Ärzte Zeitung, 30.10.2013

Leitartikel

Warum der "Blutgeld"-Film einen Skandal nicht erklärt

Die HIV-Infektion von Blutern mit Faktor-VIII-Präparaten war eine der größten Arzneimittel-Katastrophen. Mit einem Spielfilm versuchte sich das ZDF an der schwierigen Materie - und scheiterte daran, die Ursachen zu erklären.

Von Helmut Laschet

Warum der "Blutgeld"-Film einen Skandal nicht erklären kann

Filmszene: Stefan, Ralf und Thomas S. sind Bluter. Die Hoffnung auf ein normales Leben wird durch verseuchtes Faktor-VIII zerstört.

© dpa

"Ab heute beginnt für euch ein gesundes, angstfreies und erfolgreiches Leben." Was der Leiter eines großen Hämophiliezentrums, Professor Schubert, den drei Brüdern Ralf, Thomas und Stefan S. verspricht, gilt in den 1970er Jahren als einer der großen Durchbrüche in der Pharmakotherapie: die Behandelbarkeit der Bluterkrankheit mit Faktor-VIII-Präparaten.

Doch schon nach wenigen Jahren erweist sich der Segen als ein fürchterlicher Fluch, weil die aus Blutplasma gewonnenen Präparate nicht nur mit Hepatitis C, sondern auch mit dem HI-Virus verseucht waren. Etwa 1500 Bluter hatten sich mit HIV infiziert, über tausend sind inzwischen gestorben.

"Blutgeld" am Montagabend im ZDF: Am realen Beispiel der drei Brüder Ralf, Thomas und Stefan, ihrer Familie und des behandelnden Arztes Professor Schubert versucht ein Fernsehfilm ein Schicksal zu dokumentieren, zugleich aber auch die Hintergründe der neben Contergan schwersten Arzneimittel-Katastrophe in Deutschland aufzuhellen.

Doch damit sind die Drehbuch-Autoren gründlich gescheitert. Nicht zuletzt lag dies wohl auch daran, dass die Regie sich nicht entscheiden konnte, entweder auf die persönlichen Schicksale des Lebens mit HIV und Aids und allen seinen Konsequenzen zu fokussieren oder einen Polit-Thriller zu drehen.

Beides wurde versucht - und misslang. Am Ende bleibt - auch nach dem anschließenden Dokumentarfilm - ein weitgehend ratloser Zuschauer, der sich fragt: Wie kann so etwas geschehen?

Die Schurken standen von vornherein fest

Dass diese Frage unbeantwortet bleibt, hat seine Ursache in einer bis zur Verfälschung reichenden Vergröberung der Darstellung dessen, was in den 1970er und 1980er Jahren in der pharmazeutischen Industrie, im Bundesgesundheitsamt und bei den Pharma-Versicherern ablief.

Klar ist nur, dass dies die Schurken sind. Doch mit der Markierung ist nichts erklärt, sind keine Ursachen gefunden, wird keine Antwort auf die berechtigte Frage gegeben, ob wir vielleicht heute gegen ähnliche Katastrophen besser gewappnet sind.

Dabei sind die Chancen und Risiken von Faktor VIII und das schlimme Schicksal der Hämophiliekranken noch heute ein Lehrbeispiel dafür, wie nahe Fluch und Segen medizinischen Fortschritts beieinander liegen.

Und vor welchen Herausforderungen Ärzte stehen, wenn sie angesichts schwer kalkulierbarer Risiken ihren Patienten zu einer Therapie raten.

Welche Folgen es hat, wenn eine Behörde wie das Bundesgesundheitsamt desolat organisiert und überfordert ist und das verantwortliche Ministerium davor über Jahre hinweg die Augen verschließt - und wenn schließlich auch ein Parlament seine Kontrollfunktionen nicht ausübt.

Grenze zwischen Nichtwissen und Ignoranz ist schwer zu ziehen

Man hätte gewarnt sein können: Bereits 1975 hatten Wissenschaftler davor gewarnt, dass durch industriell hergestellte Gerinnungsfaktoren die Infektionsrate mit dem aggressiven Hepatitis non A non B deutlich gestiegen war.

In Deutschland wurden Bluter überdies besonders intensiv mit Faktor VIII behandelt, wozu die im Inland gespendeten Blutmengen bei weitem nicht ausreichten.

