Ärzte Zeitung, 05.03.2012

Die Kehrseite der Wall Street

Schnelle Autos und rauschende Partys gehören zum Klischee eines Investmentbankers. Eine Ex-Bankerin gewährt einen Blick hinter die glitzernde Fassade. Und hier sieht es erschreckend aus: Viele Finanzjongleure ruinieren für den Job ihre Gesundheit.

Von Daniel Schnettler

Die Kehrseite der Wall Street

Stress und 100 Stunden Arbeit pro Woche: Das Arbeiten an der Wall Street ist Gift für den Körper.

© Xinhua / imago

NEW YORK. Perfekt sitzender Scheitel, gebügeltes Hemd, Maßanzug, vielleicht ein wenig überheblich, aber immer auf Zack.

Das ist das Bild, das die Öffentlichkeit von einem Investmentbanker hat - jenen Damen und Herren, die in den glitzernden Bürotürmen von New York bis Frankfurt milliardenschwere Übernahmen abwickeln, Börsengänge vorbereiten oder am Finanzmarkt zocken. Und die dafür fette Boni kassieren und in Saus und Braus leben.

Fast jeder leidet an Allergien oder Schlafstörungen

Soweit das Klischee. Aber der Erfolg in dem Geschäft hat seinen Preis. Arbeiten von früh morgens bis tief in die Nacht, kaum freie Wochenenden, hastig reingeschaufeltes Essen und der ständige Erfolgsdruck fordern ihren Tribut.

Nach ein paar Jahren im Job leide so gut wie jeder Investmentbanker unter Schlafstörungen oder Allergien, verfalle dem Alkohol oder funktioniere nur noch mit Pillen, sagt jedenfalls Alexandra Michel. Und sie muss es wissen.

"Ich war einer dieser Jungbanker, die 80 oder manchmal auch 100 Stunden die Woche arbeiten", erzählt Michel, die es nach einer Banklehre von Grevenbroich nahe Düsseldorf an die hektische Wall Street verschlagen hatte.

Drei Jahre lang arbeitete sie bei der Investmentbank Goldman Sachs an Fusionen und Übernahmen mit, untersuchte später im Auftrag der Firma die Arbeitsweisen ihrer Kollegen, bevor es sie endgültig in die Wissenschaft verschlug.

In jungen Jahren verkraftet der Körper den Stress

"Mein Mann und ich haben uns kaum gesehen", sagt Michel. "Es war einfach nicht vorauszusagen, wann man aus dem Büro kommt." Sie zog die Notbremse. Heute doziert Michel an der University of Southern California und hat jüngst eine Studie über das Leben und Arbeiten an der Wall Street veröffentlicht.

Es ist einer der intimsten Einblicke in die Welt der Hochfinanz, die es bislang gab. Und das Interesse daran ist riesig. Die Wissenschaftlerin tourt derzeit durch US-Fernsehsender und gibt ein Zeitungsinterview nach dem anderen. Viele in der Branche sehen sich in ihren eigenen Erfahrungen bestätigt, wenngleich kaum ein Banker sich öffentlich äußern möchte.

"Die Arbeit verändert einen Menschen, erst recht wenn man 100 Stunden die Woche schuftet", sagt Michel im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa.

Sie hat ganze neun Jahre lang mehr als zwei Dutzend Banker mit Zustimmung von deren Arbeitgebern begleitet. "Ich bin in leerstehende Büroboxen eingezogen und habe die Leute um mich herum beobachtet." Später führte sie vierteljährlich Interviews.

Viele entwickeln nervöse Ticks

"Die ersten drei Jahre arbeiten sich die Banker die Seele aus dem Leib, der Körper verkraftet das in jungen Jahren", gibt Michel ihre Untersuchungsergebnisse wider. "Die Leute prahlen damit, dass sie zwei Nächte nicht geschlafen haben. Ein Blutfleck auf dem Hemd gilt als Ausweis, dass man es nicht nach Hause geschafft hat und sich auf der Bürotoilette rasieren musste."

Ab dem vierten Jahr gehe es aber steil abwärts mit der Gesundheit, hat Michel festgestellt.

"Viele haben Zusammenbrüche, werden krank oder entwickeln nervöse Ticks wie Nasebohren oder Nägelkauen. Ich habe von einem gehört, der seine Meetings liegend auf dem Tisch abgehalten hat, weil seine Rückenschmerzen so stark waren."

60 Prozent der Banker machten trotz aller gesundheitlichen Probleme einfach weiter wie bisher, beschreibt sie in ihrer Studie. "Die übrigen 40 Prozent hören auf ihren Körper und schrauben die Arbeit zurück, weil sie es einfach nicht mehr schaffen."

Ironischerweise seien diese Leute am Ende die wertvolleren Mitarbeiter für die Bank. "Sie sind ausgeruhter und damit kreativer und besitzen ein schärferes Urteilsvermögen."

Die Bank wird zum sozialen Kokon

Doch warum merken die Banker nicht, dass die Arbeit sie kaputt macht? "Eine Bank ist wie ein sozialer Kokon", sagt Michel. Mit Annehmlichkeiten wie freiem Essen oder einem Fitnessstudio im Haus werden die Mitarbeiter im Büro gehalten. Die Grenzen zwischen Job und Privatem verschwimmen.

"Es ist bequem für die Banker, auf der Arbeit zu sein." Freunde und Familie würden vernachlässigt. "Ich weiß von einem Inder, dessen Familie extra für einen Tag eingeflogen kam, um mit ihm Mittag zu essen, und er hatte keine Zeit, weil er arbeiten musste."

Viel länger als bis 35 Jahre hielten die meisten diesen Stress aber nicht aus, dann suchten sie sich einen neuen Job etwa bei einem Finanzinvestor oder in der Politik oder sie würden versuchen ganz auszusteigen. "Die Banker wollen so viel verdienen, dass sie sich damit ihren Traum verwirklichen können", sagt Michel.

"Die Wahrheit ist aber: Nach all den Jahren in der Bank wissen sie gar nichts mehr mit ihrer freien Zeit anzufangen." (dpa)

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