Ärzte Zeitung, 22.04.2013

Vom Hobby zum Fulltime-Job

Notarzt-Börse boomt

Dr. André Kröncke besetzt mit seiner Notarzt-Börse nicht nur bundesweit Rettungswachen mit Ärzten. Er vermittelt sich und seine Kollegen auch für besondere Einsätze, wie bei einer Fernsehshow und Autorallyes. Das Geschäft boomt, der Mitarbeiter-Pool wächst.

Von Dirk Schnack

Notarzt-Börse boomt

Dr. André Kröncke ist außer in der Firmenleitung auch oft noch selbst im ärztlichen Dienst tätig.

© Dirk Schnack

POGEEZ. Angefangen hat alles mit einer Anfrage für einen Bereitschaftsdienst auf einer Kirmes in Hahn bei Düsseldorf.

Heute ist der Anästhesist und frühere Landarzt Dr. André Kröncke Inhaber zweier Firmen, die bundesweit Rettungswachen mit Ärzten besetzt ("Notarzt-Börse") und die medizinische Betreuung bei Großveranstaltungen auf der ganzen Welt übernimmt ("Docmondis").

Aus dem Hobby ist für den Mediziner ein Fulltime-Job geworden. Er beschäftigt 16 fest angestellte Mitarbeiter, verfügt über einen Pool von 4200 Ärzten, die er bei Bedarf auch außerhalb von Deutschland einsetzt.

Und er hat dafür gesorgt, dass die Dienste auf Veranstaltungen längst nicht mehr wie ein Hobby entlohnt werden.

Einst zehn DM pro Stunde

"Ich kann mich noch gut erinnern, dass mir anfangs für eine große Veranstaltung am Brandenburger Tor zehn DM pro Stunde Bereitschaftsdienst angeboten wurden - für die Zeit von 19 bis fünf Uhr morgens. Für meinen Beruf, für den ich eine jahrelange Ausbildung absolviert habe", sagt Kröncke.

Er stellte auch fest, dass viele seiner Kollegen dies hinnahmen: "Wir Ärzte sind es einfach nicht gewohnt, Preise aufzurufen."

Kröncke lernte dies. Er verhandelte andere, bessere Preise für sich und für die Kollegen. Er brachte die Ärzte für die angefragten Dienste zusammen und besetzte anfangs mit freiberuflich tätigen Kollegen die Dienste in Rettungswachen. 

Ab 2003 wurde von seiner Notarzt-Börse die erste Rettungswache komplett an 365 Tagen im Jahr, 24 Stunden täglich durchgehend besetzt.

Heute sind es schon fünf Wachen, die Kröncke über seinen Mitarbeiter-Pool regelmäßig bedient. Das Einzugsgebiet erstreckt sich von Norddeutschland über Hessen bis nach Nordrhein-Westfalen.

"Seit Übernahme der Verantwortung für komplette Rettungswachen ist über all die Jahre nicht eine Stunde ärztlich unbesetzt geblieben", sagt Kröncke nicht ohne Stolz.

Mitarbeiter-Pool wächst

Mit den mehreren Tausend geleisteten Arbeitstagen in deutschen Notarztwachen trägt seine Notarzt-Börse schließlich zum Erhalt des notarztgestützten Rettungssystems bei.

Sein wachsender Mitarbeiter-Pool ermöglicht auch die Besetzung von Krankenhausdiensten und Praxisvertretungen. Damit ist Kröncke einer der wichtigsten Anbieter für Honorararzt-Vermittlungen auf dem deutschen Markt geworden.

Der Nachfrageboom nach ärztlichen Leistungen hat Krönckes Firmen genauso wie vielen anderen Vermittlungsagenturen geholfen. Kröncke erwartet aber eine Marktbereinigung und dass sich Unternehmen, die auf Qualität und Zuverlässigkeit setzen, langfristig durchsetzen.

Neben Einzelterminen realisieren seine Firmen auch Einsätze über mehrere Wochen oder Monate. "So transferiert die Notarzt-Börse Ärzte aus Ballungszentren in ländliche Gebiete. Nicht selten ergibt sich dann eine Festanstellung oder Niederlassung", berichtet Kröncke.

In Mecklenburg-Vorpommern praktiziert

Nach seinen Erfahrungen sind besonders die Fachgebiete Anästhesie, Innere Medizin, Allgemeinmedizin und Chirurgie stark nachgefragt. Ärzte, die Interesse an den Diensten haben, müssen beglaubigte Kopien ihrer Zeugnisse einreichen und sich für eine Monatsgebühr von vier Euro registrieren.

Damit erreicht Kröncke, dass Kollegen, die kein Interesse mehr an den Diensten haben, sich aus der Datei löschen lassen. "Wir haben keine Karteileichen", sagt Kröncke.

Wohl auch deshalb nicht, weil aus den zehn DM für den Bereitschaftsdienst für seine Ärzte gute Stundenlöhne geworden sind. "Für die Facharztstunde liegt die Spanne zwischen 70 und 90 Euro", berichtet Kröncke.

Er selbst war neben dem Aufbau seiner beiden Unternehmen noch jahrelang hausärztlich tätig. In Mecklenburg-Vorpommern war Kröncke neun Jahre lang als praktischer Arzt niedergelassen. Auch nach Aufgabe seiner Praxis kann er nicht ohne Medizin. "Ich bin mit Leib und Seele Notfallmediziner."

Trotz der unternehmerischen Tätigkeit setzt er sich deshalb immer wieder selbst mit ein, wenn Dienste zu belegen sind. Kröncke, der seinen Unternehmenssitz gerade vom mecklenburgischen Lüdersdorf nach Pogeez im südlichen Schleswig-Holstein verlegt hat, war für seine Einsätze unter anderem schon in China, Georgien, Oman oder auf Haiti.

Mehrtätige Hochzeit begleitet

Die Anfragen an seine Unternehmen sind vielfältig. Sie reichen von der rund um die Uhr-Betreuung einer Fernsehshow über die Begleitung von Autorallyes bis zum medizinischen Gesamtkonzept für Großveranstaltungen.

Aber auch eine mehrtägige Hochzeit in der Toskana musste schon ärztlich begleitet werden. Während dieser Einsätze sind meist zahlreiche Patienten mit Bagatellen zu versorgen, aber die Ärzte müssen auch auf schwerere Unfallverletzungen und Infektionen eingestellt sein.

Alltagsgeschäft für seine Unternehmen sind ganz normale Dienste wie ärztlich begleitete Verlegungs- und Rückholtransporte, etwa für den ADAC.

"Beides ist wichtig: die Highlights und die Standardeinsätze", sagt der 45-jährige Firmeninhaber, dessen Angebot sich mit den Jahren über Mund zu Mund-Propaganda verbreitet hat.

Was ihn persönlich nach so vielen Einsätzen und vielfältigen Erfahrungen noch reizt? "Eine Off-Road Tour durch Asien oder Südamerika."

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