Ärzte Zeitung, 18.11.2012

"Leben mit dem Tod"

Sterben im "Ersten"

Ein Tabu-Thema kann sehr viele Facetten haben - das zeigt die ARD-Themenwoche "Leben mit dem Tod". Die gesellschaftliche Debatte wird angestoßen - und auch Ärzte sind involviert.

Von Pete Smith

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Szene aus der Reportage "Sie bringen den Tod - Sterbehelfer in Deutschland" am heutigen Montag in der ARD um 20.15 Uhr.

© SWR

"Leben mit dem Tod" lautet der Titel einer Schwerpunktwoche, mit der sich die ARD einem weitgehend verdrängten Thema nähert. Was ist der Tod? Wie sterben Menschen in Deutschland? Welche Vorstellungen haben wir vom Jenseits?

Auf welche Weise werden Tote bestattet? Bis zum kommenden Wochenende bieten das Erste und die angeschlossenen Regionalsender Dutzende Spielfilme, Reportagen, Dokumentationen, Features und Talkshows zum Tod oder Sterben.

Prominente Paten der ARD-Themenwoche sind die Theologin Margot Käßmann, der Moderator Reinhold Beckmann und der Komödiant Dieter Nuhr.

Um Ärzte als Sterbehelfer geht es am heutigen Montagabend in der ARD-Dokumentation "Sie bringen den Tod" (20.15 Uhr).

Die Filmemacher Sebastian Bösel und Ulrich Neumann zeigen sterbenskranke Patienten, die den Zeitpunkt ihres Todes selbst bestimmen wollen, sowie Mediziner, die ihnen dabei helfen.

In einer rechtlichen und ethischen Grauzone verabreichen Ärzte Patienten im Endstadium ihrer Krankheit Medikamentencocktails, um ihr Leiden zu verkürzen.

Mit ihnen reden die Filmemacher ebenso wie mit Gegnern der Sterbehilfe wie beispielsweise Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer. Im Anschluss an die 45-minütige Dokumentation diskutiert Moderator Frank Plasberg mit seinen Gästen hart, aber fair über das Thema "Tod und Sterben" (21 Uhr).

Den humoristischen Gegenpart dazu bietet Dieter Nuhr in seiner Sendung "Nuhr am Leben" (22.45 Uhr): "Ich will den Tod auslachen, vielleicht ist er dann beleidigt und kommt nicht wieder."

Auch die dritten Programme der ARD haben interessante Beiträge zur Themenwoche zusammengestellt. So bringt der Rundfunksender Berlin-Brandenburg (rbb) am Dienstag um 23 Uhr unter dem Titel "Augen zu" zehn kurze Filme über das Sterben.

Junge Filmemacher begleiten etwa ein Paar, das sich nach dem Tod der Partner beim Tanztee gefunden hat. Ein anderer Film erzählt von einer Frau in Hanoi, die Föten aus dem Stadtmüll sammelt und bestattet. Der Film "Finovo" schließlich stellt ein Berliner Friedhofscafé vor.

Dinge, die man tun kann, wenn man tot ist

Zwei Fernsehfilme und eine Dokumentation stehen im Mittelpunkt der ARD-Themenwoche am Mittwoch. "Blaubeerblau" (20.15 Uhr im Ersten) erzählt von einem Architekten, den ein Auftrag ins Hospiz führt, wo er einen ehemaligen Mitschüler trifft, der Pankreaskrebs im Endstadium hat.

In "Marias letzte Reise" (21.45 Uhr im Bayerischen Fernsehen), ausgezeichnet mit dem Deutschen Fernsehpreis, entscheidet sich eine 71-jährige Frau, ihre letzten Tage nicht in der Klinik, sondern daheim in Oberbayern zu verleben.

Die Dokumentation "Verarmt, verstorben, verscharrt - Wenn der Tod zu teuer ist" (21.45 Uhr im Hessen-Fernsehen) stellt Schicksale von Menschen vor, die kein Geld für die Beerdigung ihrer Angehörigen haben, weshalb jene verbrannt werden und die Asche anonym verstreut wird.

