Ärzte Zeitung online, 15.11.2013

Philippinen nach dem Taifun

Nur die Hoffnung ist geblieben

Eine Woche nach dem Horror-Taifun "Haiyan" ist die Lage auf den Philippinen noch immer verheerend. Viele der Probleme waren vorhersehbar - denn auch in Zeiten ohne Wirbelstürme stößt das Gesundheitssystem des Archipels an seine Grenzen.

Von Martina Merten

Nur die Hoffnung ist geblieben

Ansturm auf Kuchen, der von Soldaten verteilt wird.

© Sabangan / dpa

Jetzt erst recht - Mas Lalo - lautet eines der gängigen Sprichwörter auf den Philippinen.

Denn in dem Land der 7700 Inseln, dem einzig christianisierten Land Asiens, das von Naturkatastrophen seit Jahrzehnten gebeutelt ist, das Armut ebenso kennt wie Korruption und Vetternwirtschaft, in diesem Land reißt der Glaube der Filipinos an bessere Tage niemals ab.

Dieser Glaube hat ihnen 2009 geholfen, den heftigen Tropensturm Ondoy zu überstehen, vor nicht einmal einem Jahr beteten viele zu Gott, weil Tropensturm Pablo die südliche Insel Mindanao des Archipels verwüstete. Jetzt ist es Haiyan - oder - wie ihn die Einheimischen selbst nennen - Yolanda.

Ein Bild des Grauens

Viel mehr als ihr Glaube an Gott und die Hoffnung auf bessere Tage ist den Millionen Menschen in den am meisten betroffenen Gegenden auf der Inselgruppe der Visayas nicht geblieben.

Eine Woche nach dem Wirbelsturm zeigt sich noch immer ein Bild des Grauens: Abertausende von Menschen ohne Unterkünfte, Hilfe suchend, verletzt, auf der Suche nach Nahrung, Wasser und ärztlicher Versorgung.

Trotz der nationalen und internationalen Hilfe, die seit Tagen angelaufen ist, scheint es, als erlebten die Menschen auf den Philippinen anhaltend ihre Stunde null.

"Wir haben zwar den Taifun überlebt, aber wenn wir noch länger in Tacloban bleiben, überleben wir vielleicht nicht den Hunger", berichtet ein Mann gegenüber einem Fernsehsender auf den Philippinen.

Tacloban - die am meisten von Haiyan betroffene Hafenstadt im Nordosten der Insel Leyte - zählt zur Region VIII der Philippinen.

Diese Region zählt ohnehin schon zu den ärmsten Regionen des Archipels, sagt Dr. Maria Eufemia Yap, Direktorin des Lehrstuhls für Gesundheit an der renommierten Ateneo Graduate School of Business in Manila.

Beinahe 30 Prozent der Menschen haben weniger als 250 Euro im Jahr zum Leben, das sind gerade einmal 20 Euro im Monat, kein Euro pro Tag.

Nicht einmal ein Bett kommt auf 1000 Menschen

Das einzige Tertiär-Krankenhaus, das für die gesamte Region der östlichen Visayas - also für Leyte und die ebenso stark betroffene Insel Samar - zuständig ist, ist das Eastern Visayas Regional Medical Center.

"Schon in normalen Zeiten stößt dieses Krankenhaus an seine Grenzen", weiß Yap. Das 350-Bettenhaus zählt zu den rund 700 staatlichen Krankenhäusern des Landes, nur zehn Prozent werden vom philippinischen Staat direkt finanziert.

Der Rest obliegt den Regionalregierungen. Diese haben wenig Geld und wenn sie es haben, investieren sie es nicht in den Gesundheitsbereich.

Es mangele selbst in größeren Häusern wie diesem schon in Normalzeiten an medizinischer Ausstattung und an qualifiziertem Personal, berichtet Public-Health Expertin Yap im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung".

Die Gesamtregion der östlichen Visayas hat nicht ausreichend Betten, um Patienten zu versorgen. Nicht einmal ein Bett kommt auf 1000 Menschen.

Gesundheitszentren weggeweht

Die Weltgesundheitsorganisation gibt einen Schlüssel von 20 Betten pro 1000 Bewohner vor. Zudem verlassen viele qualifizierte Ärzte Gegenden wie diese, weil sie in Großstädten wie Manila oder aber im Ausland das Vielfache von dem verdienen können, was sie in Leyte oder Samar verdienen.

Mehr als 10.000 Ärzte haben den Archipel bereits verlassen. Jetzt - nach der Zerstörung durch Haiyan - ist das Eastern Visayas Regional Medical Center das einzige staatliche Krankenhaus, das operieren kann und immerhin einige der bedürftigen Patienten unterbringt.

Die vielen kleinen Gesundheitszentren - die so genannten Barangay Health Centers - sind alle zerstört. Yolanda alias Haiyan hat sie weggeweht.

