Ärzte Zeitung, 16.08.2012

US-Forschung

Neuer Ansatz für die "Pille" für den Mann

HOUSTON (dpa). US-Forscher sind auf dem Weg zur "Pille für den Mann" einen Schritt weiter gekommen. Im Experiment gelangte das kleine Molekül JQ1 über das Blut in Mäuse-Hoden und behinderte die Spermienentwicklung (Cell 2012; online 16. August).

Die Zahl der Spermien wurde reduziert und deren Bewegungsfähigkeit eingeschränkt. Die Mäuse wurden unfruchtbar. Sexualtrieb und Hormonwerte seien nicht beeinträchtigt gewesen, und nach Absetzen der Substanz hätten sich die Spermien wieder normal entwickelt, so die Forscher. Auch bei Nachwuchs habe es keine ungewollten Auswirkungen gegeben.

Das Molekül JQ1 stammt eigentlich aus der Krebsforschung. Forscher des Dana-Farber Cancer Institute (Boston, US-Staat Massachusetts) wollten die Wirkung des Stoffes bei Krebs testen. Dieser hemmt eine Familie von Eiweißen, die die Aktivität von Genen beeinflussen. Zu dieser Proteinfamilie gehört auch BRDT, das wichtig für die Spermienentwicklung ist. JQ1 blockiert die Wirkung von BRDT.

Da das Molekül JQ1 somit an mehreren Stellen des Körpers stark eingreife, könne es selbst nicht zu einem Verhütungsmittel werden, betonen die Mediziner.

Mit den Erkenntnissen lasse sich aber möglicherweise eines entwickeln.Forscher weltweit sind auf der Suche nach Verhütungsmitteln für Männer, meistens konzentrieren sie sich auf die Gabe von Hormonen.

Blut-Hoden-Schranke bereitet Wissenschaftlern Kopfzerbrechen

"Die Studie ist nun ein fundamental neuer Ansatz, der unser Feld voranbringen wird", sagte Professor Stefan Schlatt, Forschungsbeauftragter der Deutschen Gesellschaft für Andrologie.

Schlatt schilderte die Probleme bei der Suche nach der Pille für den Mann: Im Hoden gibt es eine sogenannte Blut-Hoden-Schranke. Spermien entwickeln sich in speziellen Nischen, wo sie durch Gewebeschichten geschützt sind. Das mache es so schwierig, Medikamente zu finden, die diese Schranke überwinden.Hormone beeinflussen die Spermienentstehung.

Klinische Studien mit Testosteron und Gestagen bewiesen nach Angaben von Schlatt, dass die Spermienbildung zwar unterbrochen wird. Allerdings traten häufiger als erwartet Nebenwirkungen auf - und die Tests endeten erst einmal.

Der hormonelle Ansatz einer männlichen Empfängnisverhütung sei also "leider nicht so erfolgreich wie bei der Frau".

Die US-Forscher haben das kleine Molekül nun in den Bauchraum der Mäuse gespritzt, und von dort konnte es an den Ort der Spermienentwicklung gelangen», sagte Schlatt vom Universitätsklinikum Münster. "Es hat sich also seinen Weg in die entscheidenden Nischen gebahnt und dort die Reifung der Keimzellen unterdrückt."

Wie lange es nun dauern wird, bis eine Verhütungstablette für den Mann auf den Markt kommt, bleibe jedoch offen.

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