Ärzte Zeitung, 30.08.2012

Paralympics

Ein Arzt als Ideengeber

Der vor dem Nazi-Terror geflüchtete jüdische Arzt Ludwig Guttmann gilt als Vordenker der Paralympics. Er entwickelte die Idee der Sportwettkämpfe für Querschnittsgelähmte im englischen Stoke Mandeville. Jetzt sind die Paralympics 2012 in London eröffnet worden.

Von Inga Radel

Ein Arzt als Ideengeber

Motivierte unermüdlich Behinderte, aktiv zu sein, sich sportlich zu betätigen: Ludwig Guttmann (r.) bei einem Vortrag mit Rollstuhlfahrern.

© dpa

STOKE MANDEVILLE. Papst Johannes XXIII. nannte ihn einst den "De Coubertin für die Gelähmten". Der deutsche Neurochirurg Sir Ludwig Guttmann gilt als Begründer der Paralympics, ein Sport-Pionier wie es der Franzose Pierre de Coubertin als Vater der modernen Olympischen Spiele war.

1939 vor den Nazis geflüchtet, machte der jüdische Arzt Guttmann im englischen Stoke Mandeville Hospital Sport zur Reha-Therapie für Querschnittsgelähmte - damals einmalig. 1948 richtete er die "Stoke Mandeville Games" aus: 16 versehrte Kriegsveteranen traten im Bogenschießen und anderem Rollstuhl-Sport gegeneinander an.

Guttmann sagte in seiner Rede: "Vielleicht gibt es eines Tages Olympische Spiele für Behinderte." Eva Loeffler war damals als freiwillige Helferin dabei. Sie ist Guttmanns Tochter, inzwischen auch schon 79 Jahre alt und für die jetzt in London eröffneten Paralympics zur Bürgermeisterin des paralympischen Dorfes ernannt worden.

"1948 war ich noch ein Teenager und hab‘ mich als Volunteer gemeldet. Ich hatte kleine Aufgaben wie Pfeile aus dem Ziel ziehen und Tischtennisbälle aufsammeln. Und ich habe Bier ausgeschenkt. Es war alles eine große Party", sagte sie der Nachrichtenagentur dpa.

"Sehr autoritär, aber voller Menschlichkeit"

Ein Arzt als Ideengeber

Der jüdischen Arzt Ludwig Guttmann.

© dpa

Ihren Vater, der 1966 von der Queen zum Ritter geschlagen wurde und 1980 im Alter von 80 Jahren starb, charakterisiert sie so: "Er war sehr autoritär, aber er war voller Menschlichkeit."

Ähnliches berichtet Dot Tussler (53), seit 30 Jahren Physiotherapeutin der ältesten Spezialstation für Rückenmarksverletzungen der Welt. "Er wusste sogar jedes Ergebnis jedes Patienten beim Bogenschießen", erzählte Tussler.

Im typisch englischen dunkelrot-braunen Eingangsbereich des "National Spinal Injuries Centre" rechts neben der Glasschiebetür hängt ein Porträt Guttmanns in schwarz-weiß - als überwache er noch sein Vermächtnis.

Noch heute steht Sport dort auf jedem Reha-Plan. Einen Steinwurf entfernt sind das Guttmann Sports Centre und das Stoke Mandeville Stadium - ein imposanter Komplex mit behindertengerechten Pools, Tennisplätzen, Fitness-Geräten, Laufbahnen und vielem mehr.

1969 von Elizabeth II. eröffnet, wurde die Anlage 2003 in dem Örtchen nördlich von London für umgerechnet 13 Millionen Euro neugebaut.

Auch in London sind nun 20 Ex-Patienten aus Stoke Mandeville dabei. Darunter der Rollstuhltennis-Superstar Peter Norfolk. Der 51-Jährige wurde als Flaggenträger der Briten auserwählt und peilt sein drittes Gold an.

Die Klinik organisiert parallel eigene kleine Spiele, Public-Viewing und Ausflüge zu den Paralympics.

Eine Olympiasiegerin ist auch zu Besuch. Wilma Anic (68), die 1988 in Seoul Bogen-Team-Gold holte und ihre Medaille dieser Tage stolz aus ihrer Handtasche zückt.

Die Tochter eines schottischen Profigolfers kam erst zwei Jahre nach ihrem Autounfall nach Stoke Mandeville, aber nicht als Patientin. Sie sagt stolz: "Ich war die erste Physiotherapeutin der Welt, die selbst im Rollstuhl sitzt."

Einst bedeutete die Diagnose Querschnittslähmung: zum Sterben verdammt, maximal noch zwei Lebensjahre. Guttmann wollte sich damit nicht abfinden und erzählte bei einer Konferenz 1962: "Ein Patient sagte mir: 'Ich warte darauf, dass der Allmächtige mich holt.' Ich sagte ihm: 'Während du wartest, kannst du ja noch etwas arbeiten.'

"Poppa", so sein Spitzname, wollte sie zu Steuerzahlern machen.

Guttmann wurde in Oberschlesien geboren

Seine "Games" waren immer internationaler geworden. Und 1960 in Rom fanden schließlich die ersten offiziellen Paralympics statt. Das Jüdische Museum in London widmet Guttmann zurzeit eine Schau. Die BBC würdigte ihn mit dem Filmporträt "The Best of Men".

Guttmann, in Oberschlesien geboren und in Hamburg und Breslau als einer der führenden deutschen Neurochirurgen tätig, erhielt unter den Nazis ein Arbeitsverbot. Verwandte von ihm verschwanden in Auschwitz.

Das Land, das ihn aufnahm, wollte er stolz machen. "Das war eine Sache, die ihn so hart arbeiten ließ", sagt seine Tochter Eva, die während der Flucht sechs war. "

Er war auf eine Art Hitlers Geschenk an dieses Land und wollte unbedingt ein guter britischer Bürger sein."

Mit Blick auf die London-Spiele der Superlative sagt Loeffler: "Ich hoffe, dass er das von da oben alles sieht." (dpa)

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