Ärzte Zeitung, 29.02.2012

"Als Arzt kann ich in Afghanistan besser helfen"

1980 floh der damalige Ingenieurstudent Azim Mosafer aus Afghanistan. Über Umwege fand er zum Medizinstudium in Bonn - heute ist er Oberarzt in Bad Berka. Ärzten in Kabul hilft er mit Online-Sprechstunden.

Von Robert Büssow

"Als Arzt kann ich in Afghanistan besser helfen"

Visite in einem Krankenhaus in Kabul: Zwei Mal im Jahr fährt der Chirurg Azim Mosafer (rechts) an den Hindukusch.

© privat

WEIMAR/KABUL. Das Leben von Azim Mosafer nimmt seine erste abrupte Wendung, als die Sowjetunion 1979 in Afghanistan einmarschiert. Der junge Ingenieurstudent träumt davon, Pilot zu werden. Als die Besatzer wahllos friedliche Demonstranten in Kabul zusammenschießen, schießen sie auch seinen Traum in Trümmer.

"Neben mir sind Leute gestorben", schluckt Mosafer noch heute, wenn er daran zurückdenkt. "An dem Tag war klar, ich musste raus aus Afghanistan."

Über Indien flieht er nach Europa. Mit gefälschtem Pass strandet er in Frankfurt/Main und gerät in die Mühlen der Asylbürokratie. Das war 1980.

Heute arbeitet der inzwischen 50-jährige Oberarzt als Wirbelsäulenchirurg am Zentralklinikum Bad Berka bei Weimar. Mosafer ist verheiratet, hat zwei Kinder, lebt in einem stattlichen Altbau der Klassikerstadt.

Doch seine Heimat hat er nie vergessen. Vor acht Jahren gründete er den Afghanisch-Deutschen Ärzteverein Weimar (ADAV). Ehrgeiziges Ziel ist es, das am Boden liegende Gesundheitssystem wieder mit aufzubauen.

Mithilfe Telemedizin - Online-Sprechstunde in Afghanistan

Die Lebenserwartung in dem ausgezehrten Land liegt laut WHO unter 50 Jahren, gut ausgebildete Ärzte fehlen, viele sind geflohen. Zweimal im Jahr fliegt Mosafer gemeinsam mit Thüringer Kollegen nach Kabul, operiert schwierige Fälle und hält als Gastdozent Vorlesungen an der Universität.

"Uns geht es um Weiter- und Fortbildung auf universitärer Ebene, und darum, moderne Medizin nach Afghanistan zu bringen und nicht nur Geld", sagt Mosafer. Zweimal im Jahr, das reicht natürlich nicht aus.

Deshalb setzt der Verein auf Telemedizin. Mithilfe einer browserbasierten Software der Erfurter Firma TecArt konsultieren Ärzte in Afghanistan die Kollegen des Weimarer ADAV.

"Als Arzt kann ich in Afghanistan besser helfen"

Azim Mosafer hilft in der Online-Sprechstunde Kollegen in Kabul.

© Büssow

Vorausgesetzt, der Strom fließt und das Internet läuft stabil in seinem Heimatland, sitzt Mosafer abends oft vor seinem Laptop und hält Online-Sprechstunde.

Auf dem Bildschirm ploppt ein Video auf.

Der junge Kabuler Arzt Azim Yousufy ist mit ihm verabredet, um einen Fall zu besprechen.

Röntgenbilder, MRT und Anamnese des Patienten hat er bereits über die Software nach Weimar geschickt.

"Der Arme hat Skoliose", diagnostiziert Mosafer nach ein paar Mausklicks.

Aber ein leichter Fall. "Das kann man gut operieren."

Die Telemedizin überwindet knapp 5000 Kilometer in Sekundenbruchteilen.

Mosafer wirbt um weitere Ärzte, die Beratungen und Sprechstunden übernehmen

Mosafer deckt die orthopädische Seite ab, seine Kollegen in Bad Berka weitere Fachbereiche wie Radiologie, Pathologie. Kinder- und Jugendmedizin sowie HNO-Sprechstunden werden bereits von den Chefärzten des Klinikums Weimar übernommen. Mithilfe der Videoübertragung können selbst Hautärzte einigermaßen weiterhelfen.

Mit Vorträgen wirbt Mosafer in Deutschland, der Schweiz und Österreich um weitere Ärzte, die Beratungen und Sprechstunden übernehmen. Kommuniziert wird meist auf Englisch.Noch ist das Projekt auf Kabul begrenzt, doch das Projekt soll auf das Hinterland ausgeweitet werden.

Nur ein Fünftel der Bevölkerung lebt in den Städten. Bittere Ironie der Geschichte: Internetverbindungen sind dank der hochgerüsteten Kriegsführung in dem Entwicklungsland relativ gut ausgebaut. Nur die Laptops muss der Verein sukzessive mitbringen.

Eine Rückkehr nach Afghanistan kommt für Mosafer gegenwärtig nicht infrage. "Korruption und Vetternwirtschaft sind so schlimm, dass ich dort nicht leben könnte. Die prekäre Sicherheitslage verhindert auch, dass man vor Ort effektiv helfen kann. Das war der eigentliche Anstoß, warum wir sagten, wir müssen von Deutschland aus helfen", erklärt Mosafer.

"Als Asylbewerber durfte ich nur essen und schlafen"

Der Oberarzt hat eine ungewöhnliche, drehbuchreife Karriere hinter sich: Dass er 1980 in Frankfurt landet, ist zunächst alles andere als ein Happy End seiner abenteuerlichen Flucht. Den Anschlussflug nach Paris verpasst, rät man ihm, Asyl zu beantragen.

"Wie ein Päckchen wurde ich dann von einem Lager ins nächste geschickt. Als Asylbewerber durfte ich nur essen und schlafen."

Eine Ausbildung, selbst Deutschkurse, wurden ihm verwehrt. "Ich war frustriert. Die Sprache konnte ich nicht, Abitur hatte ich nicht, arbeiten durfte ich nicht", erzählt Mosafer. Der Bewegungsradius des ehemaligen Ingenieurstudenten wurde auf 20 Kilometer beschränkt.

Sein Ausbruch war ein Glücksfall: "Breschnew kam nach Bonn und ich sollte zur Demonstration mitfahren." Zufällig traf er einen Bekannten, der ihn unterbrachte, und eine Deutschlehrerin, die ihn heimlich in ihrem Kurs mitlernen ließ. Obwohl das Asylverfahren weiter lief und ihm jederzeit die Ausweisung drohte, holte er das Abitur nach. Note: 1,2.

Mosafer studierte Medizin, um in Afghanistan besser helfen zu können

Sein Traum, Pilot zu werden, zerplatzte, schließlich entschied er sich, in Bonn Medizin zu studieren. "Damit kann ich Afghanistan besser helfen", sagte er sich. Er war bereits im dritten Semester, da wurde in Nürnberg sein Asylverfahren eröffnet - und prompt abgelehnt.

Auch hier half der Zufall: Der Mann seiner früheren Deutschlehrerin war Juraprofessor. Mosafer strengte ein zweites Verfahren an.

Während des Studiums geht es bergauf, in der Schweiz macht er sein PJ. Das erste Mal flog er 1995 wieder an den Hindukusch.

Mosafer hat sich trotz der Startschwierigkeiten in Deutschland eingelebt. Doch immer, wenn er nach Kabul zurückkehrt, habe er bis heute das Gefühl: "Ich gehe nach Hause."

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