Verheerend an der derzeitigen Situation ist nicht nur der Mangel an gut ausgestatteten Kliniken und ärztlichem Personal in der betroffenen Region. Verheerend ist der schlechte Gesundheitszustand der Kinder, die hier leben.

"Viele Kinder sind unterernährt oder falsch ernährt, die Gefahr für sie, in der jetzigen Situation krank zu werden, ist weitaus größer", sagt Expertin Yap.

Tote am Wegesrand

Infektionen, die sich derzeit aufgrund der hygienischen Umstände leichter ausbreiten können, treffen vor allem Menschen mit einem ohnehin schon schlechten Immunsystem.

Zusätzlich geht es nach Angaben von Dr. Anthony Calibo, Einsatzleiter für Kindergesundheit beim Gesundheitsministerium der Philippinen, um die Eindämmung der Gefahren, die von den vielen toten Körpern ausgehen. Einige von ihnen sind in Massengräbern beigesetzt worden. Viele liegen noch am Wegesrand.

Nach Angaben des Western Pacific Office der Weltgesundheitsorganisation in Manila bereiten zudem nicht nur die akuten Fälle Sorgen. Zusätzlich zu den verletzten und traumatisierten Patienten müssen auch Frauen bei der Geburt versorgt werden, oder etwa Patienten mit Diabetes oder Herzerkrankungen.

Allein 12.000 Kinder werden der WHO zufolge noch diesen Monat in der Region zur Welt kommen. Derzeit richtet die WHO Feldlazarette ein, um diesen Herausforderungen Herr zu werden.

Anders als in Tacloban ist das Ausmaß an Zerstörung und Verletzung in vielen abgelegenen Ecken der betroffenen Inseln noch nicht einmal erfasst worden.

Rina Jacalan, Mitarbeiterin des Hilfsprojekts "German Doctors" in Cebu, brauchte Stunden, um von Cebu City zur Gemeinde San Remigio etwa 130 Kilometer nördlich der Hauptstadt der Insel Cebu zu gelangen.

Die Philippinen sind ein verzweigtes Land, die Infrastruktur ist schlecht. Immer wieder kommt es aufgrund von Unwettern zu Erdrutschen. Straßen werden verschüttet. Kurze Wege dauern Tage. Auf ihrem Weg nach San Remigio begegnete Jacalan vielen verzweifelten Filipinos, die nach Hilfe riefen.

"Jede Ortschaft wird von Null anfangen müssen", sagt die German Doctors-Mitarbeiterin der "Ärzte Zeitung".

Studenten sammeln Geld

Derzeit macht sich nach Angaben von Dr. Reinhard Busse, einer von zwei deutschen Ärzten, die das Hilfsprojekt in Cebu City leiten, ein Team auf den Weg nach Daanbantayan in den Norden Cebus. "Wir haben Reis portioniert, Sardinendosen, Kaffee und Nudeln", erzählt Busse.

Alles, was ansonsten für sein Hilfsprojekt für Slumkinder in Cebu City gedacht ist, geht nun in den betroffenen Norden der Insel.

Auch einige private Krankenhäuser in Cebu City versuchen zu helfen. So entsendet das Cebu Doctors‘ University Hospital einige seiner Ärzte in den Norden.

Die Mitarbeiter des Privatkrankenhauses sammeln Geld und Essen. "Auch unsere Studenten haben Geld gesammelt und versuchen im Norden der Insel irgendwie zu helfen", berichtet Oscar Tuason, Leiter der Krankenhausverwaltung.

Er selbst wird in die Stadt Ormoc auf Leyte reisen, um im einzigen noch funktionierenden Krankenhaus der Stadt mitzuhelfen.

Wo ist der Bürgermeister?

So viele helfende Hände es auch geben mag - ein Problem bleibt auf den Philippinen: die Regierenden. In einem Land, in dem die Gegensätze zwischen Arm und Reich eklatant groß sind, haben viele Politiker ihr Amt durch Bestechung und Vetternwirtschaft erhalten. Viele von ihnen haben Angst, das, was sie haben, zu verlieren.

So scheint der Bürgermeister von Tacloban, Alfred Romualdez, vom Erdboden verschwunden zu sein, berichtet eine Journalistin vom "Philippine Inquirer". Auch sein Haus wurde vom Sturm zerstört.

Romualdez gehört einer auf den Philippinen mächtigen Familie an. Er ist ein Verwandter von Imelda Romualdez Marcos, der Frau des Ex-Diktators Ferdinand Marcos. Dabei sollte er es sein, der seinen Leuten in Zeiten wie diesen beisteht.

Doch das Geld des Bürgermeisters reicht, um sich ausfliegen zu lassen, an einen sicheren Ort, ohne Zerstörung.

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