Ärzte Zeitung online, 23.12.2013

Keine Angst vorm Nachbarn

Das Vertrauen der Deutschen wächst

Egoismus, Ellenbogen, Eigennutz - die Deutschen haben offenbar genug davon. Immer mehr geben an, ihren Mitmenschen zu vertrauen. Gleichzeitig wird die Familie wieder wichtiger. Woher kommt der neue Zusammenhalt? Psychologen sagen: Wir können gar nicht anders.

Von Jonas-Erik Schmidt

Deutsche vertrauen ihren Mitmenschen

Der Nachbar darf auch mal alleine ins Haus.

© iStockphoto / thinkstock.com

HAMBURG. Es hat sich etwas getan im Land der Dichter, Denker und oft auch Skeptiker: Die Deutschen begegnen einander zunehmend mit Vertrauen. Das besagt zumindest eine aktuelle Studie der Hamburger BAT-Stiftung für Zukunftsfragen. Gaben im Jahr 2000 lediglich 36 von 100 Befragten an, "dass man den Menschen vertrauen kann", waren es 2008 bereits 49 und 2013 sogar 65.

Der neue Zusammenhalt beginnt häufig an der Haustür. "Früher hat man gefragt: Kannst Du meine Blumen gießen? Und dann hat man die Blumen vorbeigebracht. Heute haben vier Nachbarn bei uns in der Straße den Schlüssel zu unserem Haus", sagt Stiftungsleiter Ulrich Reinhardt, der mit den repräsentativen Befragungen das Seelenleben der Bürger untersucht hat. Seine Beobachtung: Die Deutschen sind wieder näher zusammengerückt.

Eine Renaissance der Nachbarschaft

Die Renaissance der Nachbarschaft ist dabei nur die praktische Übersetzung des etwas abstrakten Begriffs Vertrauen. "Man hat festgestellt, dass sich die Konsum- und Egoismusjahrzehnte ihrem Ende nähern und man neue Prioritäten im Leben setzen muss. Seitdem hat eine Art Paradigmenwechsel stattgefunden", sagt Reinhardt.

Würde es so weitergehen, hätten im Jahr 2029 wieder 100 Prozent aller Deutschen Vertrauen in ihre Mitmenschen.

Dabei gab es in den zurückliegenden Jahren immer wieder Anlass für Angst und Misstrauen: Ob Terroranschläge, wie 2001 in New York, die globale Finanzkrise oder die Katastrophe im Atomkraftwerk von Fukushima. Doch der Mechanismus scheint umgekehrt zu sein: Je mehr Krise, desto mehr Vertrauen.

"Manchmal stellen wir fest, dass wir die Kontrolle verlieren, so etwa im Falle von Lebensmittelskandalen oder Bankenkrisen. Vertrauen kann dann der Wiederherstellung von Kontrolle dienen, wir können uns dann sicher in die Hand anderer legen", erklärt der Psychologe und Vertrauensforscher Martin K.W. Schweer von der Uni Vechta.

Die unsicheren Zeiten zwingen quasi dazu, sich wieder mehr auf Zwischenmenschliches zu verlassen.

Selbstschutz vor überbordender Skepsis

Reinhardt interpretiert den Zusammenhang ähnlich. Das Vertrauen komme weniger aus heißem Herzen, denn aus der Einsicht, dass es nicht anders geht.

Zudem schützt es davor, von überbordender Skepsis zerfressen zu werden. "Würden wir allen unseren Mitmenschen misstrauen, wäre das aufs Große und Ganze gesehen sicherlich schädlich für das eigene Wohlbefinden", sagt Psychologe Schweer.

Die Freude am Zusammenhalt poliert auch vermeintlich eingestaubte Werte und Institutionen wieder auf. Laut Studie glaubt der Deutsche, Verlässlichkeit noch am ehesten in der eigenen Familie zu finden.

Bestmarken für die Wertschätzung der Familie

Die Zustimmung zu der Aussage, Familie sei das Wichtigste im Leben, erreicht 2013 Bestmarken. "Auch da ändert sich etwas. Freunde hatten zuvor einen deutlich höheren und Familien einen deutlich niedrigeren Wert", sagt Forscher Reinhardt.

Im Schlepptau sind traditionelle zwischenmenschliche Werte wieder angesagt. Verlässlichkeit rangiert in der Werte-Tabelle der Deutschen aktuell ganz oben. Preußisches Pflichtbewusstsein hingegen im Mittelfeld. Und Ehrlichkeit sei auf einmal wieder das Top-Erziehungsziel geworden, beobachtet Reinhardt. (dpa)

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