Ärzte Zeitung, 25.06.2012

Beim Pferdestriegeln die Krankheit vergessen

Auf einem Reiterhof in Nordhessen können krebskranke Kinder für einige Tage ihre Krankheit vergessen. Die überwiegend Sieben- oder Achtjährigen machen dort Urlaub vom Schmerz.

Von Heidi Niemann

Beim Pferdestriegeln die Krankheit vergessen

Wellnessprogramm: Ausgiebig striegeln die Kinder ihr Lieblingspferd.

© Niemann

GROSSALMERODE. Die beiden Mädchen sind ein wenig ratlos. Ausgiebig haben sie an diesem Morgen ihr Lieblingspferd gestriegelt, die Hufe ausgekratzt und auch schon den Sattel herangeschleppt.

Doch jetzt gibt es ein Problem: "Die Trense von Popcorn ist weg!" Ohne Trense kann das Pferd nicht auf den Reitplatz. Die Aufregung legt sich jedoch schnell wieder.

Eine der Betreuerinnen hatte die Trense schon nach draußen gebracht und für die Mädchen bereitgelegt. Jetzt können sie Popcorn fertig aufzäumen, der Vormittag auf dem Reitplatz ist gerettet.

Die meisten Kinder haben schwere Zeiten hinter sich

Auch die anderen Kinder sind mit Eifer bei der Sache, um die Pferde für ihre morgendlichen Reitübungen zu präparieren. Seit Monaten haben sie sich auf diesen Ferienaufenthalt gefreut.

Eine Woche verbringen die 19 Kinder auf dem idyllisch gelegenen Reiterhof Hirschberg nahe der nordhessischen Stadt Großalmerode. Die meisten von ihnen sind zwischen sieben und acht Jahren alt.

Für sie ist es weit mehr als ein gewöhnlicher Ferienaufenthalt - es ist ein Urlaub vom Schmerz: Die meisten von ihnen sind Patienten der onkologischen Universitätskliniken in Köln und Bonn und sie haben schwere Zeiten hinter sich.

Einige von ihnen waren an Leukämie erkrankt, andere litten an einem Hirntumor. Wegen ihrer Krebserkrankung mussten sie lange Zeit im Krankenhaus verbringen.

Hier auf dem Reiterhof können sie für einige Tage die Therapien und anstrengenden Klinikaufenthalte vergessen und unbeschwert die Natur und die gemeinsamen Aktivitäten genießen.

Die Reiterferien haben mittlerweile schon eine gewisse Tradition. Seit 1993 finanziert das Pharmaunternehmen Grünenthal GmbH aus Aachen in jedem Frühsommer eine einwöchige Reiterfreizeit für krebskranke Kinder, an der meist auch einige Geschwister der jungen Patienten teilnehmen.

Für die Betreuer ist es jedes Mal faszinierend zu sehen, wie die Kinder nach der langen Zeit im Krankenhaus aufblühen: "Das ist immer wieder toll und enorm motivierend", sagt Sozialarbeiter Matthias Vogt, der bereits seit vielen Jahren zum Betreuerteam der Reiterfreizeiten gehört.

Volles Programm: Striegeln und Hufeauskratzen

Zum Team gehören außerdem Krankenschwestern und -pfleger, Erzieher und Sozialpädagogen, so dass stets eine umfassende professionelle und medizinische Betreuung gewährleistet ist.

Auch der Kinderkrankenpfleger und Mitarbeiter des Fördervereins für krebskranke Kinder in Köln, Dirk Zurmühlen, ist seit vielen Jahren dabei. "Der enge Kontakt mit den Pferden tut den Kindern ungemein gut", sagt er.

Die anderen Tiere auf dem Hof verstärken noch diese therapeutische Wirkung. "Die Kaninchen sind der Renner", erzählt Matthias Vogt. Manche Kinder sitzen stundenlang bei den Langohren. Andere reißen sich darum, die Schweine zu füttern.

An diesem Morgen geht es allerdings etwas langsamer und leiser zu als sonst. Die Kinder sind noch ein wenig müde, weil sie am Abend zuvor eine große Fußball-Party gefeiert haben und deshalb erst später ins Bett gekommen sind.

Viele von ihnen hatten sich für das Spiel der deutschen Nationalmannschaft schwarz-rot-gold geschminkt und vor dem Fernseher kräftig die Fahnen geschwenkt.

Obwohl die Nacht etwas kurz war, stehen an diesem Morgen alle wieder pünktlich auf der Matte und präparieren die Pferde.

Einige beschränken sich nicht nur auf das Striegeln und Hufeauskratzen, sondern flechten ihrem Lieblingspferd auch noch kunstvoll die Mähne.

Erlebnisse, von denen die Kinder lange zehren

Dann geht es auf den Reitplatz. Je zwei Kinder teilen sich ein Pferd, so dass sie sich beim Reiten abwechseln können.

Einige können es kaum abwarten, in den Sattel zu steigen und unter der Anleitung von Reitlehrern ihre Runden zu drehen und verschiedene Übungen zu machen. Alle Kinder sind dabei hochkonzentriert und zugleich entspannt.

An ihren freudestrahlenden Gesichtern lässt sich ablesen, wie sehr sie es genießen, hoch oben auf dem Pferderücken zu sitzen. "Das ist das Schönste", findet Maja.

Eine Steigerung dieses Glücksgefühls gab es am Tag zuvor, da haben sie einen Ausritt in den Wald gemacht: "Das war am Allerschönsten."

Daneben gibt es eine Reihe anderer spannender Aktivitäten, so steht unter anderem auch eine Kutschfahrt auf dem Programm.

Bei so vielen Eindrücken und Erlebnissen ist es kein Wunder, dass die Tage wie im Flug vergehen. Von dieser einen Woche aber werden die Kinder noch sehr lange zehren.

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