Ärzte Zeitung, 23.01.2012

Heftiger Streit um die ewige Sommerzeit

Mit seiner Idee, die Zeitumstellung in Russland abzuschaffen, verblüffte Kremlchef Dmitri Medwedew im vorigen Jahr die Welt. Nun stören sich viele Russen an der "ewigen Sommerzeit" und klagen sogar über Gesundheitsprobleme.

Von Ulf Mauder

Heftiger Streit um die ewige Sommerzeit

Eine Stunde vor, eine Stunde zurück? Zwölf zeigt die Uhr am Moskauer Kreml - an der Uhr wird nicht mehr gedreht.

© EPA/ dpa

MOSKAU. Computer und Smartphones mit automatisierten Uhren schalteten zuerst auf stur, als Russland im vergangenen Herbst die Zeitumstellung und damit die Winterzeit abschaffte. Die Geräte stellten wie international üblich die Uhren um.

Landesweites Terminchaos

Dabei hatte Kremlchef Dmitri Medwedew verfügt, das ganze Jahr gelte nun die Sommerzeit in Russland. Landesweites Terminchaos war die Folge, wie Medien berichteten.

Doch nun klagen auch zunehmend Menschen über das Leben mit "ewiger Sommerzeit". Regierungschef Wladimir Putin will eine Rückkehr zur Winterzeit prüfen lassen.

"Der Gleichklang unserer inneren biologischen und der gesellschaftlichen äußeren Uhr wird jetzt zerstört. Durch dieses Ungleichgewicht entstehen nun Probleme", zitierte die Staatsagentur Ria Nowosti die Expertin Viktoria Arschinowa von der Moskauer Psychologisch-Pädagogischen Universität.

Das Leben ist aus dem Tritt geraten

Auch im Internet beklagen viele Russen, dass sie sich einfach nicht gewöhnen könnten an die Sommerzeit im Winter. Ihr Leben sei irgendwie aus dem Tritt geraten, schreiben Blogger.

"Wahrscheinlich gibt es irgendwelche Probleme. Ich verspreche, dass ich die Fragen an andere Instanzen weitergeben werde", sagte Ministerpräsident Putin bei einer Fragestunde im Fernsehen am 15. Dezember. Bei der Vorbereitung des "heißen Drahts" zum Volk sei es ihm merkwürdig vorgekommen, dass so viele Menschen ein Zeit-Problem hätten.

Vor kurzem sagte Putin bei einer Begegnung mit Fußballfans, Medwedews Verordnung sei womöglich nicht ganz durchdacht. "Ich werde mit dem Präsidenten sprechen. Auch mir fällt das Aufstehen schwer." Die Sport-Fans hatten darüber geklagt, dass internationale Spiele für Russen nun so spät anfingen.

Depressionen und Probleme mit der Arbeitsleistung

Viele Russen leiden, wie die Agentur Interfax unter Berufung auf eine Umfrage schrieb. Jeder fünfte Befragte sagte demnach, dass sich sein Zustand seit dem Wegfall der Winterzeit verschlechtert habe. Als negative Folgen nannten die Teilnehmer Schwierigkeiten beim Aufstehen, Depression wegen der langen Dunkelheit sowie Probleme mit der Arbeitsleistung und eben Ärger mit technischen Geräten.

Wissenschaftler hatten von Anfang an gewarnt, dass Russland nun seiner natürlichen oder astronomischen Zeit zwei Stunden voraus sei. Das hängt mit einer bereits 1930 in der damaligen Sowjetunion verfügten Zeitumstellung zusammen, nach der die Uhrzeiger in allen Zeitzonen um eine Stunde vorgestellt wurden.

1981 stellte das größte Land der Erde dann noch mit Einführung der Sommerzeit die Zeiger um eine Stunde vor. Experten mahnten im vergangenen Jahr, doch lieber die Sommerzeit abzuschaffen, damit das Land nach der Winterzeit, die seit 1930 als die natürliche gilt, leben könne.

Auch bei der Fernsehsprechstunde mit Putin beklagten Bürger, dass die Uhrzeigerpolitik des Kreml für Unwohlsein im Volk sorge. Auch einzelne Ökonomen sowie etwa der Parlamentsabgeordnete Sergej Mironow schlagen vor, in diesem Herbst wieder zur Winterzeit zurückzukehren.

Bereits 2010 ließ Medwedew an der Uhr drehen

Es ist übrigens nicht das erste Mal, dass Präsident Medwedew an der Uhr gedreht hat. Er verfügte bereits 2010, die Zahl der Zeitzonen im größten Land der Erde von elf auf neun zu reduzieren.

Kritiker fragten damals, ob das Riesenreich keine anderen Probleme habe. Einige spotteten, Putins politischer Ziehsohn wolle in seiner Amtszeit wenigstens ein konkretes Ergebnis vorlegen.

Medwedew begründete seine Initiative damals nicht zuletzt auch damit, "für die unglücklichen Kühe" etwas tun zu wollen. Die Zeitumstellung bereite diesen Tieren Stress. (dpa)

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