Ärzte Zeitung, 04.10.2012

Auf den Vogel gekommen

Eine Tierärztin, die Hühner trainiert

Von wegen dummes Huhn: In der Eifel gehen Tiertrainer beim Federvieh in die Lehre. Denn Hühner sind besonders schwer zu trainieren. Wem das gelingt, kann es auch bei jeder anderen Tierart schaffen, sagt die Leiterin der Hühnerseminare - eine Tierärztin.

Von Birgit Reichert

Eine Tierärztin, die Hühner trainiert

Tierärztin Viviane Theby (rechts) hält Huhn Marta, links die Hunde- und Pferdetrainerin Sabine Schweiger.

© dpa

WITTLICH. Huhn Marta läuft auf dem Tisch. Erst im Oval um zwei Pylone. Dann in einer Acht um zwei umgedrehte Blumentöpfe. Bei jeder richtigen Drehung drückt Tiertrainerin Sabine Schweiger auf ihr Klicker-Gerät: Es macht "Klick" - und sie gibt ein paar Körner zur Belohnung.

So lernt das Federvieh, Schritt für Schritt. Vorausgesetzt die Körner kommen schnell genug zum Huhn.

"Man muss ganz genau beobachten und den richtigen Moment treffen», sagt die Hunde- und Pferdetrainerin aus Nürnberg. Mit sechs anderen Tiertrainern besucht sie ein Hühnerseminar in der Tierakademie Scheuerhof in Wittlich.

"Die Hühner sind perfekte Lehrer für gutes Timing, gute Beobachtungsgabe und schnelle Entscheidungen", sagt Akademieleiterin Viviane Theby. Das Handwerkszeug, das man sich im Hühnerkurs aneigne, könne man danach bei jeder Tierart anwenden.

"Damit kann man einem Hund sogar das Staubsaugen beibringen", sagt die 46-jährige Tierärztin. Kein Anschreien, keine Form der Gewalt seien nötig, um ein Tier zu trainieren.

Über die positive Verstärkung erreiche man beim Tier nicht nur ein zuverlässiges Verhalten, "sondern auch eine ganz super Beziehung zum Tier".

Mit dem Wissen aus dem Hühnerseminar könne man beim Hund alles trainieren, bestätigt Hundetrainerin Jeanette Glatter (40) aus Hetlingen in Schleswig-Holstein.

Sie bringe gerne Tricks bei - vom "Diener" bis zur Acht durch die Beine. Trainerin Schweiger (40) sagt, sie komme mit dem Hühner-ABC bei Pferden und Hunden schneller zum Erfolg. Und zwar ohne Stress.

Hühner zum Training am besten geeignet

Insgesamt fünf Trainingseinheiten durchlaufen die Schüler bei den Hühnern. Sie dauern jeweils mehrere Tage. Dabei geht es nicht um die Aufgaben für die Hühner, sondern darum, was der Menschen dabei lerne.

"Die Trainer stoßen hier an ihre Grenzen", sagt Theby, die in ihrer Akademie unter anderem den Hundesport "Dogdancing" anbietet.

"Den Hühnern macht das Training auch richtig Spaß", sagt Theby. "Wenn sie keine Lust hätten, wären sie sofort weg vom Tisch." Immer zwei Trainer üben zusammen - abwechselnd mit zwei Hühnern.

Insgesamt hat jeder zehn Minuten für den Hütchenparcours - wobei immer nach einer Minute gestoppt wird. "Zeit ist eine wichtige Ressource. Gute Trainer trainieren schnell", sagt die Teilnehmerin Petra Maus, die sonst in Berlin Hunde ausbildet.

Insgesamt 45 Hühner, elf Katzen, zehn Pferde und ein Hund leben auf dem Scheuerhof. Theby hat ihr Wissen in den USA bei Tiertrainer Bob Bailey in "Chicken Camp" gelernt.

Er habe mehr als 200 Arten trainiert - und dabei festgestellt, dass die Hühner am besten geeignet seien, sagt Theby. Bei Kursen habe die Ärztin schnell gemerkt, wie die Hühner ihr Grenzen, aber auch Horizonte eröffneten.

Seit 2005/2006 bietet Theby in Wittlich etwa einmal im Monat einen Kurs an. Vom Programm her seien ihre Hühnerseminare bundesweit einmalig, sagen die Teilnehmer. Warum sind denn Hühner so prima Lehrer? Sie seien eben wahnsinnig schnell und vom Verhalten her einfach.

Außerdem pickten sie den ganzen Tag, so dass man sie viel belohnen könne, sagt Theby. Und: "Hühner sind gar nicht dumm, sondern ganz schön clever. Wer einmal im Seminar war, wird nie mehr 'Du dummes Huhn‘ sagen", meint die Tierärztin, die einem Huhn schon mal den Anfang von "Alle meine Entchen" auf dem Xylofon beigebracht hat. (dpa)

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