Donnerstag, 17. April 2014
Ärzte Zeitung, 17.01.2013

Lance Armstrong

Dopingbeichte vor TV-Kameras?

Er hat den Radsport dominiert - doch ob es immer mit sauberen Mitteln zuging, bezweifelten Experten immer wieder. Jetzt soll Lance Armstrong Doping zugegeben haben.

Von Pete Smith

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Der US-Amerikaner Lance Armstrong geht bei der Tour de France im Juli 2002 durch die Tür der "Controle Anti-Dopage" in Les-Deux-Alpes. Doping-Vorwürfe gab es gegen ihn bereits damals, eine positive Probe nie.

© Gero Breloer/dpa

Zwanzig Jahre lang hat sich der ehemalige Radprofi Lance Armstrong der Welt als Saubermann präsentiert. Stets hat er geleugnet, jemals wissentlich leistungssteigernde Medikamente eingenommen oder leistungssteigernde Methoden angewandt zu haben.

Tatsächlich ist er nie positiv getestet worden. Als ihn die britische Zeitung "The Sunday Times" 2004 der Einnahme leistungssteigernder Präparate bezichtigte, verklagte Armstrong das Blatt und erzielte vor Gericht einen Vergleich, bei dem ihm umgerechnet 370.000 Euro zugesprochen wurden.

Noch im August 2012 erklärte Armstrong: "Die Tatsache, dass Athleten ohne positive A- und B-Probe im gleichen Maße beschuldigt werden wie Profis mit positivem Test, pervertiert das System."

Damals hatte die US-Anti-Doping-Agentur bereits erdrückende Beweise zusammengetragen und angekündigt, Armstrong sämtliche Titel seit 1998 aberkennen zu wollen. Der siebenmalige Tour-de-France-Sieger blieb stumm.

Warum leistet er Abbitte?

Nun, da er längst verurteilt und lebenslänglich gesperrt worden ist, will er reden. Warum? Vor zwei Wochen ließ die US-amerikanische Talkshow-Legende Oprah Winfrey verkünden, dass der 41-jährige Texaner, sieben Jahre nach seinem letzten Tour-Sieg, zu einem Exklusivinterview in ihrer Sendung bereit sei.

Seither überschlugen sich die Spekulationen und Gerüchte. Vor wenigen Tagen meldete Winfrey Vollzug.

Mehr als zweieinhalb Stunden habe sie mit Armstrong gesprochen - "das größte Interview, das ich je gemacht habe, am Ende waren wir beide erschöpft". Heute Nacht soll das Gespräch gesendet werden.

Worum es in dem Gespräch im Einzelnen geht, bleibt bis zur Ausstrahlung offen. Angeblich will Armstrong zugeben, gedopt zu haben. Angeblich will er Hintermänner belasten. Angeblich will er die mächtigen Radsportfunktionäre an den Pranger stellen.

Die Frage bleibt: Warum tritt er nach Jahren des Leugnens vor die Kamera? Mögliche Antworten: Um mit einem öffentlichen Geständnis verlorenen Boden wieder wettzumachen.

Um für sich strafmildernde Umstände zu sichern. Um drohende Schadenersatzforderungen zu drücken. Oder um die beschädigte Reputation seiner Krebs-Stiftung, der Livestrong Foundation, wiederherzustellen.

"Du gehst nicht zu Oprah, um zu gestehen", sagt der US-Sportjournalist Don Van Natta, "du gehst zu Oprah, um Vergebung zu finden." In den USA ist es üblich, dass Stars nach Verfehlungen in renommierten Talkshows Abbitte leisten, und Oprah Winfrey ist seit Jahrzehnten die Beichtmutter der Nation.

Schadenersatz für Armstrong?

Tatsächlich gelingt es vielen Bühnen- und Filmgrößen, nach öffentlich wahrgenommenen Drogen- oder Gewaltexzessen sich durch demütige Auftritte vor der Kamera wieder reinzuwaschen - für ihre weitere Karriere ist das meist durchaus von Vorteil.

Armstrong könnte es aber auch darum gehen, die Schadenersatzforderungen, die auf ihn zukommen, zu minimieren. Die Versicherungsgesellschaft SCA Promotions fordert umgerechnet etwa neun Millionen Euro zurück.

2004 hatte sie nach Dopingvorwürfen gegen den US-Amerikaner eine Millionen-Prämie zurückgehalten, die der Radsport-Profi dann aber vor Gericht erfolgreich einklagte.

