Ärzte Zeitung, 21.06.2012

Von der inneren Ästhetik eines Darms

Er verbindet medizinische Aufnahmen mit seiner künstlerischen Arbeit: Matthias Klemm präsentiert seine Werke bei einer Schau in Leipzig, die ganz im Zeichen der Früherkennung von Darmkrebs steht.

Von Thomas Trappe

Von der inneren Ästhetik eines Darms

Stellt Arbeiten in Leipzig aus: Matthias Klemm.

© Trappe

LEIPZIG. Erst auf den zweiten Blick bemerkten die rund hundert Gäste, dass sie nicht in eine Rosenblüte, sondern in einen Darmtrakt schauten.

Zugegeben, sagt der Künstler Matthias Klemm, die Innenaufnahme eines Verdauungstraktes ist nicht das nächstliegendste Stilmittel, aber ein wirkungsvolles.

"Die Reaktionen waren durchweg positiv", sagt Klemm, während er auf eine farbenfrohe Leinwand zeigt, deren scheinbares Zentrum eine Rosenblüte bildet - es handelt sich um die Aufnahme einer Koloskopie.

Der Titel des Bildes erklärt sich da schon fast von selbst: Einsichten. "Man muss länger schauen, aber dann kommt die Einsicht, dass selbst die innere Ästhetik eines Darms mit der äußeren einer Rose mithalten kann."

Wandbilder für Strahlentherapie

Das Bild "Einsichten" ist Titelgeber der Ausstellung, die noch bis zum 29. Juni im Foyer des Leipziger Neuen Rathauses zu sehen ist.

Das ungewöhnliche Motiv des Aufmacher-Werkes ist dabei kein Zufall, sondern weist darauf hin, dass es hier um ein ganz spezielles Thema geht, nämlich um die Früherkennung von Darmkrebs.

Die Stiftung Lebensblicke aus Ludwigshafen widmet sich dem Thema und ist Veranstalter der Ausstellung, bei der auch Bilder verkauft werden - 40 Prozent der Erlöse kommen der Stiftung zugute. Bis zu 50 000 Euro könnten so gesammelt werden.

Matthias Klemm ist seit 1969 in Leipzig als freiberuflicher Künstler tätig. 1941 im heutigen Polen geboren, studierte er in Dresden und Leipzig Bildende Kunst.

Neben seiner Tätigkeit als Maler und Grafiker schuf Klemm Kunst für kirchliche, aber auch medizinische Einrichtungen.

Unter anderem Wandbilder für die Strahlentherapie der Medizinischen Fakultät der TU Dresden und für die Leipziger Robert-Koch-Klinik, außerdem zwei Glasfensterfronten für die neue Kapelle des Diakonissenkrankenhauses Leipzig.

In diesem Januar verlieh das Rathaus Klemm die Ehrenmedaille der Stadt Leipzig, eine Auszeichnung, die zuvor zum Beispiel José Carreras erhielt.

Ein begeisterter Stiftungschef

Die Idee, medizinische Aufnahmen und Kunst zu verbinden, hatte Klemm bereits vor zehn Jahren. Damals hatte er Probleme mit den Augen und musste sich einer Untersuchung unterziehen.

Den Augen ging es bald wieder gut, doch die Augenhintergrundaufnahme wollte Klemm nicht einfach wegschmeißen. Er verwendete sie für Collagen, auf ihnen sind Spinnen, Kohlköpfe und Pusteblumen zu sehen - fließend übergehend in eine Augenhintergrundaufnahme.

Die Collagen fanden sich später in einem Bildband wieder und damit ihren Weg zu Jürgen Riemann.

Riemann ist emeritierter Professor der Universität Ludwigshafen und als Gastroenterologe Vorstandsvorsitzender der Stiftung Lebensblicke.

Riemann ist geradezu begeistert von der Ausstellung, die Verbindung gastroenterologischer Aufnahmen - es sind übrigens keine von Matthias Klemm, sondern anonymisierte - mit Kunst sei "unglaublich beeindruckend".

Er und seine Stiftung seien ständig auf der Suche nach neuen Wegen, um für Darmkrebsvorsorge in der breiten Bevölkerung zu sensibilisieren.

"Und mit dieser Ausstellung öffnen wir die Augen für die Kunst und die Früherkennung gleichermaßen", sagt er. "Das ist ein völlig neuer Zugang."

In der Behörde gibt es viel Laufpublikum

Der Ausstellungsort sei dafür ideal, so Riemann. Da es in einer Behörde viel Laufpublikum gibt, spräche man genau jene Menschen an, die man sonst kaum erreiche.

"Es muss ja nicht gleich dazu führen, dass die Leute eine Darmspiegelung machen. Es gibt ja auch andere Untersuchungen, die weniger Ängste verursachen, zum Beispiel die Stuhlprobe. Es geht darum, aufzuklären und überhaupt auf das Thema aufmerksam zu machen."

Bei der Ausstellung im Leipziger Rathaus sind nicht nur Collagen mit Darmspiegelungen zu sehen, im Gegenteil: Es handelt sich um eine kleine Werksschau des Matthias Klemm.

Aktfotografien machen einen Großteil der rund drei Dutzend Bilder aus, auch verfremdete Porträts des Chefdirigenten im Leipziger Gewandhaus Riccardo Chailly.

Es geht auch um Lebensfreude

Für Klemm geht es vor allem um die Botschaft, dass es selbst bei einem Thema wie Darmkrebs und dessen Vorsorge auch um Lebensfreude geht - nicht umsonst setzt er die eher bedrückend wirkenden Darmspiegelungsaufnahmen in ein farbenfrohes Pinselspiel.

In die gleiche Kategorie fällt wohl auch das Porträt eines vom Alter gezeichneten Mannes im Rollstuhl, auf seinem Schoß ein Junge mit "herrlich unbedarftem Blick", wie Klemm es umschreibt.

Klemm weiß, wovon er redet, geht es um die therapeutische Wirkung von Kunst. In der Psychiatrischen Klinik des Parkkrankenhauses Leipzig-Probstheida betreibt er ein offenes Atelier, arbeitet dort mit psychisch Kranken zusammen.

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