Ärzte Zeitung, 31.01.2013

Telefonseelsorge

Eine Hotline für Perspektiven

Wer bei der Telefonseelsorge mitarbeiten möchte, sollte mindestens drei Voraussetzungen erfüllen: Gut zuhören können, belastbar sein und Menschen mögen. Eine Reportage.

Von Christiane Badenberg

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Irgendwo in Deutschland: Die Anrufer bei der Telefonseelsorge sollen spüren, dass sie Probleme lösen können.

© Uwe Zucchi / dpa

MÜNCHEN. Es gibt einige Aufleger, viele regelmäßige Anrufer und weniger Menschen mit Suizidabsichten, als die meisten wohl vermuten.

Aber wer auch immer bei der Katholischen Telefonseelsorge München anruft, sucht nach einem Menschen, der zuhören kann und einem Mut macht, wie Werner Hartmann.*

"Ja Respekt. Ich freue mich, dass es für Sie wieder bergauf geht." Es ist Dienstagmorgen 10.30 Uhr und Werner Hartmann telefoniert mit der ersten Anruferin seiner Schicht.

Seine Stimme klingt ruhig und verständnisvoll, wie die eines guten Freundes, dem man alles erzählen kann. Die Frau ist eine von den regelmäßigen Anruferinnen. Das heißt, man kennt sich, auch wenn alle Gespräche anonym sind.

Heute ist die psychisch kranke Frau einfach nur froh, dass es ihr etwas besser geht, und sie will die Freude mit jemandem teilen. Dabei lebt sie nicht allein, sondern hat einen Freund, weiß Hartmann aus früheren Gesprächen.

"Aber seitdem sie regelmäßig bei uns anruft, läuft es mit ihrem Freund viel besser", erzählt der 59-Jährige. "Jetzt muss sie nicht immer nur mit ihm ihre Probleme besprechen und das tut der Beziehung offenbar gut."

Hartmann ist aus verschiedenen Gründen besonders gut geeignet für eine ehrenamtliche Tätigkeit bei der Telefonseelsorge. Er ist gelernter Diplom-Sozialpädagoge mit gesprächstherapeutischer Zusatzausbildung.

Aber er hat auch, wie sicherlich viele der Anrufer, selber schon harte Zeiten erlebt. Wegen einer Kinderlähmung sitzt er seit zehn Jahren im Rollstuhl, ein Burn-out zwang ihn mit Anfang 40 seinen Beruf aufzugeben.

Zehn Jahre war er zu Hause, hat sich um Sohn und Tochter gekümmert. "Dann hatte ich soweit aufgetankt, dass ich mich zumindest ehrenamtlich wieder sozial engagieren konnte", erzählt er.

"Ich weiß, dass es seltsam klingt, aber meiner Meinung nach dürfte soziale Arbeit nicht bezahlt werden", sagt der in seinem Rollstuhl klein wirkende, kräftige Mann mit den rotblonden Haaren.

"Um anderen helfen zu können, darf man nicht abhängig sein", ist seine Überzeugung. "Man kann nur helfen, wenn es einem selbst gut geht. Hier kann ich jederzeit gehen, wenn es mir stinkt, das nimmt Druck weg."

Wieder Lust auf das Leben machen

Wer Hartmann bei seiner Beratung beobachtet, hat das Gefühl, dass in dem Büro in der Münchner Landwehrstraße zwei Welten aufeinander treffen.

Draußen wird, während er seine Gespräche führt, mit enormem Lärm das Dach des Nachbarhauses gedeckt, ein Baby schreit lange und durchdringend, im Getränkeshop an der Ecke werden laut polternd Bier- und Wasserkästen angeliefert.

Zwischendurch jagt ein Motorrad unter dem Fenster vorbei, die Uhr der nur wenige Meter entfernt liegenden St. Paul Kirche schlägt elf. Hartmann lässt sich von nichts aus der Ruhe bringen, konzentriert sich auf jeden einzelnen Anrufer.

Dabei können die Anliegen völlig unterschiedlich sein, Hartmann nimmt jeden ernst. Auch wenn die Frau eines Spitzenmanagers anruft, die von ihrem Mann verlassen wurde und jetzt darüber klagt, dass sie und ihr Sohn mit nur noch 6000 Euro im Monat auskommen müssen.

"Das empfindet sie als sozialen Abstieg, so wie wenn wir auf Hartz IV rutschen", sagt er. Einmal hat ihn eine Siebenjährige angerufen, die sich Sorgen machte, weil sie noch keinen Busen hatte. Auch hier konnte er mit dem Hinweis, das sei bei Siebenjährigen ganz normal, Trost spenden.

"30 Prozent der Menschen die uns anrufen sind psychisch krank, andere benötigen in einmaligen Notsituationen Hilfe", sagt Hartmann. Menschen mit Selbsttötungsabsichten hatte er dagegen in seiner zehnjährigen Tätigkeit kaum am Apparat.

Das Ziel der 42 Seelsorger, unter ihnen zehn hauptamtlich Beschäftigte, ist es nicht, kluge Ratschläge zu geben, sondern den Leuten wieder Lust aufs Leben zu machen.

"Die meisten stehen mit dem Gesicht zur Wand und wir wollen, dass sie sich umdrehen und die Sonne wieder sehen", beschreibt Hartmann die Aufgabe der Seelsorger. Die Hilfesuchenden sollen spüren, dass Probleme lösbar sind und dass sie alles mitbekommen haben, um ihr Leben in den Griff zu bekommen.

Wenn Werner Hartmann nach einem vierstündigen Einsatz nach Hause geht, nimmt er die Probleme der Anrufer selten mit. Um die notwendige Distanz zu wahren, müssen alle Seelsorger regelmäßig an Supervisionen teilnehmen.

"Wenn ich zu Hause dauernd mit meiner Frau über die Telefonseelsorge sprechen würde, dann wüsste ich: meine Zeit hier ist vorbei", sagt er.

*) Name von der Redaktion geändert

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