Ärzte Zeitung, 10.03.2014

Jüdische Ärzte

"Das Trauma der Verbannung ist unauslöschbar"

Erst entrechtet, dann verfolgt, vertrieben oder ermordet: Mit einer Ausstellung wird an das Schicksal jüdischer Ärzte in der NS-Zeit erinnert. Im September 1938 verloren jüdische Ärzte mit dem Entzug ihrer Approbation ihre Existenzgrundlage.

Von Pete Smith

"Das Trauma der Verbannung ist unauslöschbar"

"Fegt alle hinweg, die die Zeichen der Zeit nicht verstehen wollen": Die Ausstellung ist bis 15. März in Langen zu sehen.

© Pete Smith

LANGEN. "Freudigst" begrüßten die ärztlichen Spitzenverbände als selbst ernannte "Diener der Volksgesundheit" kurz nach der Machtergreifung Hitlers den "entschlossenen Willen der Reichsregierung der nationalen Erhebung, eine wahre Volksgemeinschaft aller Stände, Berufe und Klassen aufzubauen". Ihre jüdischen Kollegen hatten in dieser Gemeinschaft keinen Platz.

Unter der Losung "Fegt alle hinweg, die die Zeichen der Zeit nicht verstehen wollen!" veröffentlichte der Nationalsozialistische Deutsche Ärztebund (NSDÄB) im "Völkischen Beobachter" vom 23. März 1933 einen Aufruf, in dem er den neuen Geist beschwor und Maßnahmen gegen die Juden in den eigenen Reihen ankündigte - sei doch kein Beruf "so verjudet" und "so hoffnungslos in volksfremdes Denken hineingezogen worden" wie der ärztliche.

Die Losung von einst ist der Titel einer Ausstellung, die derzeit im Paul-Ehrlich-Institut in Langen (Hessen) zu sehen ist. Sie dokumentiert das Schicksal von 20 jüdischen Ärzten und Zahnärzten, die, von den Nazis entrechtet, ins Ausland fliehen mussten oder in Ghettos und Konzentrationslagern starben.

Auf 25 Tafeln werden ihre Schicksale nachgezeichnet. Zu sehen sind Reproduktionen von Fotos und Briefen der Betroffenen ebenso wie nationalsozialistische Propaganda, Erlasse und andere Zeugnisse der Gleichschaltung.

Flucht nach Sierra Leone

Stationen der Ausstellung

Die Ausstellung „Fegt alle hinweg, die die Zeichen der Zeit nicht verstehen wollen“ ist noch bis zum 15. März im Paul-Ehrlich-Institut, Paul-Ehrlich-Straße 51-59, 63225 Langen zu sehen, und zwar montags und donnerstags von 17.30 bis 20 Uhr sowie samstags von 14 bis 18 Uhr.

Danach wird die Exposition während des Deutschen Chirurgenkongresses in Berlin (25. bis 28. März) gezeigt.

Weitere Informationen finden Sie unter: www.jahrestag-approbationsentzug.de

Ein frühes Opfer des "völkischen Erwachens" wird der 1901 in Augsburg geborene Arzt Dr. Rudolf Aub, der seit Ende seines Medizinstudiums an der Poliklinik der Universität Heidelberg tätig ist, diese Anstellung jedoch nach Erlass des Gesetzes zur Wiedereinführung des Berufsbeamtentums zum 1. Juni 1933 verliert.

Aub geht zurück nach Heidelberg, wo er eine Privatpraxis eröffnet, in der auch seine Frau Jula, eine evangelische Krankenschwester, arbeitet.

Als ihm, wie allen anderen jüdischen Ärzten, mit der "Vierten Verordnung zum Reichsbürgergesetz" vom 25. Juli 1938 die Approbation entzogen wird, erwägt er, mit seiner Frau und seinen drei Kindern auszuwandern, wird aber während des Novemberpogroms ins Konzentrationslager Dachau verschleppt, aus dem er erst zwei Monate später freikommt.

Im Februar 1939 flieht Aub nach Sierra Leone, wo er in der Firma seines Schwagers arbeitet. Seine Hoffnung, die Familie bald nachkommen zu lassen, zerschlägt sich, als er nach Kriegsbeginn als "feindlicher Ausländer" interniert und 1940 nach Jamaika verlegt wird, wo es ihm erst drei Jahre später gelingt, mit einer Sondergenehmigung am Public Hospital der Hauptstadt Kingston zu arbeiten.

Nach Kriegsende bemüht er sich um eine dauerhafte Arbeits- und Aufenthaltsgenehmigung und kann im November 1947 endlich seine Familie in die Arme schließen. 33 Jahre bleibt er in Jamaika, wo er 1971 für seine Verdienste als Botschaftsarzt und seinen Beitrag für die deutsch-jamaikanische Freundschaft das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse erhält.

1980 kehrt Rudolf Aub in seine alte Heimat zurück, wo er neun Jahre später in Lindau am Bodensee stirbt. "Das Trauma der Verbannung ist nicht auslöschbar", notiert er kurz vor seinem Tod.

Erinnerung an zwei PEI-Mitarbeiter

An zwei jüdische Mitarbeiter des Paul-Ehrlich-Instituts, die ebenfalls zu Opfern der nationalsozialistischen Rasse-Ideologie wurden, erinnerte Institutsmitarbeiter Dr. Klaus Cußler bei der Eröffnung der Ausstellung in Langen.

In der 1896 in Berlin gegründeten und seit 1899 in Frankfurt am Main beheimateten Einrichtung (damals Staatliches Institut für Experimentelle Therapie) wurden infolge des Reichsbürgergesetzes 1935 die jüdischen Mitarbeiter entlassen.

Unter ihnen waren die Ärzte Dr. Erwin Stilling und Professor Wilhelm Caspari, die 1941 ins Ghetto Lodz (Litzmannstadt) verschleppt wurden, wo beide starben. An das Schicksal des berühmten Krebsforschers Caspari erinnert heute eine Gedenktafel an der Friedhofsmauer von Lodz.

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