Ärzte Zeitung, 20.04.2012

Erst Pianist, dann Facharzt

Zwei von drei Ärzten spielen ein Musikinstrument, viele von ihnen auf hohem Niveau. Doch irgendwann müssen sie sich entscheiden - Musik oder Medizin? Wolfgang Ellenberger hat beide Ziele verfolgt: Er arbeitete erst als Pianist und ist bald Facharzt für Psychiatrie.

Von Stefan Käshammer

Erst Pianist, dann Facharzt

Der Arzt und Pianist Wolfgang Ellenberger unterrichtet eine Kollegin in Wien.

© L. Bösendorfer Klavierfabrik

Neben dem Arztberuf ein anspruchsvolles Hobby wie die Musik zu pflegen ist ein Spagat, den die meisten nicht lange durchhalten.

Der Pianist und Arzt Wolfgang Ellenberger hat ihn über den größten Teil seines Berufslebens bewältigt. Parallel studierte er Klavier und Medizin, zusätzlich Musiktherapie.

18 Jahre lang lebte er von und mit der Musik. Heute steht er kurz vor seiner Facharztreife in Psychiatrie. Schon seit Jahren bietet er Klavier-Intensivkurse für Ärzte an.

Professionell aktiv in Musik und Medizin - das ist schwer

Rund zwei Drittel der Ärzte spielen selbst ein Musikinstrument (Ned Tijdschr Geneeskd. 155; 2011: A4402), manche auf hohem Niveau.

Viele Kollegen, die in ihrer Jugend musikalisch weit gekommen sind, haben sich dann vor Studienbeginn nicht ganz leichten Herzens gegen die Musik und für die Medizin als Beruf entschieden.

Die meisten pflegen die Musik als Hobby weiter, können aber durch die Belastungen von Arztberuf und Familienleben ihrem eigenen musikalischen Anspruch bald nicht mehr gerecht werden. In beiden Bereichen professionell aktiv zu sein gelingt nur ganz wenigen.

Wolfgang Ellenberger macht es vor

Wolfgang Ellenberger ist eine solche Ausnahme. Mit 17 Jahren kam er nach seiner Teilnahme an einem Wettbewerb mit einem renommierten Klavierprofessor der Hamburger Musikhochschule in Kontakt, der ihn zum Klavier-Studium ermutigte.

Bedingt durch sein naturwissenschaftliches Interesse und eine familiäre Verbundenheit zum Arztberuf, entschied er sich, gleichzeitig Medizin zu studieren.

Von 1973 bis 1984 studierte er in Hamburg über weite Strecken parallel Klavier, Humanmedizin und Musiktherapie. 1977 erhielt er sein Klavier-Diplom, 1982 die ärztliche Approbation. Seine musiktherapeutische Ausbildung sollte ihm Jahre später den Wiedereinstieg in die Klinik erleichtern.

 Doch zuvor war Ellenberger 18 Jahre lang als freischaffender Pianist tätig. Er trat selbst am Klavier auf, dirigierte Orchester, auch Ärzteorchester, und gab Unterricht. Häufig war er während dieser Zeit bei Ärztekongressen für die Gestaltung des musikalischen Rahmenprogramms zuständig.

1991 begann er, Klavier-Meisterkurse für Ärzte anzubieten. Die Idee dafür sei ganz zufällig gekommen, wie Ellenberger sich erinnert. "Ich sollte in einem noblen Hotel über mehrere Tage abends Vorträge über Musik halten. Da ich aber den Rest der Zeit dort nicht nur rumsitzen wollte, schlug ich vor, am Flügel des Hotels Kurse zu geben."

Klavierunterricht vom Arzt für Ärzte. Das kam bei den Kollegen gut an und in den folgenden Jahren fanden an unterschiedlichen Orten in Deutschland über 30 solcher Kurse statt. Viele Kollegen nahmen mehrmals daran teil.

Im Jahr 2000 begann der vierfache Vater Ellenberger nicht zuletzt aus wirtschaftlichen Gründen, sich auf seine medizinischen Wurzeln rückzubesinnen.

Schwierig sei es gewesen, Arbeitgebern im Bewerbungsgespräch klar zu machen, dass er es 18 Jahre nach der Approbation und ohne klinische Berufspraxis ernst meinte mit seinem Ziel, Facharzt für Psychiatrie zu werden.

Musiktherapie - punkten mit der Zusatzqualifikation

Punkten konnte er jedoch mit seiner musiktherapeutischen Zusatzausbildung. Sie diente ihm letztendlich als Eintrittskarte in eine psychiatrische Klinik, deren Musiktherapieabteilung er aufbaute.

Seitdem hat Ellenberger als Assistenzarzt Weiterbildungsstationen in Deutschland und der Schweiz durchlaufen. Von seinem Ziel "Facharzt für Psychiatrie" ist er nicht mehr weit entfernt.

Die Klavier-Kurse für Ärzte mussten seit dem Jahr 2000 zunächst dem ärztlichen Alltag weichen.

Seit Sommer 2011 lässt er sie wieder aufleben, und zwar an einem attraktiven Standort: Die Kurse finden in Wien statt in Zusammenarbeit mit dem weltbekannten Klavierfabrikanten Bösendorfer. Bösendorfer wurde 1828 gegründet und ist eine der ältesten Klaviermanufakturen der Welt.

Die Teilnehmer der "Bösendorfer Piano Music Docs" erhalten ihren Einzelunterricht auf meist fabrikneuen Bösendorfer-Flügeln.

Viele hatten jahrelang nicht ernsthaft Klavier gespielt. Andere kamen ganz ohne Vorkenntnisse und waren erstaunt, wie viel Wolfgang Ellenberger mit seinem Unterricht aus ihnen rausholen konnte.

In einem Abschlusskonzert können alle Teilnehmer unabhängig von ihrem Niveau die erlernten Musikstücke zum Besten geben.

Reizvoll ist auch das Rahmenprogramm: Während der Kurszeit findet eine ausführliche Besichtigung der Bösendorfer-Manufaktur statt.

Viele nutzen außerdem abends das Wiener Kulturangebot an Konzerten, Theater, Oper und Museen.

Bösendorfer Piano Music Docs

Die nächste Ausgabe der Klavierkurse für Ärzte findet unter dem Namen "Bösendorfer Piano Music Docs" vom 23. bis 26. August 2012 in Wien statt. Geleitet werden die Kurse von dem Arzt und Pianisten Wolfgang Ellenberger. Interessenten können sich im Internet informieren und anmelden unter: http://docs.boesendorfer.com/

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