Ärzte Zeitung, 17.03.2014

Eine Organempfängerin berichtet

"Ein Mensch hat mir sein Herz geschenkt"

Ellen darf weiterleben. Im Juni 2012 bekam die Mutter von zwei Kindern ein Spenderherz implantiert. In Heidelberg erzählte sie jetzt von der schwersten Zeit ihres Lebens. Sie ist glücklich, eine zweite Chance bekommen zu haben.

Von Marion Lisson

"Ein Mensch hat mir sein Herz geschenkt"

Ellen erzählt über ihr Leben nach der Transplantation.

© Rotary Club Heidelberg-Alte Brücke

HEIDELBERG. Die Zeit des bangen Wartens ist vorbei. "Ein Mensch hat mir sein Herz geschenkt. Ich bin so dankbar!" Als Ellen spricht, ist es im großen Hörsaal der Heidelberger Kopfklinik still.

Die 44-Jährige hat sich von ihrem Stuhl erhoben. Sie steht ganz ruhig vorne und erzählt von der Zeit vor der Transplantation: von ihrem ersten Herzstillstand, von einer für sie lebensgefährlichen Staphylokokken-Infektion und vom zwischenzeitlichen Einbau eines künstlichen Herzens mit Namen "Berlin Heart".

Sie spricht auch von Ärzten, Pflegern und Mitpatienten, die sie während ihrer vielen Monate in der Heidelberger Herzchirurgie begleitet haben.

Der Rotary Club - Alte Brücke Heidelberg hat gemeinsam mit der Uniklinik eingeladen. Es geht um das Thema: "Organspende - ja oder nein?" Die Mediziner wollen an diesem Abend das Vertrauen der Bevölkerung in die Transplantationsmedizin wieder stärken. Ellen ist ihr Gast.

Gekämpft wie eine Tigerin

"Ich hatte zwei gute Gründe nicht aufzugeben, sondern weiterzumachen", sagt Ellen lächelnd und meint damit ihre beiden Kinder, die lange Zeit Angst haben mussten, ihre Mutter zu verlieren. Wie eine Tigerin habe sie gekämpft, um durchzuhalten, bis es ein Spenderherz für sie gebe.

Bundesweit standen 2013 rund 900 Menschen auf der Warteliste für ein Spenderherz, 320 Patienten konnte ein neues Herz implantiert werden - in Heidelberg geschah dies bei 23 Patienten.

Ellen versteht Menschen, die Angst haben sich mit dem Thema der Organspende und damit der eigenen Sterblichkeit auseinanderzusetzen.

Im Krankenhaus hat sie aber auch einige Kinder, Frauen und Männer kennengelernt, die dank eines Spenderherzens weiter leben dürfen - so wie sie. "Ich finde es wichtig, dass die Menschen seriös informiert werden und nicht aufgrund von Schlagzeilen ihre Entscheidung treffen", sagt sie.

Doch bevor Ellen an der Reihe ist, muss sie warten. Sie steht bereits ein paar Monate auf der normalen Empfängerliste in Leiden und soll im August 2011 auf die Hochdringlichkeitsliste, als es ihr immer schlechter geht.

Die Ärzte beschließen, ein künstliches Herz mit Namen "Berlin Heart" zu implantieren. "Ich erinnere mich noch an Weihnachten. Ich durfte nach Hause mit meinem KlickKlack. So nannten wir das Kunstherz. Es hörte sich immer so an: klick, klack, klick, klack".

Während die Herzpatientin zu den Gästen des Rotary Clubs spricht, sieht man im Hintergrund an der Wand ein Foto von ihr mit dem "Berlin Heart".

Der Apparat ist klobig, die hydraulische Pumpe liegt in einem Rollwagen, den die Patientin schieben kann und mit dem sie über daumendicke Schläuche verbunden ist.

