Ärzte Zeitung App, 05.03.2014

Drogensammlung

Chinarinden und eine Schwimmblase

Getrocknete Eidechsen, die stinken und daher auf Lavendelblüten gebettet werden müssen sowie Schwimmblasen, die einst für Pflaster benötigt wurden: Diese Raritäten zeigt die Pharmakognostische Sammlung in Marburg. Dieses Jahr wird sie 160 Jahre.

Von Gesa Coordes

Chinarinden und eine Schwimmblase

Barbara Rumpf mit der getrockneten Schwimmblase eines Beluga-Störs, die man einst für Pflaster brauchte.

© Coordes

MARBURG. Ohne Barbara Rumpf wäre die einzige Pharmakognostische Sammlung Hessens wohl dem Abrissbagger zum Opfer gefallen.

Während ihrer Dissertation entdeckte die Apothekerin die wertvollen Präparate auf dem Dachboden der ehemaligen akademischen Waschanstalt, wo sie nach Material für ihre Promotion suchte.

2012 wurde das Gebäude abgerissen: "Dann hätte wohl niemand mehr von der Existenz der Sammlung gewusst", sagt Barbara Rumpf. Im Februar feiert die ungewöhnliche Kollektion ihr 160-jähriges Jubiläum.

Zur Kollektion gehören 2600 Exponate, darunter 180 Gläser Chinarinden sowie Früchte Samen, Harze, Balsame, exotisches Obst und seltene Tees. Barbara Rumpf haben die ungewöhnlichen Objekte seit ihrer Entdeckung vor mehr als 30 Jahren nicht mehr losgelassen.

Die mittlerweile 78-Jährige veröffentlichte ungezählte Aufsätze zur Pharmaziegeschichte, organisierte Ausstellungen und bietet Führungen durch die Sammlung an: "Mich begeistert, wie viel man aus den Wurzeln und Blüten machen kann", sagt die Pharmazeutin.

Eidechse sorgt für Erotik

Gegründet wurde das "Pharmacognostische Kabinett" bereits 1854 als Lehrsammlung für die angehenden Apotheker Kurhessens von Albert Wigand (1821-1886), dem ersten Marburger Professor der Botanik und Pharmakognosie und Direktor des Botanischen Gartens.

Damals mussten die Studierenden 120 verschiedene Teesorten unterscheiden können. Im Examen pulten sie fünf bis sechs zusammengemischte Teesorten auseinander, wogen und bestimmten sie.

Damals war es auch wichtig, dass ein Apotheker echte Chinarinde erkennen konnte, die gegen Malaria sowie als Fieber- und Herzmittel eingesetzt wurde und bis heute gegen Husten verwendet wird. Dazu diente Deutschlands größte Sammlung von Chinarinden. In 180 Gläsern finden sich die Rinden und ihre Verfälschungen.

Ein Teil der Drogen stammt noch aus dem Besitz von Albert Wigands Vater Friedrich, einem Apotheker aus Treysa. Daher stammen Kuriositäten wie die getrocknete Eidechse, die so stark stank, dass sie in Lavendelblüten eingebettet werden musste, aber als Aphrodisiakum galt.

Dem Pharmazeuten, der einst eine Apotheke auf dem Marktplatz von Treysa führte, ist auch die Kollektion an weißen und roten Korallen, die getrockneten Asseln und die Schädeldecke einer Mumie zu verdanken.

Lippenstift aus Läusen

Chinarinden und eine Schwimmblase

Diese zusammengeklappten Teeziegel aus China werden zum Gebrauch abgeraspelt und überbrüht.

© Coordes

Zu den Lieblingsobjekten von Barbara Rumpf zählt die große Schwimmblase des Beluga-Störs - einst wurde sie dazu benutzt, medizinische Pflaster herzustellen. Bis heute wird sie als Leim in der Restauration verwendet.

Sie mag auch die aus Mexiko stammenden Nopal-Läuse, deren befruchtete Weibchen eine rote Farbe in sich haben, die bis heute für Lippenstifte verwendet werden.

Als Baumscheibe gibt es das aus Mittelamerika kommende Pockholz, das früher gegen Syphilis und bis heute zum Nachweis von Darmkrebs benutzt wird.

In den oft eigens geblasenen Gläsern verbergen sich auch Harze und Kautschuk-Sorten, die für Pflaster, Lacke und Firnisse gebraucht wurden. Aus China stammen die zusammengepappten roten Teeziegel, die zum Gebrauch abgeraspelt und überbrüht wurden.

Bis heute bedauert Barbara Rumpf den Verlust der einst umfangreichen Opiumsammlung, darunter kiloschwere Opiumkuchen. Auf Anraten der Polizei mussten sie jedoch vernichtet werden.

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