Ärzte Zeitung, 20.10.2012

Notfallrettung bei der Bahn

Ein Zug wartet auf seinen Einsatz

Sechs Rettungszüge stehen Tag und Nacht bereit, um bei Zugkatastrophen im Tunnel Menschen zu retten. Noch nie wurden sie für einen wirklichen Notfall gebracht. Dennoch werden sie jetzt durch neue Züge ersetzt.

Von Timo Lindemann

Rettungszüge warten auf ersten Notfalleinsatz

Im Sanitätswagen von Rettungszug 4 in Kassel: Auch er soll durch einen neuen Zug ersetzt werden.

© Uwe Zucchi / dpa

KASSEL. Sie wurden noch nie gebraucht, sollen aber dennoch ersetzt werden: Die Deutsche Bahn hat sieben neue Rettungszüge für rund 80 Millionen Euro in Auftrag gegeben, wie das Unternehmen mitteilte.

Sie sollen die sechs derzeit in Deutschland verfügbaren Züge ersetzen. Einer ist als Reserve gedacht. Die Züge sind für Einsätze bei Tunnelunfällen auf den Schnellfahrstrecken Hannover-Würzburg und Mannheim-Stuttgart bestimmt.

In Kassel zum Beispiel steht einer dieser Züge für die Schnellfahrstrecke zwischen Hannover und Würzburg. Einen richtigen Einsatz hatte er noch nie - glücklicherweise, wie Dirk Brill, Leiter des Notfallmanagements der DB Netz AG in Kassel, sagte.

Seit mehr als 20 Jahren betreibt die Bahn den Zug, wartet ihn und hält ihn in Schuss. Zwei Lokführer sind an 365 Tagen im Jahr 24 Stunden in Bereitschaft und im Notfall innerhalb von fünf Minuten abfahrbereit.

Kein Rettungszug musste bislang zu richtigem Notfall

Die in Deutschland stationierten Rettungseinheiten stehen außer in Kassel noch in Hildesheim, Fulda, Würzburg und für die Schnellfahrstrecke Mannheim-Stuttgart in Mannheim und Kornwestheim.

Kein Rettungszug musste bislang zu einem richtigen Notfall mit Toten oder Verletzten ausrücken. Der Kasseler Zug etwa half bisher bei einem Unfall mit einer Schafherde vor einem Tunnel und bei einem brennenden Güterwaggon.

"Die Gefahr einer Entgleisung im Tunnel ist sehr gering", heißt es bei der Bahn. Die Kosten aber nicht: Allein der Unterhalt für die sechs Züge kostet rund zwölf Millionen Euro pro Jahr.

"Der Zug ist dafür entwickelt, Rettungstechnik in den Tunnel und Verletzte herauszubringen", berichtete Brill. Zudem ist durch permanenten Überdruck innen ein sicherer Rückzugsraum, wenn draußen giftiger Rauch oder Feuer entsteht.

Fast zwei Dutzend Behandlungstische

Das Konzept: Der vordere Teil des Zuges, der in den Tunnel hinein fährt, hat Geräte zum Beispiel für die Feuerwehr an Bord. Das Herzstück ist der Sanitätswagen, der mit fast zwei Dutzend Behandlungstischen, Beatmungsgeräten, Verbandmaterial und Op-Besteck einem Klinik-OP-Saal in kaum etwas nachsteht.

Mit dem hinteren Teil können Verletzte aus dem Tunnel zu den Rettungsdiensten außerhalb gebracht werden. Der hintere Zugteil mit eigener Lok soll dann zwischen Unfallort und Tunneleingang pendeln.

Die Rettungszüge sind nur für Tunnel auf den beiden Schnellfahrstrecken gedacht. Für andere Tunnel sind andere Rettungskonzepte vorhanden wie eingleisige Röhren mit Querverbindungen. Mittlerweile werden Tunnel ohnehin so gebaut, dass sie auch mit normalen Rettungswagen befahren werden können.

Für den Rettungszug ist auch die Kasseler Feuerwehr immer in Alarmbereitschaft. "Im Ernstfall ziehen wir 20 Personen aus dem normalen Dienstablauf ab", berichtet Norbert Schmitz, Leiter der Feuerwehr Kassel.

Um die fehlenden Helfer zu ersetzen, werden andere Retter von Freiwilligen Feuerwehren oder Berufsfeuerwehrleute aus der Freizeit alarmiert.

Die Feuerwehr Kassel hat rund um die Uhr 30 Feuerwehrleute plus Leitung und Leitstellenmitarbeiter im Einsatzdienst. "Wir sind ja sowieso da", sagt Schmitz.

Dennoch mache der Rettungszug zusätzliche Arbeit, die von der Bahn auch bezahlt werde. Auch Fortbildungen werden angeboten. "Das Gerät muss ja beherrscht werden, gerade wenn man es nicht oft nutzt."

Das Rettungszugkonzept begrüßt auch Karl-Peter Naumann, Ehrenvorsitzender des Fahrgast-Verbandes Pro Bahn. "Man darf nicht auf den Zug verzichten. Es kann passieren. Da zu sparen, wäre Sparen an der falschen Ecke", betont Naumann.

Dass der Zug selten zum Einsatz komme, spreche für die Sicherheit. "Die Bahn ist ein sehr sicheres Verkehrsmittel." (dpa)

Topics
Schlagworte
Panorama (30493)
Organisationen
Deutsche Bahn (73)
Personen
Uwe Zucchi (18)

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Im Sushi war der Wurm drin

Der Hinweis aufs Sushi brachte die Ärzte auf die richtige Spur. Statt den Patienten wegen Verdachts auf akutes Abdomen zu operieren, führten sie eine Gastroskopie durch. mehr »

Alle wichtigen Videos vom Ärztetag

Digitalisierung, Angst vor Veränderung, Wunschminister: Die Ärztezeitung fasst für Sie die wichtigen Themen des Ärztetags in kurzen Videos zusammen. mehr »

Importierte Infektionen führen leicht zu Diagnosefehlern

Wann muss ein Arzt für eine Fehldiagnose gerade stehen? In einem aktuellen Fall entschied das Oberlandesgericht Frankfurt gegen einen Arzt. mehr »