Am Donnerstag porträtiert der Westdeutsche Rundfunk in seiner Sendung "Menschen hautnah" (22.30 Uhr) einen Kölner Bestatter, der als Zugleiter des Rosenmontagskarnevals für das größte Narrenfest der Domstadt verantwortlich ist.

Für ihn kein Widerspruch, im Gegenteil: "Es geht doch bei beidem um Inszenierungen, mit denen Emotionen geweckt werden." Etwa zur gleichen Sendezeit stellt der MDR den Berliner Arzt Dr. Michael de Ridder vor, der 15 Jahre als Notarzt unterwegs war, 18 Jahre lang die Rettungsstelle einer Klinik geleitet hat und als Pensionär nun in Berlin-Tempelhof ein Hospiz aufbaut: "In Frieden sterben dürfen" (22.35 Uhr).

Der Fernsehfilm "Und dennoch lieben wir", der am Freitag um 20.15 Uhr im Ersten zu sehen ist, erzählt von einer Chirurgin, die von ihrem Mann betrogen wird. Als sie dessen Geliebte kennenlernt, erfährt sie, dass jene tödlich erkrankt ist, wodurch sich ihr eigenes Leben entscheidend verändert.

Die Dokumentation "Dinge, die man tun kann, wenn man tot ist" (WDR, 23.15 Uhr) schließlich zeigt Wege auf, wie man sich oder Teile von sich unsterblich macht - indem man den eigenen Leichnam testamentarisch einem Anatomischen, Anthropologischen oder Biomechanischen Institut vermacht.

[19.11.2012, 21:11:41]
Dr. Julia Bader 
@ Dr. Thomas Schätzler
Es gibt so eine Art "Schöner Sterben"-Zeitschrift von der Deutschen Gesellschaft für Humanes Sterben: http://bitly.com/WqpqH5 Sehr lesenswert!
MfG Dr. Julia Bader, http://www.tellerrandmedizin.org zum Beitrag »
[19.11.2012, 16:01:43]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Leben und Sterben mit dem „Prinzip Hoffnung“ (E. Bloch) vs. „Prinzip Verantwortung“ (H. Jonas)
Manche Menschen können mit der "Romantisierung" des Sterbens nichts anfangen. Es gibt auch keine Orientierung gebende Zeitschrift wie z. B. "Schöner Sterben - für ein würdevolles Ableben" beim Gang ins Jenseits, wie es das in der Tat mit "Schöner Wohnen", "Haus und Garten", "Essen und Trinken" für das diesseitige Leben gibt.

Das Motto "Leben mit dem Tod" - Sterben im "Ersten" spiegelt durchaus oft verborgen tabuisierte, aber auch immer offener reflektierte und diskutierte Aspekte im gesellschaftlichen Diskurs um den Sterbevorgang wieder. "Do We Need 'Thanaticians' for the Terminally Ill? Brauchen wir (ärztliche) Sterbespezialisten für Kranke im Endstadium? fragte z. B. Ronald W. Pies, MD, (USA), in einem lesenswerten Beitrag vom 26.9.2012 bei Medscape:
http://www.medscape.com/viewarticle/771274?src=mp

Schade, dass im ÄZ-Artikel der "ARD-Tatort" von Sonntagabend keine Erwähnung fand, der die Themen-Schwerpunktwoche "Leben mit dem Tod" einläuten sollte. Die Drogenfahnderin Melissa Mainhard (Ina Weisse) spielt dabei zusammen mit den Berliner Mordermittlern Hauptkommissar Till Ritter (Dominic Raacke) und seinem Partner Felix Stark (Boris Aljinovic) eine krebskranke Kriminalbeamtin, die in den wenigen Lebenswochen, die ihr noch bleiben, selbst einen Drogenproduzenten und seinen Hintermann umbringt. Ihre ältere Tochter verliebt sich ausgerechnet in einen Drogendealer, ihre jüngere Tochter kümmert sich mit um den Haushalt. Die sterbenskranke Protagonistin, die mit Morphinpflaster nach vergeblichen Chemotherapien weiter arbeitet, verleugnet ihren Zustand bei Arbeitskollegen und insbesondere vor ihren Töchtern, weil diese schon vor Jahren bei der Erstdiagnose "Brustkrebs" völlig verstört waren. Doch ihre Lebenserwartung schwindet. Und so wird sie in einer Art persönlichem Gnadenakt von den gegen sie ermittelnden Kollegen der Mordkomission Ritter und Stark noch für einige Wochen verschont, um mit ihren beiden Töchtern ins Reine zu kommen und sich zu verabschieden.

