Ärzte Zeitung, 09.10.2013

Leitartikel zum Medizin-Nobelpreis

Jetzt steht es 96:16 für die USA

Unter den drei Medizin-Nobelpreisträgern ist auch ein gelernter Mediziner: der gebürtige Deutsche Thomas C. Südhof. Seiner wissenschaftlichen Arbeit geht er allerdings seit 30 Jahren in den USA nach.

Von Robert Bublak

Jetzt steht es 96:16 für die USA

Nobelpreis-Medaille mit dem Konterfrei von Alfred Nobel.

© Berit Roald / dpa

Ginge es tatsächlich nach Alfred Nobel respektive nach dem Wortlaut seines Testaments, hätte keiner der drei nun ausgezeichneten Forscher den Medizin-Nobelpreis erhalten dürfen.

Der Stifter hatte nämlich testamentarisch vorgesehen, den Preis an diejenigen auszuteilen, "die im vergangenen Jahr der Menschheit den größten Nutzen erbracht haben".

Ein Teil sollte an "denjenigen" (sic!) gehen, "der die wichtigste Entdeckung in der Domäne der Physiologie oder Medizin gemacht hat".

Im vergangenen Jahr hat jedoch keiner der drei Preisträger groß von sich reden gemacht. Die von der Nobelversammlung am Karolinska-Institut aufgelisteten Schlüsselpublikationen von Professor Randy W. Schekman (University of California in Berkeley) stammen aus den Jahren 1979 und 1990, jene von Professor James E. Rothman (Yale University in New Haven) erschienen 1984 und 1993. Für Professor Thomas C. Südhof (Stanford University) werden Arbeiten von 1990 und 1993 angeführt.

Langer Weg von der Leistung zur Würdigung

Der lange Weg von der Leistung bis zu ihrer Würdigung hat inzwischen noble Tradition. Das Vorgehen ist verständlich, denn den Wert etwa einer wissenschaftlichen Entdeckung binnen Jahresfrist korrekt einzuschätzen, ist oft schwierig bis unmöglich.

In den Statuten der Nobelstiftung wird daher eine Interpretationshilfe für den Ausdruck "im vergangenen Jahr" gegeben.

Demnach soll dieser Terminus in dem Sinne verstanden werden, "dass die jüngsten Errungenschaften auf den im Testament genannten Gebieten ausgezeichnet werden sollen, und ältere Arbeiten nur dann, wenn ihre Bedeutung erst kürzlich offenbar geworden ist".

Wie wichtig es sein kann, ein wenig zu warten, bis der Wert einer Entdeckung zutage tritt, zeigt das Beispiel des Laureaten Werner Forßmann.

Als junger Assistenzarzt an der Charité hatte sich Forßmann 1929 im Selbstversuch einen Gummischlauch über die Armvene in den rechten Herzvorhof geschoben und dies mit einer Röntgenaufnahme dokumentiert. Im November des gleichen Jahres veröffentlichte er seine Arbeit "Über die Sondierung des rechten Herzens".

Im April 1931 hielt er darüber einen Vortrag vor der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie.

Forscher finden bessere Bedingungen in den USA

Dass die Bedeutung seiner Leistung sofort offenkundig geworden wäre, kann man nicht behaupten. Forßmanns damaliger Chef, der Chirurg Ferdinand Sauerbruch, machte seinem Namen Ehre, indem er säuerlich verkündete: "Mit solchen Kunststücken habilitiert man sich in einem Zirkus und nicht an einer anständigen deutschen Klinik."

Sauerbruchs Würdigung für Forßmanns Leistung bestand darin, ihm die Entlassungspapiere auszuhändigen.

27 Jahre später allerdings sah die medizinische Welt Forßmanns Leistung in anderem Licht: Am 18. Oktober 1956 erhielt er für seine Entdeckung den Nobelpreis für Medizin zugesprochen.

Möglicherweise wäre Forßmanns Karriere anders verlaufen, hätte er seine Entdeckung in den USA gemacht. Nach verbreiteter Ansicht finden Spitzenforscher dort bessere Arbeitsbedingungen vor als hierzulande.

Der diesjährige Nobelpreisträger Thomas Südhof dürfte das bestätigen. Er war 1983, nach seiner Promotion in Göttingen, als Postdoc an die University of Texas gewechselt, ins molekulargenetische Labor von Michael Brown und Joseph Goldstein.

Dort lernte er nicht nur verschiedene Labortechniken kennen. Vielmehr konnte er gleich aus nächster Nähe beobachten, wie man einen Nobelpreis entgegennimmt - Brown und Goldstein waren die Preisträger des Jahres 1985.

Südhof wurde Emigration nahe gelegt

1995 kehrte Südhof freilich zurück nach Göttingen, als Direktor des dortigen Max-Planck-Instituts (MPI) für experimentelle Medizin. Die damalige Führung der Max-Planck-Gesellschaft (MPG) war über die Verpflichtung aber anscheinend nicht besonders glücklich.

Wie Südhof selbst berichtet, kam es zu Meinungsverschiedenheiten über die Ausrichtung des Instituts. Der damalige MPG-Präsident Hubert Markl riet Südhof 1998, sein Amt am MPI aufzugeben und sein weiteres Glück in Amerika zu versuchen.

Den kuriosen Umstand, dass die Spitze einer führenden deutschen Wissenschaftsorganisation einem führenden deutschen Forscher die Emigration nahelegt, kommentiert Südhof mit den Worten: "Ich habe meine Arbeit in Göttingen nie bedauert … Ich habe aber auch nie bedauert, dem Vorschlag des MPG-Präsidenten gefolgt und in die USA zurückgekehrt zu sein. Die Weite und Toleranz des dortigen Systems erlaubte mir eine Art zu arbeiten, die meinem etwas bilderstürmerischen Temperament mehr entgegenkommt."

So hat mit Südhof zwar ein gebürtiger Deutscher den Medizin-Nobelpreis erhalten. Doch als Forscher zählt Südhof zu den US-Amerikanern. In puncto Medizinnobelpreis steht die Partie USA - Deutschland daher nun 96:16.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Was neue Onkologika den Patienten tatsächlich bringen

Ist das Glas halb voll oder halb leer? Neue Onkologika haben die Überlebenszeit von Krebspatienten in den vergangenen zwölf Jahren im Schnitt um 3,4 Monate verlängert. Dieser Vorteil geht oft zulasten der Sicherheit. mehr »

Kassen und KBVdrücken aufs Tempo

Bisher trat die Selbstverwaltung bei der Digitalisierung eher als Bremser auf. Bei den Formularen geben KBV und Kassen jetzt Gas: Im Juli kommt der digitale Laborauftrag. mehr »

"Weiterbildung auch mit Kind zügig möglich - im Verbund!"

Eine strukturierte Weiterbildung, die auch mit Elternzeit nur sechs Jahre dauert? Das ist möglich, sagt Dr. Sandra Tschürtz. Die angehende Allgemeinmedizinerin steht vor ihrer Facharztprüfung – und blickt für die "Ärzte Zeitung" auf ihre Zeit in einem Weiterbildungsverbund zurück. mehr »