Ärzte Zeitung, 18.04.2012

Geiz ist geil - auch bei der Bestattung

Er lässt viele Leichen in Tschechien einäschern und mischt das Bestattergewerbe in Berlin mit Discountpreisen auf: Hartmut Woite hat für sein Beerdigungsinstitut ein Erfolgskonzept entwickelt.

Von Stephan Scheuer

Geiz ist geil - auch bei der Bestattung

Bestatter Hartmut Woite in seinem Ausstellungsraum. Mit seinem Sargdiscount bietet er besonders günstige Preise an.

© Gambarini / dpa

BERLIN/POTSDAM. Hartmut Woite kennt ihn gut, den Tod, denn er lebt von ihm. Vorsichtig nimmt er die silberne Urne und dreht sie zwischen den Blumen zurecht. Bis die Angehörigen zur Trauerfeier kommen, muss alles vorbereitet sein in der Kapelle in Potsdam.

Dumpfes Grollen kommt aus einem Nebenraum. "Da ist das Krematorium", sagt der schlaksige 68-Jährige mit der Halbglatze.

Ein kräftiger Mann mit blauer Latzhose schiebt einen hellen Kiefernsarg zum Ofen. Mit finsterem Blick mustert er Woite.

Der Bestatter hat sich in der Berliner Branche nicht unbedingt Freunde gemacht, weil er unter dem Namen "Sargdiscount" mit besonders günstigen Preisen wirbt und viele Leichen nicht in Deutschland, sondern in Tschechien einäschern lässt.

"Die nennen mich den Aldi der Bestatter - da habe ich kein Problem mit", sagt er. Was andere von ihm denken, scheint ihm noch nie viel ausgemacht zu haben. Während Demonstranten in den 60er Jahren die Lieferwagen mit Zeitungen aus dem Springer-Konzern blockieren wollten, finanzierte er sich als Packer im Lager von Springer sein Design-Studium.

Heute schafft Woite drei Beerdigungen am Tag, manchmal vier. Während viele in seinem Alter ihren Ruhestand genießen, ist er Chef von 15 Mitarbeitern.

Familiäre Bindungen haben sich verändert

"Es gibt eine Tendenz, dass Menschen in Deutschland eine günstige Bestattung haben wollen", sagt Susanne Meunier von der Stiftung Warentest. Grund dafür seien vermutlich immer schwächere Bindungen in der Familie.

2004 ist zudem das Sterbegeld der gesetzlichen Krankenkassen weggefallen. Seitdem müssen Angehörige oft alleine für die Kosten einer Beerdigung aufkommen.

Auf einem Metallständer baut Woite das Foto des Toten auf. Kurz vor seinem 92. Geburtstag ist der Mann aus Potsdam gestorben. Die traditionelle schwarze Schleife rutscht immer wieder vom Rand des Bildes herunter.

"Dafür habe ich Klebeband", sagt Woite. Hier ein Streifen, dort ein Streifen und die Schleife hängt. Einfach und günstig - wie sein Geschäft. Woite geht ein paar Schritte zurück und holt eine Kamera.

"Ich mache Videos von allen Kapellen. Die können wir dann unseren Kunden auf einem iPad vorführen", sagt er - eine seiner Geschäftsideen.

Eine Idee wie damals, als er in der Nähe des tschechischen Dorfes Vysocany einen Deal mit dem lokalen Krematorium machte. Seitdem lässt Woite besonders günstig im Nachbarland einäschern. Sarg, Transport und anonyme Bestattung bietet er zum Kampfpreis von 888 Euro an.

Die Bestatter-Innung von Berlin und Brandenburg sieht die Fahrten nach Tschechien skeptisch. "Dort herrscht nicht der gleiche Qualitätsstandard in den Krematorien wie in Deutschland", sagt Obermeister Rüdiger Kußerow.

In Deutschland gebe es Kontrollen. Die Krematorien seien verlässlich und Verwechselungen der Toten nahezu ausgeschlossen. In Tschechien sei dies schwerer zu beurteilen.

Woite organisiert mittlerweile Fahrten zum tschechischen Krematorium, um seine Kunden von den Bestattungen im Nachbarland zu überzeugen. Mit einer "Tiefpreisgarantie" verspricht er, 30 Euro billiger zu sein als alle Mitbewerber in Berlin und Umgebung.

Während aus den Lautsprechern der Kapelle Orgeltöne erklingen, füllt sich der Raum mit dunkel gekleideten Menschen. Woite geht einer grauhaarigen Frau mit Krückstock entgegen und führt sie zu einem Holzstuhl vor der Urne.

Kinder, Bekannten und Verwandten setzen sich auf die Stühle neben der Frau. Während der Trauerfeier schaut sie immer wieder auf zu dem Bild ihres Mannes.

Auf dem Weg zum Grab wird sie von ihrem Sohn Peter Herwig gestützt. Der 57-Jährige hat sich mit seinen Geschwistern dafür entschieden, den Vater in Tschechien einäschern zu lassen. "Das Geld musste schon stimmen", sagt er.

Billigstes Modell ist ein Sarg aus Kiefernholz

Auf eine Trauerfeier und das Grab in Potsdam wollte die Familie aber nicht verzichten. Das kostet natürlich extra. Eine schöne Feier sollte es sein, aber nicht zu opulent. Sein Vater sei schließlich sehr bescheiden gewesen.

Seine Schwester Juliane sieht es nicht ganz so pragmatisch: "Die Verbrennung in Tschechien ist schon ein unangenehmer Gedanke."

Woite ist mit der Beerdigung zufrieden. Gleich mehrmals hat sich die Familie bei ihm bedankt. Jetzt steigt er in seinen Mercedes. Kaum hat er Platz genommen, dröhnt der Klang von Kirchenglocken aus den Lautsprechern - sein Klingelton. Woite beendet das Telefonat und fährt zu einer seiner fünf Filialen nach Berlin.

Särge aller Preisklassen sind dort nebeneinander aufgebaut. Woite bleibt vor einem aus hellem Kiefernholz stehen. "Das ist das einfachste Holz, das es gibt", sagt er und klopft mit seiner Hand auf den Deckel.

"Es gibt auch Pappsärge, aber die sind teurer als diese Dinger." Bei den Pappsärgen fehlten die Henkel und daher brauche er vier statt zwei Träger. Auf der Suche nach günstigen Särgen sei er schon nach Polen, Bulgarien und Tschechien gefahren. Die Tücher für die Särge lasse er von einer Frau in der Ukraine nähen.

"Ich kaufe nur ganze Lkw-Ladungen. Das ist günstiger", sagt der 68-Jährige und zeigt in einen Nebenraum, wo er Einzelteile von Särgen an die Wände gelehnt hat. Dann greift er mit der Hand in eine Kiste und zieht dünne Pappschnipsel hervor.

"Damit legen wir die Särge aus." Früher habe er Sägespäne genommen, aber die seien mittlerweile "kreuzteuer". Statt der Späne zerhäckselt er nun Pappkartons. "Von denen haben wir eh mehr als genug."

Dann verstummt er und blickt auf eine kleine weiße Holzkiste neben den Kiefernsärgen. Woite verschränkt die Arme vor der Brust, als wolle er sich schützen. Dann sagt er knapp: "Der ist für Föten. Da werden mehrere nebeneinander reingelegt."

Der mehrfache Großvater stockt. "Solche Aufträge machen wir auch für Krankenhäuser, aber das ist schon hart." Dann wendet er den Blick ab von dem kleinen Sarg. (dpa)

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