Der Radsport-Weltverband UCI verlangt die gewonnenen Preisgelder zurück, die sich allein für seine Tour-Siege auf drei Millionen Euro belaufen. Die "Sunday Times" will Armstrong in Folge des Rechtsstreits von 2004 auf 1,2 Millionen Euro verklagen.

So paradox das klingt: Sollte Armstrong als Kronzeuge gegen die Doping-Hintermänner aussagen und so den Betrug gegen das staatliche Unternehmen US Postal, seinen früheren Rennstall, aufdecken helfen, stünde ihm ein Anteil des erzielten Schadenersatzes zu, auch wenn er umgekehrt einen Teil davon selbst zahlen müsste. Der Auftritt bei Oprah Winfrey könnte dafür den Weg bereiten.

Chronologie: Stationen eines Doping-Verdachts

8. Juli 1999: Nach dem Prologsieg Lance Armstrongs wird bekannt, dass es auffällige Werte bei einem Fahrer gibt. UCI-Chef Hein Verbruggen beeilt sich zu erklären, "der betroffene Fahrer hat ein ärztliche Attest zur Gabe von Kortison vorgelegt". Eine Woche später ist klar, dass der "betroffene Fahrer" Armstrong heißt, der eine kortisonhaltige Salbe gegen Sitzbeschwerden verwendet haben will.

25. Juli 1999: Mit dem Tour-Gesamtsieg gelingt Armstrong 518 Tage nach seiner Hodenkrebs-Diagnose ein sensationelles Comeback. Ein Jahr nach dem Festina-Doping-Skandal hätten sich die Tour-Verantwortlichen eigentlich keinen besseren Sieger wünschen können.

Juni 2001: Bei der Tour der Suisse fällt ein Dopingtest Armstrongs auf, EPO-Doping wird vermutet. Die Version der "auffälligen Probe" bestätigt Martiel Saugy, der Laborleiter des Instituts in Lausanne, Jahre später. Armstrong wird nicht belangt, gewinnt die Rundfahrt. Danach spendet er dem Weltverband UCI 125.000 Dollar, die laut UCI für an den Anti-Doping-Kampf verwendet werden.

2. Juli 2004: Unmittelbar vor der Tour de France erscheint das Buch "L.A. Confidential". Darin erheben die Journalisten David Walsh und Pierre Ballester schwere Doping-Vorwürfe gegen Armstrong.

24. Juli 2005: Armstrong gewinnt zum siebten Mal die Tour de France und beendet danach seine Karriere.

23. August 2005: Die französische Sportzeitung "L‘Équipe" berichtet, dass in sechs Urinproben Armstrongs aus dem Jahr 1999 das Dopingmittel EPO nachgewiesen wurde. Die Proben waren eingefroren worden und konnten eindeutig Armstrong zugeordnet werden. EPO ist seit 2001 nachweisbar.

31. Mai 2006: Eine vom Weltverband UCI eingesetzte Kommission spricht Armstrong von den Doping-Vorwürfen frei. Die Welt-Anti-Doping-Agentur WADA nennt den UCI-Bericht "fast schon lächerlich".

2. Oktober 2008: Die französische Anti-Doping-Agentur AFLD schlägt Armstrong vor, die sechs Proben der Tour 1999 nochmals zu testen. Der Amerikaner, der zum Tour-Comeback 2009 rüstet, lehnt das ab.

20. Mai 2010: Armstrongs ehemaliger Teamkollege Floyd Landis gibt öffentlich zu, die meiste Zeit seiner Karriere gedopt zu haben. Der Amerikaner beschuldigt in diesem Zusammenhang auch Armstrong des Dopings. US-Behörden ermitteln gegen Armstrong, der Anfang 2011 zum zweiten Mal seinen Rücktritt als Radprofi erklärt.

20. Mai 2011: Tyler Hamilton ist der nächste ehemalige Teamkollege, der schwere Doping-Vorwürfe gegen den früheren Kapitän erhebt. "Ich sah EPO in seinem Kühlschrank. Ich sah mehr als einmal, wie er es sich gespritzt hat", sagt Hamilton dem TV-Sender CBS.

