Ärzte Zeitung, 27.08.2012

Fahrradtour

Im Sattel mit Minister Bahr

Heftig muss er sich in der Hauptstadt Berlin permanent gegen Kritiker aus der Opposition und der Regierungskoalition wehren. Wenn Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) zusammen mit Journalisten in seiner westfälischen Heimat auf Fahrradtour geht, dann sieht die Welt allerdings ganz anders aus.

Von Sunna Gieseke

Radeln mit Bahr

Bei herrlichem Sonnenschein unterwegs in Münster: Daniel Bahr (3. von rechts) tritt zusammen mit Journalisten kräftig in die Pedalen. Mit dabei auch Sunna Gieseke von der Ärzte Zeitung (links neben Bahr).

© Econ Tel

MÜNSTER. Es duftet unwiderstehlich nach frischen Waffeln, so wie in einem typischen Münsteraner Cafe.

Und das an einem Ort der Universitätsstadt, an dem eher der Geruch von Chemikalien wie Desinfektionsmitteln zu erwarten wäre, der normalerweise in den Gängen von Krankenhäusern hängt.

Für den verführerischen Waffelduft im Unikrankenhaus Münster gibt es an diesem Tag einen besonderen Grund. Gesundheitsminister Daniel Bahr ist auf Fahrradtour und wird als besonderer Gast erwartet.

Mit einem Tross an Journalisten im Schlepptau wird er kommen, und die Aufregung ist groß: "Wo ist denn jetzt der Minister? Ich will ihn auch sehen", ruft ein Pfleger vor einem Fahrstuhl.

Wenn die Menschen Daniel Bahr dann tatsächlich wahrnehmen, erkennen sie ihn meist dennoch nicht. "Wer ist das denn?", fragt ein anderer Pfleger, als der FDP-Mann an ihm vorbeigeht.

Bahr kennt keine Berührungsängste

Radeln mit Bahr

Der Gesundheitsminister besucht im Universitätsklinikum Münster einen Patienten, der auf eine Spenderleber wartet.

© Universitätsklinikum Münster

Bahr ist inzwischen auf der ambulanten Krebsstation des Krankenhauses angekommen. Krebskranke Kinder haben für den hohen Besuch Waffeln gebacken.

Ohne lange zu zögern, setzt sich der Minister zu den Kindern an den Tisch. Einige Journalisten und Kameraleute verlassen den Raum dann allerdings fluchtartig. Krebskranke Kinder sind für sie offenbar ein zu belastendes Bild.

Ganz anders Daniel Bahr: Er kennt keine Berührungsängste. Und bei ihm wirkt das Interesse für die Menschen authentisch - im Gegensatz zu anderen Politikern, bei denen der Umgang mit Kindern und alten Leuten vor der Kamera oft etwas bemüht wirkt.

"Der ist ganz ok", soll ein Kind nach dem Kaffeeklatsch über Bahr gesagt haben. "Das ist in Westfalen bereits ein großes Kompliment", weiß der Minister den in anderen Ohren lapidar klingenden Satz richtig zu stellen. "Wenn ein Westfale richtig euphorisch ist, dann sagt er, er könne nicht klagen."

Bahr ist Westfale - euphorisch kann er mitunter dennoch werden. Vor allem, wenn er sich in seinem Element "PR in eigener Sache" befindet. Der Minister blüht regelrecht auf, wenn er für seine Gesetze werben kann.

Die Radtour mit Journalisten durch das Münsterland bietet ihm dazu ausreichend Gelegenheit. Beim Besuch eines Münsteraner Unternehmens macht er sich stark für die Nationale Präventionsstrategie, die für den Herbst angekündigt ist, im Krankenhaus trommelt er für das Krebsfrüherkennungs- und Krebsregistergesetz.

In einer Wohngemeinschaft für demenziell erkrankte Menschen rührt er die Werbetrommel für sein Pflegeneuordnungsgesetz. In Berlin erntet er dafür meist herbe Kritik. Aber im Münsterland stören weder Opposition noch (selbsternannte) Experten.

Kritiker sind weit weg

Die Radtour geht weiter. Nächster Stopp ist die Wohngemeinschaft "Villa Kahmann" in Münster: Hier leben elf an Demenz erkrankte Frauen. Es ist heiß an diesem Augusttag, die Alten-WG hat zum Sommerfest geladen, auch Angehörigen und Betreuer sind gekommen.

Es gab, so berichtet Bahr später, auch einmal einen männlichen Mitbewohner. Der sei jedoch zu dominant gewesen, daher hätten die Damen eine klare Entscheidung getroffen: Keine Männer mehr in dieser WG!

Bahr genießt die Aufmerksamkeit. Er setzt sich an eine der Festzeltgarnituren, hat eine demenzkranke WG-Bewohnerin im Arm und zwinkert den anderen Gästen aufmunternd zu.

Zum Abschied steht der leidenschaftliche Marathon-Läufer da wie immer: Die Ärmel seines Hemdes hochgekrempelt, die Hände in die Hüften gestemmt: "Welche Wunschliste von Ihnen soll ich mit nach Berlin nehmen?", fragt er die Heimleiterin. Weniger Bürokratie, bessere Ausbildung, die Antwort kommt prompt.

Eigentlich ist Bahr sich aber sicher: Er hat bereits alles richtig gemacht. Bei den Bürgern kommt seine verbindliche Art offenbar an: Umfrage belegen, dass er - trotz des unpopulären Ressorts - zu den beliebten Politiker gehört.

In Berlin weht ein anderer Wind. Opposition, aber auch Koalitionspartner lassen oft kein gutes Haar an ihm. In Münster sind die Kritiker weit weg. Da verzeiht Bahr den Sommerfest-Gästen gerne, dass ihn einige gar nicht erkennen.

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