Ärzte Zeitung online, 09.08.2012

Stress im Arbeitsalltag

Und was kommt dann?

"Stress heute" - ein wachsendes Problem, dem sich auch Ärzte in ihrem Berufsalltag kaum entziehen können. Was dabei im Kopf passiert, das erläutert der Regensburger Neurologe und Psychotherapeut Dr. Volker Busch.

Von Annette Kaltwasser

Ermüdet, erschöpft, antriebslos - und was kommt dann?

Müde nach dem Dienst: Kritische Reizüberflutung im Job.

© Mathias Ernert

"Freitagnachmittag 16:30 Uhr, im Wartezimmer sitzen noch acht Fibromyalgie-Patienten, sechs davon stellen sich zum ersten Mal bei Ihnen vor..."

Das Telefon klingelt, die Helferin klopft an der Sprechzimmertür - "jeder will etwas von Ihnen, alles sofort, am besten gestern".

Dr. Volker Busch, Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie an der Universitätsklinik in Regensburg, hat dieses Szenario bei einem interdisziplinären Kolloquiums des Unternehmens Berlin-Chemie im oberfränkischen Wirsberg beschrieben: Thema seines Vortrags: "Stress heute".

Jeder will alles - was passiert in diesem Moment? Der präfrontale Kortex ist reizüberflutet. Das hat Folgen: Die neuronalen Schleifen funktionieren nicht mehr. Das Chaos herrscht.

Ermüdet, erschöpft, antriebslos - und was kommt dann?

Dr. med. Volker Busch: Organisatorisches Kammerflimmern im Gehirn.

© privat

"Sie sind blockiert" und maßlos überfordert. Kardiologen freuen sich nicht gerade über diese Bezeichnung", so Busch weiter, "aber wir nennen den Zustand "organisatorisches Kammerflimmern im Gehirn".

Analog zum Vorgang am Herz gibt's hier jetzt keinen geregelten Kreislauf mehr, die Synchronisation fehlt.

Akute Stressreaktionen sind physiologisch und sinnvoll, chronische hingegen unnatürlich, selbstgemacht, außerdem schädlich, führt der Neurologe weiter aus.

"Ermüdung, Erschöpfung und Antriebsmangel" - dieses Konglomerat an Symptomen bietet heute fast jeder dritte Patient in der Hausarztpraxis, aber auch Ärzte selbst sind gefährdet.

Die damit verbundenen Erkrankungen sind "stress-related disorders", zu denen unter anderen Fibromyalgie, Fatigue-Syndrom, Candidose und Reizdarmsyndrom zählen.

Zwar werden beim physiologischen, gesunden Stress dieselben neurobiologischen Prozesse aktiviert wie beim chronischen, jedoch ist die Stressform in der heutigen Zeit eine andere.

Mit zum Übel trage auf der einen Seite ein Verlust an Planbarkeit, Vorhersagbarkeit, Kontrolle und Durchschaubarkeit bei. Auf der anderen Seite haben "Zustände wie Reizüberflutung, Angst, Jobverlust und Mobbing" zugenommen.

In früheren Jahrhunderten waren es Kälte, Hunger und wilde Tiere, die die endokrinologische Unruhe mit adrenerger Reaktion in Form von Tachykardie, Blutdruck-, Blutzucker-, Cortisolanstieg und Bronchodilatation auslösten, heute sind die Stressfaktoren andere.

"Stellen Sie sich vor, die KV ruft bei Ihnen an..." - automatisch kommt's zur gesteigerten Aufmerksamkeit, besseren Gedächtnisleistung, der Blutzuckerspiegel steigt.... Was tun? "Sie können sich natürlich auch einfach totstellen", sagt Busch.

Das Spannende am Stress, meint der Regensburger Experte, ist die veränderte Emotionslage: Im präfrontalen Kortex können die erregenden Impulse, die aus dem Mandelkerngebiet (Corpus amygdaloideum) kommen, nicht mehr unterdrückt werden.

Die Folge: Empathie geht verloren, Wut und Aggression gewinnen die Oberhand. "Sie kennen das sicher, man wird cholerisch".

Die Reizüberflutung sieht Busch kritisch, ebenso die "immerwährende Anwesenheit" durch ständige online-Präsenz und Handynutzung rund um die Uhr. 10 Gigabyte pro Sekunde müsse das menschliche Gehirn heutzutage verarbeiten.

unzählig viele Fernsehsender könne er zu Hause empfangen, außerdem sammelten sich Berge von Fachzeitschriften an. Es werden ständig mehr, sagt er. "Am Monatsende kommen die untersten ungelesen in den Abfall."

Ausgeprägte Reizintensität ist absolut kontraproduktiv mit Blick auf assoziative und logisch-schlußfolgernde Denkprozesse, das weiß man aus der Wirtschaftspsychologie.

Zuviel Input schwächt die Filterung relevanter Information und sinnvolle Entscheidungsfindung. Ein Mehr an Information geht ganz anders als gedacht eher mit einer Reduktion der Aufmerksamkeit einher.

Zum viel zitierten "Multitasking" ist der Mensch im Prinzip gar nicht fähig, sagt Busch. Denn elektrophysiologisch betrachtet, werden Details nacheinander, also seriell verarbeitet und im präfrontalen Kortex als Generator wird dann "ständig hin und her geschaltet".

Die synaptische Dichte im Kortex nimmt schon ab dem 25. Lebensjahr ab, das habe er schon bei sich selbst feststellen müssen. Aber er beruhigt: "Das ist natürlich nicht mit Demenz gleichzusetzen".

Was schlägt Busch zur Stressreduktion aus psychiatrisch-neurologischem Blickwinkel vor? Ganz einfach: Was man braucht, ist Ruhe. "Gönnen Sie sich diese Ruhe, Ihr präfrontaler Kortex wird es Ihnen danken".

Und: "Gehen Sie in die Natur", dann kommt es auch hier zur Aktivitätszunahme im präfrontalen Kortex - das ist im MRT nachweisbar. Zu guter Letzt gibt er die Empfehlung, gelassen zu bleiben.

Analog zum ganz natürlichen Tempo der Spermien, denn die bewegten sich mit einer Geschwindigkeit von etwa 0.002 Stundenkilometern durchs Leben und kämen "trotz hoher Konkurrenz" am Ende doch ans Ziel.

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