Ärzte Zeitung, 27.11.2012

Von Hessen nach Indonesien

Einsatz im Armenhospital

Für Kinderärztin Dr. Melanie Buchacker-Hajduk war schon vor langer Zeit klar: Irgendwann will sie in der dritten Welt helfen. Im vergangenen Sommer war es soweit.

Von Christoph Fuhr

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Basisarbeit in Buda.

© privat

NEU-ISENBURG. Als Medizinstudentin hat sie vor vielen Jahren bei einer Famulatur in Sierra Leone erfahren, wie Menschen unter schwierigsten Bedingungen und in größter Armut medizinisch versorgt werden.

Dr. Melanie Buchacker-Hajduk, die heute als Kinderärztin im Neu-Isenburger Ortsteil Gravenbruch niedergelassen ist, war schon damals klar, dass sie sich irgendwann erneut einer medizinischen Herausforderung in der Dritten Welt stellen würde.

Im vergangenen Sommer war es so weit. "Meine Kinder sind jetzt alt genug, wann, wenn nicht jetzt, habe ich mir gesagt", erinnert sie sich.

Sie informierte die Eltern ihrer kleinen Patienten über ihre Pläne, stieß auch bei Kollegen auf viel Verständnis und schloss dann für acht Wochen ihre Praxis. Ärzte in den umliegenden Orten übernahmen die Vertretung.

Patienten aus Bergdörfern

Ziel ihres Einsatzes mit der Organisation "Ärzte für die Dritte Welt - German Doctors", waren die Philippinen. Als Kinderärztin war sie auf der Insel Mindanao im abgelegenen Ort Buda tätig.

Dort betreiben die "German Doctors" ein Armenhospital, das vor allem Kinder, Schwangere und Tuberkulosepatienten aus den umliegenden Bergdörfern versorgt.

Das Haus bietet Ambulanzen für Kinder, Erwachsene, Schwangere und TBC-Patienten und hat eine wachsende Bedeutung als Geburtsklinik. Darüber hinaus werden Kinder im medizinischen Ernährungsprogramm versorgt.

Die Klinik ist meist überfüllt, die Patienten müssen teilweise auf Bänken schlafen. Sie werden von Angehörigen versorgt, und das sind in der Regel Mütter.

Die gesamte medizinische Betreuung und Verpflegung für Patienten ist kostenfrei. Die Menschen sind arm, Pampers für die Kleinen gibt es nur in Ausnahmefällen.

Das Spektrum der Krankheitsbilder ist groß, berichtet die Ärztin: schwere Bronchitiden und Durchfälle mit Dehydrierung zum Beispiel, Typhus, Denguefieber, Unterernährung in Form von Kwashiorkor und Marasmus.

Hinzu kommen Augenverletzungen, Abszesse, Lippen-Kiefer-Gaumenspalten, maligne Tumore, Scabies und immer wieder Tuberkulose. "Die Arbeit erfordert eine hohe Konzentration", sagt Melanie Buchacker-Hajduk zurückblickend.

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Plant schon den nächsten Einsatz: Dr. Melanie Buchacker-Hajduk

© Linda Weiszhaupt

Erleichtert werde der Einsatz durch ein sehr freundliches und fachlich kompetentes Team - mit Schwestern, Laborpersonal und einer einheimischen Allgemeinärztin.

Immer wieder erlebt Melanie Buchacker-Hajduk, dass die Mütter einem extremen Druck ausgesetzt sind. Eine junge Frau etwa will unmittelbar nach der Entbindung wieder nach Hause, weil dort neun Kinder ohne Vater versorgt werden müssen.

Der Mann arbeitet weit entfernt und sieht die Familie nur am Wochenende. Eine blinde Mutter mit drei Kindern ist zehn Kilometer zu Fuß und barfuß zur Klinik gelaufen. "Ich habe mich gefragt, wie sie das schaffen konnte", sagt die Ärztin, "so sieht Armut aus".

Und dann ist da noch die Mutter mit dem einjährigen schwerst unterernährten Mädchen, das bei der Einlieferung in der Klinik 4,1 Kilo auf die Waage bringt und mit kalorienreicher Nahrung wieder aufgebaut wird.

Der Vater des Mädchens hat mit sieben Frauen 48 Kinder. Mit einem Klinik-Team besucht die Kinderärztin die Familie zu Hause. Sie nimmt dort sehr viel soziale Wärme und Solidarität der Kinder und Frauen untereinander wahr.

Eine Situation, die sie nachdenklich macht: "Soll man den Vater verurteilen oder die Großfamilie als Teil der sozialen Wirklichkeit in dieser Region akzeptieren?"

Fahrt in abgelegene Dörfer

Von Buda aus starten Teams in sogenannten Rolling Clinics auch in abgelegene Dörfer, um eine medizinische Basisversorgung sicherzustellen. Prävention gehört dort ebenso zum Programm wie in der Klinik selbst.

Dabei gelingt es, die Wartezeit der Patienten sinnvoll mit Informationen zu überbrücken, für die die Schwestern zuständig sind.

Regelrechte Unterrichtseinheiten in Familienplanung und Ernährungsberatung sind entwickelt worden, hinzu kommt die Vermittlung von Hintergrundwissen über Krankheitsbilder wie Tuberkulose und Durchfall. Und meist geht es auch um ein weitverbreitetes Problem in der Region - und das ist Hygiene.

Nicht immer ist die Arbeit im Krankenhaus erfolgreich. "Selbst wenn man lange um einen Patienten gekämpft hat, fällt es schwer zu akzeptieren, dass es Menschen gibt, bei denen der Kampf vergebens ist", sagt die Ärztin.

Wichtig ist aus ihrer Sicht auch, sich bei allem Engagement zurückzunehmen, wenn es um die Organisation und Struktur der Versorgung geht.

"Die Klinik gab es schon vor meinem Einsatz und es wird sie auch nach meinem Einsatz geben", sagt die Kinderärztin und ist dankbar für die menschlichen und medizinischen Erfahrungen, die sie bei diesem Einsatz gemacht hat.

Melanie Buchaker-Hajduk steht bereits in den Startlöchern für nächstes Jahr - und wieder soll Buda der Einsatzort sein.

Weitere Informationen: www.aerzte3welt.de

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