Deshalb hatte sich eine Praxis des Blutplasma-Imports aus fragwürdigen kommerziellen Quellen entwickelt, zum Teil aus den USA, zum Teil aus Ländern der Dritten Welt.

Dieses Plasma wurde gepoolt mit der Gefahr, dass nur eine einzige infizierte Blutspende eine ganze Charge von Faktor-VIII-Präparaten verseuchen konnte. Aber bereits in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre waren hitzeinaktivierte Präparate entwickelt worden.

Und hier kamen die Kostenträger, die Krankenkassen ins Spiel: Mit den Hämophiliezentren wurde vereinbart, dass die neuen teureren Präparate nur bei solchen Blutern angewendet werden sollten, die noch nicht mit Hepatitis C infiziert waren.

Es ist schwer, die Grenze zwischen dem Nichtwissen, dass diese Präparate auch HIV-sicher waren, und (opportunistischer) Ignoranz zu ziehen.

Haben wir aus der Katastrophe gelernt?

Andererseits: Anfang der 1990er Jahre hat ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss die Katastrophe aufgearbeitet und Versagen auf vielen Ebenen festgestellt: bei Ärzten, in der pharmazeutischen Industrie, beim Bundesgesundheitsamt und im Bundesgesundheitsministerium.

Mit großen Schwierigkeiten wurde eine Entschädigungsregelung für die betroffenen Bluter gefunden. Die aber zeitlich bis 2015 begrenzt ist. Dass diese Menschen bis heute vor einer ungewissen Zukunft stehen, ist eines Sozialstaats unwürdig.

Und ist aus der Katastrophe gelernt worden? Vielleicht ein bisschen, aber nicht genug. Jedes Jahr sterben in deutschen Krankenhäusern - vermeidbar! - mehr Menschen an Nosokomialinfektionen als an Verkehrstoten zu beklagen sind.

Es ist der alltägliche Schlendrian, oft wider besseren Wissens, der in der Medizin der größte Skandal ist.

Der "Blutgeld"-Fernsehfilm in voller Länge in der ZDF-Mediathek

[30.10.2013, 21:54:13]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
"Blutgeld" ist nur ein Film
Der Vorspann zum Film „Blutgeld“ erklärt das Fiktionale: Frei erfunden, historische Parallelen rein zufällig, keine authentische Dokumentation. Das war mit der letzten Dokumentation über die Contergan-Katastrophe anders: Personalisierte Interviews, Dokumente, Zeitzeugen, Chronologie der Aufdeckung und Vertuschung des eigentlichen Skandals.

Doch ein Spielfilm muss in 88 Minuten inspirieren, vergröbert und verfälscht darstellen, polemisieren, personalisieren und emotionalisieren. Mit frei erfundenen Personen und Handlungen individuelle kulturelle Reflexionen der Betrachter ermöglichen und zum öffentlichen Diskurs anregen.

Eine Aufarbeitung dessen, was ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss nur mit Mühe und Not herausfinden konnte: Dass das Versagen auf vielen Ebenen bei Ärzten, in den Universitäten, im Wissenschafts- und Forschungsbetrieb, in der Pharmaindustrie, im Bundesgesundheitsamt und im Bundesgesundheitsministerium stattfand. Dass die Verantwortlichen sich reihum den Schwarzen Peter gegenseitig zuschoben. Dass Entschädigungs-Regelungen nur bis zum Jahr 2015 vereinbart wurden, usw. usf. hätte man nur an Hand der Dokumentation von Millionen von Schriftstücken, Akten, Protokollen und Interviews abarbeiten und als mehrbändiges Werk veröffentlichen können. Das hätte aber keiner lesen und diskutieren mögen.

Eine zeitlich begrenzte Entschädigungsregelung bis 2015 unterstützt die Einschätzung, dass man in den frühen 90er Jahren nicht an eine längere Stabilisierung der Patienten mit Hepatitis C- und HIV-Infektionen glauben wollte. Die Anti-retrovirale Therapie war noch Vision, "safer-sex"-Kampagnen und Vermeidungsstrategien Realität.

