Ärzte Zeitung, 24.03.2014

Roboter

"Fürsorgliche Wohnung" für Ältere

Noch steht "M1" etwas verloren in der Laborwohnung herum. Später einmal soll er unverzichtbar für Hilfsbedürftige sein.

Von Matthias Benirschke

BIELEFELD. Noch zwei Jahrzehnte könnte es dauern. Dann könnte der Roboter ein nützlicher, robuster und selbstverständlicher Helfer im Alltag sein, schätzt Professor Helge Ritter. "Das wird auch davon abhängen, wie viel Geld große Unternehmen in die Entwicklung stecken", sagt der Neuroinformatiker von der Universität Bielefeld.

Neben ihm steht ein etwas unförmiger Roboter auf Rädern und hält einen Apfel. Das ist noch nicht sehr beeindruckend. Doch wenn die Forscher mit ihm fertig sind, soll er ein unverzichtbarer Helfer sein.

Bis 2017 stehen den Forschern des Exzellenzclusters Kognitive Interaktionstechnologie (CITEC) dafür 1,8 Millionen Euro zur Verfügung. Der von einer US-Firma hergestellte Roboter "Meka Mobile Manipulator M1" kostet 290.000 Euro und ist das Herzstück des Projekts.

Er trat vergangene Woche seinen Dienst in der Laborwohnung des CITEC an.In den kommenden Monaten werden Techniker das Labor-Appartement mit Sensoren, Kameras und Mikrofonen ausstatten, sagt Ritter.

Der Roboter ist mit dem Steuerungssystem der Wohnung vernetzt. Sensoren sollen auch im Fußboden der Wohnung angebracht werden, um etwa einen am Boden liegenden Menschen zu erkennen und Hilfe zu rufen. "Unsere Forschung zielt auch darauf, älteren Menschen möglichst lange ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen."

Hier eröffnet sich vor dem Hintergrund des demografischen Wandels ein weites Einsatzfeld: immer mehr pflegebedürftige Menschen und zugleich ein sich rasch verschärfender Mangel an Pflegekräften.

Diverse Forschungseinrichtungen und Unternehmen arbeiten an ähnlichen Assistenzrobotern. Die Bielefelder Forscher haben sich aber das ehrgeizige Ziel gesetzt, einen lernenden und flexibel reagierenden Roboter zu entwickeln. "Einzigartig an unserem intelligenten Appartement ist, dass es anhand von echten und spontanen Alltagssituationen trainiert wird", sagt Projektleiterin Professor Britta Wrede.

In der 60 Quadratmeter großen Laborwohnung wird zwar niemand wohnen. Hier sollen sich aber Studenten und Forscherteams zu Besprechungen treffen und Besucher empfangen werden. Die Wohnung und der Butler sollen dann selbst erkennen, was zu tun ist: Getränke reichen, so viele Stühle bereitstellen, wie Besucher da sind, die Heizung etwas runterregeln, lauter sprechen.

Der Roboter lernt Deutsch, mit Hilfe von Logopäden. Er soll Emotionen ausdrücken und verstehen können. Psychologen sollen ihm das beibringen. So könnte er, wenn er einen Befehl nicht versteht, einen fragenden Gesichtsausdruck aufsetzen. "Der Gesichtsausdruck ist sehr wichtig", sagt Wrede.

Selbst wenn der Roboter nur die Mimik des Menschen spiegele, habe das große Auswirkungen. "Der Mensch findet den Roboter dann gleich viel netter und intelligenter."Ein Problem des grenzenlosen Austauschs von Informationen ist der Datenschutz. Totale Erfassung des Alltags ist eben auch totale Überwachung.

"Wie bei vielen Technologien gibt es auch hier die ‚Dual-use-Problematik‘", räumt Ritter ein. "Der Datenaustausch muss viel transparenter werden. Und vielleicht müssen wir auf manche technisch machbare Bequemlichkeit verzichten, um unsere Daten zu schützen."

Ritter hofft auf die Generation, die mit der digitalen Welt aufwachse. "Wir müssen alle lernen, damit umzugehen." Für ihn ist es auf jeden Fall eine Technologie mit ungeheurem Potenzial. "Und irgendwann werden wir uns im Alltag entscheiden müssen: "Zweitwagen oder Roboter-Butler." (dpa)

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