Ärzte Zeitung, 23.05.2012

Reaktorkatastrophen: Risiko höher als gedacht

MAINZ (dpa). Das weltweite Risiko für katastrophale Reaktorunfälle ist Mainzer Forschern zufolge höher als angenommen. Mit dem momentanen Bestand an Atomkraftwerken könne es etwa einmal in zehn bis 20 Jahren einen größten anzunehmenden Unfall (GAU) geben, wie Dr. Jos Lelieveld vom Max-Planck-Institut für Chemie ausrechnete (Atmospheric Chemistry and Physics 2012; 12, 4245).

Danach tragen im weltweiten Vergleich die Einwohner im dicht besiedelten Südwestdeutschland durch die vielen Kernkraftwerke an den Grenzen Frankreichs und Belgiens das höchste Risiko einer radioaktiven Verseuchung.

Westeuropa - inklusive Deutschland - werde wahrscheinlich einmal in etwa 50 Jahren mit mehr als 40 Kilobecquerel radioaktivem Cäsium-137 pro Quadratmeter belastet. Nach einer Definition der Internationalen Atomenergie Behörde (IAEA) gilt ein Gebiet ab diesem Wert als radioaktiv kontaminiert.

Momentan seien weltweit 440 Kernreaktoren in Betrieb, 60 weitere befänden sich in Planung. Um die Wahrscheinlichkeit einer Kernschmelze zu ermitteln, berechneten die Forscher die Laufzeit aller Kernreaktoren weltweit von der Inbetriebnahme des ersten zivilen Reaktors bis heute.

Diese Summe - 14 500 Jahre - teilten sie durch die Zahl von vier Kernschmelzen - eine in Tschernobyl und drei in Fukushima.

Alle 3625 Reaktorjahre ein Gau

"Daraus ergibt sich, dass es in 3625 Reaktorjahren zu einem GAU kommt", erklärte Lelieveld. Selbst wenn dieses Ergebnis auf 5000 Reaktorjahre aufrundet wird, liege das Risiko 200-mal höher als Schätzungen der US-amerikanischen Zulassungskommission für Kernreaktoren im Jahr 1990 ergaben.

Bei der Studie blieb außen vor, wie alt ein Reaktor ist, von welcher Bauart und in welchem Gebiet er liegt.

"Wenn wir Fukushima nur als einen GAU betrachten, verringert sich das Risiko um die Hälfte", sagte Lelieveld. Mit einem Modell berechneten die Atmosphärenchemiker zudem, wie sich die radioaktive Belastung nach einem GAU verteilt.

Demnach würde die Hälfte des radioaktiven Cäsium-137 mehr als 1000 Kilometer, ein Viertel weiter als 2000 Kilometer transportiert.

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