Ärzte Zeitung, 26.04.2012

Mit Prothesen zurück auf die Überholspur

Schicksalsschläge werfen viele Menschen aus der Bahn. David Behre hat sich zurückgekämpft: Obwohl er seine Beine verlor, ist er heute einer der besten Sprinter der Welt.

Von Jonas Tauber

Mit Prothesen zurück auf die Überholspur

Training für die Paralympics in London: Sprinter David Behre auf dem Sportgelände seines Vereins Bayer 04 Leverkusen.

© Friedemann Vogel / Ergo Versicherungen

KÖLN. David Behre lässt sich von den Schmerzen nichts anmerken. "Hey", ruft er einem Läufer aus der anderen Leistungsgruppe zu, der auf der Tartanbahn an ihm vorbeitrabt. "Wohin fahrt ihr nächsten Monat ins Trainingslager?"

"Lanzarote", kommt es zurück. "Super. Viel Spaß." Behre ist am Tiefpunkt seiner noch jungen Leichtathletik-Karriere angekommen, eine Entzündung im Knie hat ihn um Monate zurückgeworfen.

"Ich sehe das als Herausforderung", sagt der Blondschopf und lacht.

Wehleidig sieht anders aus. Behre verabschiedet sich in Richtung Umkleidekabine im überdachten Teil der Fritz-Jacobi-Anlage in Leverkusen. "Ich bring noch schnell meine Beine in den Spind", sagt der 25-Jährige.

Als er wieder zu sich kommt, fehlen ihm seine Beine

David Behre fehlen beide Unterschenkel - seit einem lebensgefährlichen Unfall in seiner Heimatstadt Moers am Niederrhein. Am Morgen des 8. Septembers 2007 radelt Behre durch Moers. Er kommt von einem guten Freund.

Der Weg führt über einen Bahnübergang. Rechts und links wuchert dichtes Gestrüpp entlang der Schienen, Behre sieht die Rangierlok nicht kommen. Sie erfasst ihn und schleudert ihn durch die Luft, Behre verliert das Bewusstsein.

Als er wieder zu sich kommt, realisiert Behre, dass seine Beine unterhalb der Knie fehlen. Ihm ist klar, dass er Hilfe finden muss, wenn er überleben will. Er robbt auf den Ellenbogen den Abhang neben den Schienen hinauf.

Er weiß: da oben sind Häuser, da gibt es Hilfe. Eine Frau hört ihn und ruft den Krankenwagen. Behre bittet die geschockte Anwohnerin, seine Beine zu suchen, damit sie auf Eis gelegt werden. Vielleicht können sie ja wieder angenäht werden, hofft er zu diesem Zeitpunkt.

Doch das ist unmöglich: Die Rangierlok hat die Beine regelrecht zermalmt. Als der Krankenwagen in Richtung Krankenhaus losfährt, bricht die Retterin zusammen.

Heute gilt David Behre als zweitbester behinderter Sprinter weltweit. Den Aufstieg an die Weltspitze gelingt ihm in Rekordgeschwindigkeit. Im April 2009 schlüpft er zum ersten Mal in die Sprintprothesen - und will sie gar nicht mehr ausziehen. "Es war, als ob ich über die Bahn fliegen würde."

2011 gewinnt er die Silbermedaille über 400 Meter bei der Weltmeisterschaft des größten Behindertensportverbands IPC in Neuseeland, sein bisher größter Erfolg.

Im Krankenhaus hatte er einen Fernsehbericht gesehen, der ihn inspirierte. Es ist eine Dokumentation über einen Behindertensportler aus Südafrika, der in der Sportlerwelt für Diskussion sorgt. Oscar Pistorius läuft mit speziellen Prothesen die 400 Meter in Zeiten, die nicht weit von denjenigen entfernt sind, wie sie Spitzensportler ohne Behinderung laufen. Einige Kritiker behaupten, die federnden Sprinthilfen aus Karbon verschafften dem Athleten einen unfairen Vorteil.

