil des Problems", sagte Dr. Ulrike von Pilar während einer Buchpräsentation aus Anlass des 40-jährigen Bestehens von Ärzte ohne Grenzen (Médecins Sans Frontières, MSF) in Berlin.

Humanitäre Hilfe stehe ständig in Gefahr, von Gruppierungen oder Parteien missbraucht zu werden, so die Ärztin in ihrer kritischen Rückschau.

Dennoch wertete sie die vergangenen 40 Jahre als Erfolgsgeschichte: Seit ihrer Gründung habe die internationale Organisation weltweit Millionen von Menschen notärztlich versorgt.

Neutral und unparteiisch wollen sie sein

Médecins Sans Frontières wurde als Reaktion auf die Hungerkatastrophe in Biafra gegründet. Ende der 1960er Jahre waren einige französische Ärzte, unter ihnen der ehemalige französische Außenminister Bernard Kouchner, in die Krisenregion gereist, um dort medizinische Hilfe zu leisten.

971 schlossen sie sich zu einer Organisation zusammen, die sich - neutral und unparteiisch - der humanitären Nothilfe in Krisen- und Kriegsgebieten verschrieb.

Heute unterhält Ärzte ohne Grenzen in 19 Ländern eigene Sektionen, beschäftigt weltweit 30.000 Mitarbeiter und unterstützt mehr als 400 Projekte in 60 Staaten.

Seit zweieinhalb Dekaden in Afghanistan

Eines der gefährlichsten Einsatzgebiete war von Beginn an Afghanistan, wo die Organisation nach dem sowjetischen Einmarsch ab 1980 medizinische Hilfe im Schutz der Mudschahedin leistete.

Nachdem MSF 24 Jahre lang verschiedene Projekte im Land aufgebaut und betreut hatte, wurden am 2. Juni 2004 fünf Mitarbeiter der Organisation durch einen gezielten Anschlag in der Provinz Badghis ermordet.

"Ein historischer Schnitt", sagte Ulrike von Pilar, denn in Folge des Anschlags zog man alle Mitarbeiter aus Afghanistan ab.

Militär erschwert humanitäre Einsätze

Erst fünf Jahre später kehrte MSF in das Land zurück und unterhält dort inzwischen drei Projekte, zwei Krankenhäuser und ein Trauma-Zentrum.

"Für uns ist wichtig klarzustellen, dass in Afghanistan noch immer Krieg herrscht", sagte Frank Dörner, Geschäftsführer von Ärzte ohne Grenzen Deutschland.

Dörner kritisierte am Beispiel Afghanistan, dass militärische Einsätze mit vorgeblich humanitären Zielen die Arbeit von Hilfsorganisationen zunehmend erschweren.

Jüngste Entführungen in Kenia

Als "westliche" Hilfsorganisation spüre man eine deutliche Verschlechterung der Sicherheitslage.

Wie gefährlich die Arbeit der humanitären Helfer ist, wurde vor wenigen Wochen deutlich, als zwei spanische Mitarbeiterinnen von MSF aus dem kenianischen Flüchtlingslager Dadaab verschleppt wurden.

Neutralität ist heute oberstes Gebot der Organisation, die sich damit von einer wie auch immer gearteten Entwicklungshilfe abgrenzt.

Als politisches Instrument missbraucht

"Ich betrachte Ärzte ohne Grenzen als Notarzt, der die Patienten stabilisiert", sagte Dörner, "alle weiteren Maßnahmen übernehmen andere."

Dass diese Art von Hilfe mitunter systematisch missbraucht wird, hat MSF 1994 im Zuge des Völkermordes in Ruanda erfahren müssen.

Damals zogen sich Milizionäre in Flüchtlingslager zurück, um sich unter dem Schutz humanitärer Organisationen zu restrukturieren, deren Hilfsgüter sie überdies zweckentfremdeten.

"Wir müssen aufpassen, dass wir nicht Teil eines mörderischen Spiels werden", sagte Ulrike von Pilar und sprach von der "verlorenen Unschuld".

Eigene Programme gegen Krankheiten entwickelt

Das weltweite Engagement von Ärzte ohne Grenzen wurde 1999 mit dem Friedensnobelpreis gewürdigt. Das Nobel-Komitee bescheinigte der Organisation eine "bahnbrechende humanitäre Arbeit".

Dazu zählt nicht zuletzt auch die Entwicklung eigener Programme etwa zur Bekämpfung der Cholera oder Behandlung Aidskranker in ärmeren Regionen.

Am Freitag und Samstag (28. und 29. Oktober) veranstalten Ärzte ohne Grenzen, Ärzte der Welt, das Deutsche Rote Kreuz, die Ärztekammer Berlin sowie die Charité in Berlin den XIII. Humanitären Kongress "Ideale, Realität und Kompromisse".

Mehr als 70 Experten werden erwartet, der Kongress soll den Austausch von Informationen in der humanitären Hilfe fördern.

www.aerzte-ohne-grenzen.de und www.humanitaererkongress.de

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