Ärzte Zeitung, 08.11.2013

Polonium-Hypothese erhärtet

Starb Jassir Arafat den Gifttod?

Und wieder fährt er aus der Grube: Jassir Arafat soll nun also doch vergiftet worden sein. Ein Gutachten, das Schweizer Wissenschaftler vorgelegt haben, erhärtet diesen Verdacht jedenfalls. Unklar ist bloß, wer den "Finger am Abzug" hatte.

Von Robert Bublak

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Der von Krankheit gezeichnete Palästinenserführer Jassir Arafat mit Ärzten vor dem Abflug aus Ramallah im Jahr 2004. Nach der Ankunft in Paris war er dort zwei Wochen später in einer Klinik gestorben.

© dpa

Der Tod ist nicht das Ende - wie immer man zu diesem Glaubenssatz steht, man wird zugeben müssen: Auf Jassir Arafat trifft er zu. Zwar starb der ehemalige Präsident der Palästinenser vor ziemlich genau neun Jahren, am 11. November 2004. Damit ist man aber bereits am Ende des Gesicherten angelangt. Denn so Recht zur Ruhe kam Arafat nie.

Woran er starb, darüber wird seit seinem Tod spekuliert. Schon früh wurde vermutet, er sei vergiftet worden.

Ein Gutachten, das Wissenschaftler des "Centre hospitalier universitaire vaudois" (CHUV) des Universitätsspitals in Lausanne, jetzt vorgelegt haben, steigert diese Vermutung fast zur Gewissheit. Aber eben nur fast.

Studieren kann man das 108 Seiten umfassende Dokument auf den Internetseiten des arabischen Senders al-Dschazira (www.aljazeera.com).

Die Arbeitsgruppe um den forensischen Pathologen und Toxikologen Patrice Mangin sieht die Hypothese, wonach Arafat an einer Vergiftung mit dem Alphastrahler Polonium-210 starb, moderat gestützt.

"Moderat" bedeutet hierbei Stufe 5 auf einer sechsstufigen Skala, die von "starke Hinweise auf Widerlegung der Hypothese" (Stufe 1) bis "starke Hinweise auf Stützung der Hypothese" (Stufe 6) reicht.

Insgesamt führen die Schweizer Forscher mehr Argumente für als gegen die Vergiftungsthese ins Feld. Beispielsweise heißt es, das Ausmaß der nachgewiesenen Radioaktivität könne nicht durch Rauchen erklärt werden.

Selbst starke Raucher wiesen höchstens eine doppelt so hohe Aktivität von Polonium-210 auf wie Nichtraucher. Die in Knochen und Weichteilgewebe von Arafat gemessenen Werte hätten aber bis zu 20-fach über den Referenzwerten gelegen.

Klinischer Verlauf spricht nicht für Verstrahlung

Allerdings kommt in dem Gutachten auch ein Gegenargument zur Sprache: Der klinische Verlauf spreche nicht für eine akute Strahlenkrankheit. So hat es keine Knochenmarkssuppression gegeben, auch fielen Arafat nicht die Haare aus.

"Doch Myelosuppression und Haarverlust sind im Wesentlichen mit externer Verstrahlung, aber nicht unbedingt mit der Aufnahme radioaktiver Substanzen in den Körper verbunden", schreiben Mangin und Kollegen.

Ins Rollen gebracht hatten die Angelegenheit Arafats Witwe und der Sender al-Dschazira. Sie hatten persönliche Gegenstände Arafats im "Institut de radiophysique" in Lausanne untersuchen lassen.

Die Wissenschaftler in Lausanne hatten etwa an Arafats Kleidern tatsächlich Polonium-210 gefunden. Zur Bestimmung der Todesursache hatte das aber nicht ausgereicht.

Schon damals wurde auf Aspekte aus einem rechtsmedizinischen Gutachten verwiesen, die nicht mit einem akuten Strahlensyndrom in Einklang stünden. Der Leichnam war dann im vergangenen November zur Entnahme von Gewebeproben exhumiert worden.

Für David Barclay, einen britischen Forensiker, ist die Sachlage nach der Veröffentlichung des Schweizer Gutachtens klar: "Jassir Arafat starb an einer Poloniumvergiftung", äußerte er gegenüber al-Dschazira.

Die Beweise seien schlagend. "Was wir nicht wissen ist, wer den Finger am Abzug hatte", so Barclay. Seiner Ansicht nach dürfte es schwierig werden, den Fall zu lösen. "Das Hauptproblem ist das Zeitfenster", meinte er.

Gesicherte Informationen wie Zeugenaussagen, Telefonaufzeichnungen, E-Mail-Verkehr und Kontobewegungen dürften nach neun Jahren nur noch schwer zu erhalten sein.

Auch Palästinenser unter den Verdächtigen

Zur Frage, wer Arafat umgebracht haben könnte, existiert eine Reihe möglicher Antworten. Zu den üblichen Verdächtigen zählen selbstverständlich die Israelis. Es gab aber auch interessantere Varianten.

So beschuldigten Funktionäre der palästinensischen Fatah-Partei Mohammed Dahlan, Arafat vergiftet zu haben. Dahlan, ehemals Sicherheitschef und starker Mann im Gazastreifen, war von der Fatah für den Verlust von Gaza an die Hamas verantwortlich gemacht worden.

Nach einer monatelangen Fehde mit Präsident Abbas hatte man ihn aus der Partei ausgeschlossen. Nun hieß es, Dahlan habe Arafat 2004 als Medizin getarntes Gift geschickt, als dieser in einer Pariser Klinik lag. Beweise dafür waren freilich nicht vorgelegt worden.

Derzeit beschäftigen sich zwei weitere Teams - eines in Frankreich, eines in Russland - mit der Aufarbeitung von Arafats sterblicher Hülle. Noch liegen keine offiziellen Ergebnisse vor.

Eines dürfte aber schon jetzt klar sein: Richtig still wird es um Jassir Arafats Grab in Ramallah auch in absehbarer Zeit nicht werden.

[08.11.2013, 17:27:55]
Dr. Heinz Becker 
Jassir Arafat
"Und wieder fährt er aus der Grube". Eine sehr pietätvolle Überschrift. War ja auch bloß ein Palästinenser. Wäre interessant zu wissen, ob Sie mit Angehörigen der Nation, die ihn ermordet hat auch so verfahren würden.  zum Beitrag »

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