Donnerstag, 30. Oktober 2014
Ärzte Zeitung, 22.01.2013

Eine alte Liebe

Die Wechselwirkung von Medizin und Musik

Ärzteorchester, Chöre und Big Bands: Unter Ärzten ist der Anteil an Musikern besonders hoch. Inzwischen gibt es auch Musikunterricht und Seminare, die sich speziell an Mediziner richten.

Von Stefan Käshammer

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Ein Abend am Klavier: Dr. Thomas Dirksen, Psychiater und Hobby-Pianist, genießt die vielfältigen Verbindungen von Musik und Medizin - privat wie beruflich.

© Käshammer

WIESBADEN. Unter Ärzten ist der Anteil an Musikern höher als in anderen Berufsgruppen. Die Musiktherapie ist dabei nur eine von vielen Schnittstellen und zahllose Studien belegen den positiven Einfluss von Musik auf ärztliche Fähigkeiten.

So soll die Musik eine beruhigende Wirkung sowohl auf Chirurgen als auch auf Patienten im Operationssaal haben. In einer Studie in den USA zeigte sich zudem eine positive Wirkung des Musizierens auf die Fähigkeiten von laparoskopisch tätigen Chirurgen (JSLS. 2008;12:192-4).

Knapp die Hälfte der Ärzte spielen selbst ein Musikinstrument oder singen. Das konnten niederländische Forscher belegen (Ned Tijdschr Geneeskd. 155; 2011: A4402).

Der Kinder- und Jugendpsychiater Dr. Thomas Dirksen aus Münster spielt selbst Klavier und hat kürzlich zum zweiten Mal an einem Klavierkurs speziell für Ärzte teilgenommen.

"Schon bei meiner ersten Teilnahme hat mir der Kurs einen Motivationsschub gegeben, von dem ich das ganze Jahr zehren konnte", berichtet Dirksen.

Am ersten von vier Seminartagen versammelten sich drei Psychiater, eine Hautärztin, ein Nuklearmediziner, ein Pharmakologe, ein Zahnarzt und eine WHO-Mitarbeiterin an keinem geringeren Ort als dem Mozarthaus in Wien.

Keine Angst vor Fehlern!

Dort unterhält Klavierfabrikant Bösendorfer einen kleinen Konzertsaal. Gleich am ersten Abend lernten die Teilnehmer den wichtigsten Satz von Seminarleiter Wolfgang Ellenberger: "Keine Angst vor Fehlern am Klavier! Nur wer Fehler macht und zu ihnen steht, kann das Lernpotenzial darin für sich nutzen".

Ellenberger ist selbst studierter Konzertpianist und approbierter Arzt. Verständlich, dass diese Botschaft nicht nur auf das musikalische Schaffen zielte.

Und tatsächlich, bei der ersten Kostprobe des Könnens der Seminarteilnehmer war die Scheu vor dem Spiel auf den Tasten schnell verflogen.

Der Einzelunterricht an den folgenden Tagen bereitete die Teilnehmer für den Seminarabschluss vor: Unter dem Namen "Piano-Music-Docs" gaben die Ärzte ein Abschlusskonzert im Bösendorfer-Saal des Mozart-Hauses.

Aus diesem Kurs schöpfte Dirksen viel Kraft: Das Klavierspiel begleitet ihn seit seiner Kindheit, er hatte jahrelang Unterricht. Sein Lieblingshobby musste schließlich den Belastungen des Medizinstudiums und den ersten Berufsjahren weichen.

Vor zehn Jahren hatte er seine alte Leidenschaft wiederentdeckt, nahm Unterricht und musiziert seither mit alten Weggefährten aus der Studentenzeit in einer Jazzrock-Band.

Inzwischen nutzt er das Instrument auch beruflich, in seiner Praxis für Kinder- und Jugendpsychiatrie steht ein Klavier. Zwar ist Dirksen kein ausgebildeter Musiktherapeut, aber seine Kollegen aus der Gemeinschaftspraxis bedienen sich gelegentlich musiktherapeutischer Elemente.

Die Musik erleichtere häufig den Gesprächseinstieg etwa bei mutistischen Kindern, die nur mit wenigen Bezugspersonen sprechen und das Gespräch mit allen anderen verweigern.

Ausgleich und Impulse

"Diese Kinder lassen wir erst mal auf dem Klavier klimpern. Manchmal fordern wir sie auf, zu spielen, wie es ihnen geht, oder wie das Wetter draußen ist. Dabei vergessen sie nicht selten ihre Sprachverweigerung und damit ist das Eis dann gebrochen", berichtet Dirksen.

In seiner Freizeit ist Dirksen froh, wenn er - anders als im psychiatrischen Alltag - nicht gezwungen ist, zu reden. "Am Klavier kann ich mich dann musikalisch ausdrücken, das genieße ich sehr."

Und das Erlebnis werde umso intensiver, je schöner und hochwertiger der Klang eines Instrumentes ist. Solche Klänge und Instrumente erlebe er auch beim Seminar in Wien: Dort konnte er in der Bösendorfer-Manufaktur den langen und handwerklich hochkomplexen Weg von der Auswahl der Hölzer bis zum fertigen Konzertflügel verfolgen.

Spätestens hier wurde den Seminarteilnehmern klar, warum der Klavierbau mehr Kunsthandwerk als Industrie ist: Jeder Flügel ist ein Einzelstück. Selbst zwischen zwei vollkommen baugleichen Instrumenten können klanglich und vom Spielgefühl her Welten liegen.

"Bei den ,Bösendorfer Piano-Music-Docs‘ hatten wir Gelegenheit, ausführlich auf den besten Flügeln der Welt zu musizieren, und das in einem interessanten Kreis von gleich gesinnten ärztlichen Kollegen im Herzen Wiens. Diese Mischung hat für mich einen unwiderstehlichen Reiz", berichtet Dirksen.

Die für Kinder- und Jugendpsychiater wichtigen kognitiven Zugänge und verbalen Routinen werden nach Dirksens Erfahrung durch Musikalität gut ergänzt und oft erweitert.

Sein Fazit: "Durch das Musizieren habe ich einen wunderbaren Ausgleich zum Berufsalltag. Gleichzeitig bekomme ich dadurch Impulse, die ich wiederum beruflich nutzen kann, womit sich der Kreis für mich schließt".

Die nächste Ausgabe der Klavierkurse für Ärzte ("Bösendorfer Piano Music Docs") soll im August 2013 in Wien stattfinden. Geleitet werden die Kurse von dem Arzt und Pianisten Wolfgang Ellenberger. Interessenten können sich im Internet informieren und anmelden unter: http://docs.boesendorfer.com/

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