Kunstherz neben dem Bett

Zu Hause steht das Kunstherz nachts neben dem Bett. Ihre zwei kleinen Jungen kommen trotzdem zu ihr, wollen sich beim Einschlafen an ihre Mama kuscheln. An das Geräusch des Kunstherzens gewöhnen sie sich recht schnell. Das Kunstherz ist eine Notlösung.

Aufgrund einer Sepsis hätte Ellen ohne dieses Gerät nicht überlebt, aber weil sie das "Berlin Heart" hat, wird sie gleichzeitig von der Hochdringlichkeitsliste für ein neues Herz genommen. Es ist der 9. September 2011. Den Dezember kann Ellen bei ihren Kindern verbringen.

Mitte Januar 2012 muss sie jedoch wieder in die Uniklinik Heidelberg gebracht werden. Sie hat eine schwere Infektion an einer der Kanülen, die durch die Bauchdecke zum Herzen führen. Ihr geht es so schlecht, dass sie wieder auf der Liste für ein Spenderherz als hochdringlich eingestuft wird.

Ellen hat Blutgruppe A+, hier liegt die durchschnittliche Wartezeit auf der Hochdringlichkeitsliste bei vier Monaten. Das ist ein Durchschnittswert. Bei Ellen dauert es länger.

Insgesamt über ein dreiviertel Jahr - abgesehen von der kurzen Zeit zu Hause - lebt sie in der Uniklinik. Mann und Kinder müssen sich alleine zurechtfinden.

Um nicht einen Krankenhauskoller zu bekommen, hilft sie den Krankenschwestern, legt Handtücher zusammen, räumt Regale ein und schließt Freundschaften mit Leidensgenossen.

Ein dreizehnjähriger Junge - ebenfalls mit einem "Berlin Heart" - ist dabei, dem sie immer wieder Mut zuspricht. Doch der junge Patient entwickelt Infektionen, hat Blutungen an seinem Kunstherz. Ellen trauert um ihn, als er stirbt.

Theorien über Spendermangel

In der Zeit des Wartens hört sie viele Theorien, warum es so wenig Spenderherzen gibt. Es sei das schlechte Wetter, sagt man ihr das eine Mal. Das Motorrad fahren sei sicherer als früher, erzählt ein anderer.

Ellen geht es zusehends schlechter. Dann im Juni 2012 geschieht das, was sie nicht mehr zu glauben wagt. Bei Eurotransplant wird ein Spenderherz gemeldet, das für sie passend ist. Die Rettung?

Die Kinder haben Bedenken: "Mama, wenn du ein neues Herz bekommst, dann verlieren wir doch den Platz, den wir in deinem alten Herzen haben", fürchten sie. Ellen beruhigt.

Sie werde wie bei einem Umzug, alle Erinnerungen und Gefühle in Kartons packen und mit dem Umzugswagen zum neuen Herzen bringen lassen und diese dort wieder auspacken, erklärt sie den beiden."Natürlich hatte ich auch Bammel vor dem Eingriff, doch meine Hoffnung wieder mit meiner Familie leben zu können, war stärker", erinnert sich Ellen.

Dr. Ursula Tochtermann ist die Herzchirurgin, die der schwerkranken Herzpatientin das Kunstherz entfernt und das neue Spenderherz implantiert.

"Der Moment, wenn ich die Klemme löse und das Blut der Patientin durch das Herz pulsiert, wenn das Herz dann im neuen Körper pumpt und routiniert arbeitet - dieser Augenblick ist immer wieder ergreifend und faszinierend", berichtet die Medizinerin im Auditorium in Heidelberg.

Sie begleitet ihre Patientin an diesem Abend, bleibt aber stets im Hintergrund. Ohne Frage: Der Applaus an diesem Abend gilt Ellen, die so viel mitgemacht hat.

Er gilt aber auch dem unbekannten Spender, der zu Lebzeiten einer Organspende zugestimmt und damit ein Weiterleben von Ellen möglich gemacht hat.

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