4. Februar 2012: Die US-Staatsanwaltschaft stellt ihre Doping-Ermittlungen gegen Armstrong überraschend ein.

12. Juni 2012: Die US-Anti-Doping-Agentur USADA klagt Armstrong an. Proben aus den Jahren 2009 und 2010 sollen "vollkommen mit Proben übereinstimmen, an denen Blutmanipulation, inklusive EPO und/oder Blut-Transfusionen vorgenommen wurden." Armstrong wird sofort für alle Wettbewerbe gesperrt.

24. August 2012: Armstrong teilt in einem Statement mit, dass er den Kampf gegen die Anschuldigungen aufgibt. 10. Oktober 2012: Die USADA schickt ihre Urteilsbegründung an die UCI. Armstrongs langjähriges Profiteam US Postal habe das "ausgeklügelste, professionellste und erfolgreichste Dopingprogramm betrieben, das der Sport jemals gesehen hat", installiert.22. Oktober 2012: UCI-Präsident Pat McQuaid gibt bekannt, dass der Weltradsportverband die Sanktionen der USADA übernimmt. Die UCI streicht damit sämtliche Ergebnisse Armstrongs seit dem 1. Januar 1998, darunter die Erfolge bei den Frankreich-Rundfahrten von 1999 bis 2005. Zudem sperrt die UCI den Texaner lebenslang.14. Januar 2013: Die TV-Show der amerikanischen Talk-Ikone Oprah Winfrey mit Interview-Partner Armstrong wird aufgezeichnet. Der Ex-Profi soll Medienberichten zufolge darin Doping gestanden haben. Zugleich wolle er laut "New York Times" gegen die UCI aussagen. (dpa)

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[17.01.2013, 15:45:53]
Dr. Horst Grünwoldt 
Phantom "Doping"
Es ist für mich unbegreiflich, daß renommierte Sportmediziner, Physiologen und Pharmakologen schon jahrzehntelang den Anti-"Doping"-Kämpfern und Krisengewinnlern der WADA, NADA u.a. Organisationen und ihren Spurensuchern (meist Biochemikern) das Thema "Leistungssteigernde Medikamente und Methoden" überlassen haben. Beides ist zunächst ein Grundanliegen der Körperkultur und des Sports, und zwar sogar im olympischen Sinne!
Dabei werden herausragende Athleten wegen irgendeines Spurennachweises (ob wirksam oder nicht) gemäß der Liste von "verbotenen Substanzen" verdächtigt, in betrügerischer Absicht sich Vorteile im sportlichen Wettkampf zu verschaffen. Nach m.E. dürfte es für erwachsene und mündige Menschen überhaupt keine "verbotenen" Stoffe oder Arzneimittel geben, die sie sich selbstbestimmt ihrem Körper einverleiben wollen.
Natürlich versuchen dann auch sofort geldgierige Händler im obskuren Verbotsbereich (wie bei der Alkohol-Prohibition in den USA) unter dem Nimbus "Leistungssteigerung" über das individuelle Potential hinaus alles mögliche als "dope" in den illegalen Handel und an die Sportler jeder Kategorie zu bringen. Das hat inzwischen in absurder Weise schon dazu geführt, daß das magische Wort "Doping" sogar in der Werbung positiv behaftet ist!
(z.B. wirbt ein Kosmetikhersteller mit "Doping für die Haare"!!)
Der grandiose Radrennfahrer Lance Armstrong u.a. haben gewiß niemals durch ein sog. "Blutdoping" oder durch die Einnahme von Epo objektiv eine Leistungssteigerung erfahren, geschweige die "Tour der Leiden" gewonnen.
Selbst die Verabreichung von Testosteron kann, abgesehen von seinen hormonell- maskulinisierenden Wirkungen, nicht einmal zur Vermehrung der genetisch angelegten Muskelfasern führen, sondern lediglich die Einlagerung von Glykogen und Proteinen fördern, insbesondere bei Rekonvaleszenten oder nach Erschöpfungs-Zuständen.
Der gesundheitlich stets riskante Individual-Versuch mit pharmakologisch wirksamen Stoffen, zumal unter Wettkampf-Stoffwechselbelastung, kann deshalb niemals zu einer prophezeiten Leistungs-Steigerung, sondern bestenfalls (s. sogar die Hormone Testosteron und HGH) zur persönlichen Leistungs-Optimierung führen.
Und das dürfte ein ganz und gar legitimes Ansinnen sein!
Dr. med. vet. Horst Grünwoldt (FTA für Hygiene), Rostock zum Beitrag »

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