"Als ich Pistorius sah, wusste ich: das will ich auch", erinnert sich Behre. "Irgendwann, nahm ich mir vor, irgendwann will ich Pistorius schlagen." Bisher am nächsten kam er diesem Ziel 2011 in Neuseeland.

Mitleid der Anderen - damit kann er nicht umgehen

Mit Prothesen zurück auf die Überholspur

"Ich will die Beine inzwischen gar nicht mehr haben", sagt David Behre.

© Friedemann Vogel / Ergo Versicherungen (2)

Das hochgesteckte Ziel hilft. Innerhalb weniger Wochen durchläuft er das Reha-Programm der Duisburger Klinik. Die Ärzte sind überrascht, in welcher Schnelligkeit Behre mit den Prothesen zurecht kommt. Aber Behre will mehr.

"Womit ich gar nicht umgehen konnte, war Mitleid", erinnert sich Behre. Zum Zeitpunkt des Unfalls hat er gerade eine Ausbildung zum Fachinformatiker begonnen, und viele der älteren Kollegen aus dem Lehrbetrieb Internationaler Bund in Voerde am Niederrhein beginnen zu weinen, als sie ihn im Rollstuhl sehen.

"Diese Leute hab ich dann getröstet und wieder aufgerichtet." Er lächelt.

Er erfährt von einer Gruppe von körperlich behinderten Motorradfreunden, die sich regelmäßig im Westerwald treffen. Der Veranstalter dieser Treffen heißt Thomas Kipping und ist für Prothesen der Nationalmannschaft des Behinderten Sportbundes verantwortlich.

Behre geht im Juli 2008 zu ihm, sucht den Kontakt. Und tatsächlich wird Kipping aufmerksam und vermittelt ihn zum Sportverein Bayer 04 Leverkusen. Im Oktober findet ein Probetraining statt. Behre überzeugt.

Trotz Knie-Verletzung hat er die Paralympics im Blick

"Die Schwierigkeit ist immer, Mensch und Technik zusammenzubringen", sagt Behres Trainer Karl-Heinz Düe. An der Schnittstelle zwischen dem menschlichen Körper und der Prothese entstehen die meisten Probleme.

Das Besondere an Behre war, wie schnell und problemlos er das Laufen mit den Prothesen meisterte, erinnert sich Düe. Wie auf der Überholspur. Bis zu dem Rückschlag im Herbst 2011. "David hat einfach Pech gehabt", sagt Düe.

Beim Lauftraining im November 2011 reißt der Meniskus und die Ärzte entscheiden sich für eine Operation. Aber das Knie entzündet sich. Es folgen drei weitere Knieoperationen.

Behre muss eine dreimonatige Zwangspause einlegen, erst im Februar kann er wieder mit dem Training beginnen. Jetzt liegt viel Arbeit vor dem 25-Jährigen.

Die Verletzung kommt zur denkbar ungünstigsten Zeit. Denn im September 2012 stehen die Paralympics in London an. So oder so will Behre dort laufen, und zwar auf allen Sprint-Distanzen: 100 Meter, 200 Meter und 400 Meter.

Vorausgesetzt, er schafft bis Ende Juli die jeweilige Normzeit, aber gemessen an seinen bisherigen Bestzeiten sollte das eine reine Formalität sein. Doch irgendwann will er seinen Traum verwirklichen: Der Start bei einem Wettbewerb, bei dem er sich mit nichtbehinderten Sportler messen kann, trotz der Prothesen. So wie der Südafrikaner Oscar Pistorius.

David Behre hat so großen sportlichen Erfolg, weil er seine Behinderung akzeptiert und in eine Stärke verwandelt hat.

Aus seinem Mund hört sich glaubhaft an, was doch nicht sein kann: "Ich will die Beine inzwischen gar nicht mehr haben", sagt er. "Wenn ich mein altes Leben zurück haben könnte, hätte ich das alles hier so nicht erlebt."

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