Insbesondere der fiktive Schluss mit der Außer-Kraft-Setzung geltenden Rechts macht deutlich, wie sehr das Prinzip Hoffnung noch am Lebensende Geltung erlangt, bzw. der Wunsch, ewigen Frieden finden zu können, universell ist: Leben und Sterben als eigenes Loslassen-Können zu begreifen.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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[19.11.2012, 09:32:45]
Lutz Barth 
Keiner Romantisierung des „Sterbens“ Vorschub leisten!
So sehr die Themenwoche der ARD auch zu begrüßen ist, so sehr vermisst man/frau nach Jahrzehnten einer manchmal unsäglichen Diskussion über das selbstbestimmte Sterben Beiträge, die sich insbesondere unter dem Aspekt der Rechtsethik der Thematik nähern.

Eigentlich gibt es nichts zu berichten, was nicht schon Gegenstand leidenschaftlicher Diskussionen (u.a. auch in etlichen Ethikkommissionen) war und es bleibt wohl bei der bitteren Erkenntnis, dass der „Kulturkampf“ um das frei verantwortliche Sterben nicht befriedet werden kann, zu sehr sind die Fronten zwischen den Lebensschützern einerseits und den Befürwortern einer Liberalisierung der Sterbehilfe andererseits verhärtet.

Das „Leiden“ wird nicht selten verklärt; vermeintliche Dammbruchargumente werden bemüht und nicht zuletzt hochrangige Ärztefunktionäre maßen sich an, der Ärzteschaft eine kollektive Gewissensentscheidung qua Diktat verordnen zu können, obgleich doch der einzelne Arzt dazu berufen und vor allem auch berechtigt ist, eine individuelle Gewissensentscheidung jenseits einer Standesethik treffen zu können.
Dass hierüber nicht in aller Offenheit diskutiert wird, zeigt allein, dass die Ärztefunktionäre kein nachhaltiges Interesse daran hegen, einen Beitrag zur „Enttabuisierung“ leisten zu wollen. Namhafte Ethiker – selbst aus den eigenen Reihen der verfassten Ärzteschaft – werden geflissentlich nicht gehört und wenn, dann scheinen diese zum „Schweigen“ über das Vorliegen eines Dissens in der Interpretation der „guten arztethischen Haltung“ gleichsam verdammt zu sein. Um der Redlichkeit willen muss darauf hingewiesen werden, dass der Themenwoche der ARD ein seit Jahrtausenden geführter Kulturkampf um die Legitimität des frei verantwortlichen Sterbens zugrundeliegt und es im derzeitigen Interesse wirkmächtiger und selbsternannter „Ethikfürsten“ liegt, eine ars moriendi jenseits des Selbstbestimmungsrechts der schwersterkrankten und sterbenden Patienten zu verkünden. Die Botschaften u.a. des Präsidenten der BÄK tragen zuweilen klerikale Züge und offenbaren Missionsgedanken, die nur deshalb akzeptabel erscheinen, weil er gebetsmühlenartig seine individuelle Gewissensentscheidung verkündet; problematisch allerdings ist, dass er und seine Mitstreiter dafür Sorge getragen haben, dass ihre individuelle Gewissensentscheidungen Eingang in das ärztliche Berufsrecht gefunden haben.

Mit Selbstbestimmung oder gar mit dem gebotenen Respekt vor der Gewissensentscheidung seiner Kolleginnen und Kollegen hat die Zwangsethisierung der Ärzteschaft kaum etwas gemein und dies „anzuklagen“, wäre sicherlich eines eigenen Beitrages in der ARD-Themenwoche wert gewesen.

Nicht das Volk bedarf der „Aufklärung“, sondern vielmehr bedürfen die selbsternannten Aufklärer, sich nicht selten als Oberethiker präsentierend, der Unterweisung über die nicht verrückbaren ethischen Grundstandards, niedergelegt in unserem Grundgesetz.
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