Ärzte Zeitung online, 30.11.2011

Jackson-Arzt erhält Höchststrafe

Den Tod des King of Pop muss der frühere Arzt von Michael Jackson mit seiner Freiheit bezahlen. Vier Jahre Haft für Conrad Murray sind nun eine späte Genugtuung für die Familie und die Fans des Sängers.

Von Barbara Munker

Jackson-Arzt erhält Höchststrafe

Conrad Murray wurde zu einer Haftstrafe von vier Jahren verurteilt. Ob er sie aber ganz absitzen muss, ist eher unwahrscheinlich.

© dpa

LOS ANGELES. Am liebsten sähen sie Conrad Murray lebenslänglich hinter Gittern. Für Michael Jacksons Familie und viele seiner Fans ist der frühere Leibarzt des Sängers ein gewissenloser Mörder.

Das stellten sie seit dem Tod des King of Pop vor zweieinhalb Jahren immer wieder klar. Vier Jahre Freiheitsentzug für Murray ist für sie nur eine kleine Genugtuung. Doch Murray hätte auch mit Bewährung davonkommen können.

Richter bringt Entrüstung zum Ausdruck

Richter Michael Pastor machte in seiner Strafpredigt am Dienstag keinen Hehl aus seiner Entrüstung über Murrays Taten. Der Arzt habe Jackson einem "Zyklus von schrecklicher Medizin" ausgesetzt und durch Lügen, Vertuschung und Rücksichtslosigkeit seinen Berufseid verletzt.

Pastor rief eine Ton-Aufzeichnung in Erinnerung, die Murray wenige Wochen vor Jacksons Tod aufgenommen hatte. Darauf war die lallende, verzerrte Stimme des Sängers - offensichtlich unter dem Einfluss von Betäubungsmitteln - zu hören.

Kopfschüttelnd warf Pastor dem Arzt vor, er habe Jackson in dessen verwundbarsten Momenten heimlich ausgenutzt. Der 58-jährige Murray hörte mit versteinerter Miene zu, als die Vorwürfe des Richters auf ihn niederprasselten.

Keine Rachegelüste beim Jackson-Clan

Murray hätte in der Anhörung das Wort ergreifen und um Gnade bitten können. Doch wie schon während des Prozesses schwieg der Zwei-Meter-Mann. Auch Jacksons Familie sah von einem Auftritt vor dem Richter ab.

Natürlich war der Jackson-Clan um die 81-jährige Matriarchin Katherine wieder in starker Besetzung angerückt, darunter Jacksons Geschwister Jermaine, LaToya, Rebbie und Randy. Doch sie schickten einen Anwalt vor, der nur ein kurzes Statement verlas.

Sie würden Michael jeden Tag nachtrauern, jedoch keine Rache suchen. Nichts könne Michael zurückbringen, ließ die Familie mitteilen.

Murrays Anwalt auf verlorenem Posten

Murrays Anwalt Ed Chernoff hatte keine Chance, seinem Mandanten die Freiheit zurückzubringen. Er stand auf verlorenem Posten, als er den Richter anflehte, Murrays Vergangenheit als rechtschaffener Arzt zu berücksichtigen.

Möglicherweise riss er Murray noch tiefer hinein, als er Jackson als medikamentensüchtigen Patienten beschrieb, der seine Ärzte um Schlafmittel anbettelte.

Murray weist Verantwortung von sich

Auch Murray hatte versucht, sich selbst in gutes Licht zu rücken und dem King of Pop die Mitschuld an dessen Tod zu geben. In einem kürzlich ausgestrahlten Fernsehinterview hatte er jede Verantwortung von sich gewiesen. Seine Arbeit sei stets "einwandfrei" gewesen, sagte der Arzt in der Dokumentation.

Er fühlte sich von dem Popstar in eine Falle gelockt, denn Jackson habe ihm den Posten unter der falschen Angabe angeboten, er sei gesund.

Jackson wollte täglich seine "Milch"

Jackson starb im Juni 2009, nachdem Murray ihm ein Narkosepräparat als Schlafmittel gegeben hatte. Der Sänger litt an starker Schlaflosigkeit.

Murray spritzte ihm täglich seine "Milch", so nannte der Popstar das weißliche Propofol, das ihn am Ende das Leben kostete. Gewöhnlich wird es nur im Krankenhaus vor Operationen benutzt.

Murrays Mutter schickte Bittschrift

Eine Bittschrift von Murrays Mutter fand bei Richter Pastor offenkundig kein Gehör. Er habe nie zuvor Ärger mit dem Gesetz gehabt, nahm Milta Rush ihren einzigen Sohn in Schutz.

"Er ist traurig und reumütig über den Tod seines Freundes Michael Jackson", zitierte das Promi-Portal "Tmz.com" aus dem Brief der Mutter. Ihr Sohn würde derzeit "die härteste Lektion seines Lebens" lernen.

Murray sitzt in Los Angeles ein

Gleich nach dem Schuldspruch am 7. November war der Arzt in Handschellen aus dem Gerichtssaal ins Männer-Gefängnis von Los Angeles gebracht worden. Dort sitzt Murray unter der Buchungsnummer 2926725 mit mehr als 5000 Häftlingen ein.

Die 1963 gebaute Haftanstalt ist wie alle kalifornischen Gefängnisse zu voll. Die Bürgerrechtsorganisation ACLU prangerte die Einrichtung im vergangenen Jahr als "gefährlich überfüllt" und als "modernen mittelalterlichen Kerker" an.

Vorzeitige Entlassung?

Dank der Überbelegung könnte Murray aber schneller wieder auf freien Fuß kommen. Vermutlich muss der Arzt nur einen Teil seiner Strafe absitzen. Viele Insassen ohne Vorstrafenregister werden aus Platzmangel vorzeitig entlassen.

Das jüngste Promi-Beispiel: US-Schauspielerin Lindsay Lohan sollte Anfang November, nachdem sie nach Trunkenheit am Steuer ihre Bewährungsauflagen verletzt hatte, für 30 Tage in den Knast - nach knapp fünf Stunden war die 25-Jährige aber schon wieder raus.

Behörden verhängen Berufsverbot

Mit der Freiheit bekommt Murray eines Tages aber wohl nicht sein früheres Leben zurück. Ehemalige Patienten hatten ihn im Zeugenstand als gewissenhaften und aufopfernden Arzt gelobt.

Einst managte der Kardiologe mehrere Praxen in Texas, Nevada und Kalifornien. Doch damit ist vermutlich für immer Schluss. Die kalifornischen Behörden haben ihm bereits ein Berufsverbot erteilt.

Murray droht saftige Geldstrafe

Zudem könnten auf Murray Millionen-Zahlungen zukommen. Staatsanwalt Walgren forderte den Richter am Dienstag auf, Murray eine saftige Geldstrafe aufzudrücken. Den Kindern des toten Popstars seien mehr als 100 Millionen Dollar entgangen.

Die Nachlassverwalter sind der Ansicht, dass der Sänger mit der geplanten "This Is It"-Tour diese Summe verdient hätte. Richter Pastor vertagte das Finanzgerangel auf einen späteren Zeitpunkt.

Als Arzt erledigt

Verteidiger Chernoff ließ durchblicken, dass der Mediziner diese Summe nie aufbringen könnte. Als Arzt sei Murray erledigt.

Egal ob der Mediziner einmal als Kellner oder als Türsteher arbeiten werde, "er wird immer der Mann sein, der Michael Jackson umbrachte", so schätzte Chernoff mit Grabesstimme die Zukunft seines Mandanten ein. (dpa)

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