Ärzte Zeitung, 07.12.2011

Die Stradivari "Betts" - neu geboren via CT

Mithilfe von rund 1000 CT-Scans und einem speziellen 3D-Schneider haben Radiologen und Instrumentenbauer eine nahezu identische Replik der über 300 Jahre alten Stradivari-Geige "Betts" geschaffen.

Von Gabriele Wagner

Die Stradivari "Betts" - neu geboren via CT

3D-Rekonstruktion der berühmten Stradivari-Geige "Betts" aus 1000 CT-Bildern.

© Dr. Steven Sirr

CHICAGO. Die neu gebaute Geige sieht dem Original nicht nur zum Verwechseln ähnlich, sie hat auch einen ähnlichen Klang.

Für den Radiologen und Hobby-Geiger Dr. Steven Sirr aus Mora im US-Staat Minnesota waren Geigen lange Zeit lediglich "Holzgehäuse, die Luft umhüllen".

Doch als er im Jahr 1989 zum ersten Mal eine Geige mit CT scannte, sah er: "Da war viel Anatomie in der Violine." Er zeigte die Bilder dem Instrumentenbauer John Waddle aus St. John in Minnesota.

Seither hat Sirr mehr als rund 100 Instrumente gescannt und zusammen mit Waddle und einem weiteren Instrumentenbauer, Steve Rossow, ebenfalls aus St. John, den Aufbau, das Material und die Strukturen der Instrumente analysiert.

Das Team erhielt Zugang zur berühmten Stradivari

Die Drei konnten schließlich auch Institute wie die US-Library of Congress in Washington dazu bewegen, ihnen alte Instrumente zur Untersuchung anzuvertrauen. Und so gelangte eines Tages auch die berühmte Violine "Betts" des Geigenbauers Antonio Stradivari in Sirrs CT.

Stradivari (1644 - 1737) war nicht nur ein genialer, sondern auch sehr produktiver Instrumentenbauer: Zwei Violinen pro Monat sollen seine Werkstatt verlassen haben. Allein über 1000 Geigen werden ihm zugesprochen, von denen noch rund 650 existieren.

Zu den berühmtesten Violinen gehört die 1704 gebaute "Betts" aus Stradivaris "Goldener Periode". Diese Geige gehört zu den am meisten kopierten Stradivari-Geigen, sagte Waddle beim Radiologenkongress RSNA in Chicago.

Modernes CT und 1000 Aufnahmen für die Replica

Schon immer wurden Geigen berühmter Meister wie Stradivari, Andrea Amati oder der Guarneri-Familie kopiert, weil man versuchte, die besonderen Klangeigenschaften der Instrumente nachzuahmen. Und das versuchten nun auch Sirr und die Instrumentenbauer.

Dazu machte Sirr mit einem modernen 64-Zeilen-CT über 1000 Aufnahmen von "Betts". Zum einen, um die genauen Maße der Geige, ihren Aufbau und Besonderheiten wie Reparaturen festzustellen. Zum anderen aber auch, um etwa die Dichte des Holzes zu analysieren.

Denn nicht nur die Maße, auch die Holzart, wie es gelagert und behandelt wurde und wann es wuchs, bestimmen den Klang. So hat Holz, das während der "Kleinen Eiszeit" vom frühen 15. Jahrhundert bis zum 17. Jahrhundert wuchs, eine besonders hohe Dichte.

Verschiedene Holzsorten in der CNC-Fräse

Die CT-Datensätze wurden dann so umgewandelt, dass sie für ein extra für diesen Zweck gebauten Spezialschneider genutzt werden konnten.

Diese sogenannte CNC-Maschine schnitt die insgesamt 85 verschiedenen Teile der Geige maßstabgerecht aus den passenden Hölzern. Das waren unter anderem Ahorn für Decke und Boden, Ebenholz für das Griffbrett und Weide für Hals und Schnecke der Geige.

Bis diese Technik ausgefeilt war, dauerte es Jahre. Doch jetzt konnten Sirr, Waddle und Rossow ihren "Betts"-Zwilling in Chicago präsentieren.

Die Geige sieht dem Original zum Verwechseln ähnlich - davon konnten sich Waddle, Musiker und Verantwortliche der Library of Congress im direkten Vergleich beider Geigen überzeugen. Und obwohl damals die Geige noch nicht lackiert war, war ihr Klang nahezu identisch mit der Original-"Betts", sagte Waddle.

Die "neue" Stradivari erklang in Chicago

Die Schönheit der neuen "Betts"-Schwester, ihre zarte, anmutige Gestalt und vor allem ihren tiefgehenden warmen Klang konnten die Anwesenden in Chicago bestaunen: Die junge Geigerin Brigid McCarthy aus St. John spielte auf ihr die "Meditation" aus der Oper "Thais" von Jules Massenet.

Vielleicht können auch bald andere junge Künstler in den Genuss kommen. Denn das ist einer der Hauptgründe für Sirr, Waddle und Rossow: mehr Menschen als den wenigen Auserwählten, die heute eine "echte" Stradivari spielen dürfen, das "Stradivari"-Gefühl zu verschaffen.

Das Trio um Sirr hat inzwischen vier "Betts"-Kopien gebaut. Was eine Replik kostet? Das erfahren nur wirklich Interessierte - auf Anfrage.

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