In diesem Kontext stand der Bonner Lehrstuhl für Experimentelle Hämatologie und Bluttransfusionswesen, seit 1970 unter der Leitung von Prof. Dr. med. Hans Egli, im Zentrum des Interesses. Dieser hatte bereits 1956 den ersten Hämophiliepatienten in Deutschland mit Cohn´scher Fraktion I behandelt. Die Einführung der Heimselbstbehandlung von Hämophiliepatienten in Deutschland durch Prof. Egli und der Ausbau der Bluterbehandlung waren ab 1971 d e r entscheidende Durchbruch und die wesentliche Verbesserung der vorher desolaten Hämophilie-Therapie. Bis zur Emeritierung von Prof. Egli 1987 kam 1975 noch die Entwicklung des Bonner Behandlungsprotokolls zur Immuntoleranztherapie zur Behandlung von Hemmkörpern bei Hämophiliepatienten hinzu.

Doch diese sensationelle Entwicklung für Bluterpatienten, mit weitgehend uneingeschränkter Lebenserwartung und Teilhabe unter Einsatz der Hochdosis-Gerinnungsfaktoren-Substitution, war janusköpfig. Je mehr Faktor VIII aus Blutplasma hergestellt, je mehr Blutimporte erforderlich und je mehr Blutgerinnungsprodukte "gepoolt" wurden, desto höher das Risiko akzidenteller Hepatitis C und HIV-Infektionen durch nur eine einzige mit beteiligte Blutspende. Hitzeinaktivierte, noch wesentlich teurere Präparate wurden viel zu spät und aus Einsparungsgründen viel zu sporadisch eingesetzt.

Und da stimmt m. E. der Vergleich mit den nosokomialen Infektionen in deutschen Krankenhäusern nicht. Deren Epidemiologie, Prävalenz, Inzidenz und Mortalität gründen sich viel zu häufig auf diffuse, grob geschätzte Angaben, Unterstellungen und statistische Hochrechnungen. Wogegen jeder Hämophilie-Patient mit HCV und/oder HIV ein Gesicht hat. Seine Infektion lässt sich mittels PCR zurückverfolgen, die Infektionskette aus Rückstellproben lückenlos beweisen. Genau wie bei den immer noch zu vielen Verkehrstoten die Ursachen auf der Hand liegen und bei denen, die Dank der modernen und in Deutschland wegweisenden Unfallchirurgie noch einmal mit dem Leben davon gekommen sind.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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[30.10.2013, 07:42:47]
Dr. Karlheinz Bayer 
Gratulation zu einem guten Leitartikel!
Ich teile Ihre Auffassung, Herr Laschet!

Es bleibt ein ziemlich alleinstehendes Ereignis, daß ein Amt - das Bundesgesundheitsamt - wegen Schlamperei und Verstrickung aufgelöst wurde.
Und die Folgen daraus bestehen bis heute.
Wir haben es mit den, Nachfolgerinstituten, insbesondere mit dem Robert-Koch-Institut, keineswegs mit einem echten Ersatz des ehemaligen Amts zu tun.
Denken wir an das Hick-Hack um die Vogel- und Schweinegrippeimpfungen, und wie leicht daraus ein weiterer Skandal entstehen hätte können (entstanden ist), wenn die Ärzte sich nicht flächendeckend als verantwortungsbewußter erwiesen hätten als das Institut und seine ehrenamtlichen Protagonisten.
Es fehlt an Kontrolle!
Das HIV hat die Medizin so durcheinandergewirbelt, wie kaum etwas sonst, allenfalls Tschernobyl hat eine ähnliche Beweuntseinsänderung bewirkt.
Jedoch, dem steht eine hilflose Reaktion der Regierung und der Institute gegenüber. Ethikrat, G-BA, RKI, PEI - alle haben ein bißchen etwas zu sagen und setzen auch hie und da Duftmarken - es gab seit dem Blutplasma-Skandal nicht einmal mehr eine(n) erkennbar starke(n) Gesundheitsminister(in), der (die) sich getraut hätte, Richtlinien für KOntrollen festzulegen.
Stattdessen gab es einen Haufen von Gesundheitsreformen, welche den Namen nicht verdienen und eine geradezu dilettantische Ausdehnung des Seuchenmeldegesetzes auf eine Fülle von Krankheiten, die Akten und Schreibtische der örtlichern Gesundheitsämter blockieren.
Der Unfähigkeit und Korruption von damals ist Arroganz und Aktionismus gewichen. Eigentlich klar, daß das öffentlich-rechtliche Fernsehen diesen Skandal nicht aufgreift und stattdessen lieber einen Krimi gedreht hat.
Danke für den Artikel, der um Lngen besser ist als die anderthalöb Stunden Pilcher-Tatort-Ersatz,
Ihr
Karlheinz Bayer
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