Ärzte Zeitung, 09.05.2014

Ausstellung

Eine Reise in die Geschichte ärztlicher Praxis

Wie Arzt und Patient sich in früheren Jahrhunderten begegneten, darüber berichtet die Ausstellung "Praxiswelten" im Berliner Medizinhistorischen Museum.

Von Angela Misslbeck

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Eine Totenkrone fürs Kind, weil der Arzt nicht mehr helfen konnte: Exponat einer Schau, die Begegnungen zwischen Arzt und Patient zeigt.

© Museum Kirche in Franken

BERLIN. 50 Kilometer legte der Kaufmann Moses Jacob im Jahr 1763 zurück, um den beliebten Arzt Johann Friedrich Glaser in Suhl aufzusuchen. Er klagte über Kopfschmerz, Herzdrücken und Herzensangst.

Der Arzt, der als Sohn eines Scharfrichters der Volkmedizin und magischen Heilkunde nahestand, verordnete Kräuterauszüge. Aufgezeichnet hat er das in seinem Medicinischen Register, das bis heute erhalten geblieben ist.

Conrad H. Fuchs hat ab 1834 in seiner Tätigkeit in einer Krankenbesuchsanstalt 711 Krankengeschichten gesammelt. Daraus entstand später das Lehrbuch der speciellen Nosologie.

Franz von Oldenthal, Landarzt im Südtiroler Ahrntal hat all seine Patienten gezählt. Der 66-jährige Josef Brugger war der 921. im Jahr 1896. Er klagt über brennende Schmerzen im Bauch, wie schon viermal vorher im Laufe der zehn Jahre, seit Oldenthal Brugers erste Behandlung dokumentiert hat.

Gegen Übersäuerung rät der Südtiroler Bergdoktor zu pulverisiertem Rhabarber und Natriumcarbonat. Ob der Kranke das auch einnimmt, ist unbekannt. Am darauffolgenden Tag holt er jedenfalls per Brief nochmals ärztlichen Rat ein - alles ist fein säuberlich von Landarzt Odenthal schriftlich festgehalten.

Das Herzstück der ärztlichen Praxis ist eine Textsammlung: die Patientenkartei. Solche Praxisaufzeichnungen gibt es schon lange. Für die historische Forschung sind sie eine wertvolle Quelle, um die ärztliche Praxis früherer Zeiten zu rekonstruieren.

Daher bilden acht Praxisjournale aus drei Jahrhunderten den Ausgangspunkt für die Ausstellung "Praxiswelten", die derzeit im Berliner Medizinhistorisches Museum (BMM) der Charité zu sehen ist. Mit zum Teil seltenen historischen Objekten wie einem Zahnamulett, einem Harnschauglas und einer Totenkrone illustriert die Schau "Praxiswelten" die Vielfalt ärztlicher Praxis zwischen dem 17. und dem 19. Jahrhundert.

"Wir können keine durchgehende Geschichte der ärztlichen Praxis erzählen. Denn diese Entwicklungsgeschichte gibt es nicht", sagen Professor Thomas Schnalke, Leiter des Berliner Medizinhistorischen Museums (BMM), und die Mitinitiatorin der Ausstellung, Marion Maria Ruisinger vom Deutschen Medizinhistorischen Museum Ingolstadt, im Vorwort zum Begleitband der Ausstellung.

Nicht jedes Rätsel gibt die Geschichte preis

Die Formen und Organisationsstrukturen der ärztlichen Praxistätigkeit seien zu vielfältig und zu sehr von regionalen Eigenheiten und persönlichen Vorlieben geprägt gewesen. Stattdessen öffnet die Ausstellung acht Zeitfenster verteilt auf drei Jahrhunderte im Raum zwischen Südtirol und Münster, Thurgau und Thüringen.

Dabei versteht sie die ärztliche Praxis nicht als konkreter Ort. Als Praxis beschreibt die Ausstellung den Moment der Begegnung zwischen Arzt und Patient, festgehalten im sogenannten "Praxisaufschrieb", der heutigen Patientenakte.

Solche historischen Patientenakten werten Forscher verschiedener Universitäten im Rahmen des Projektes "Ärztliche Praxis 17. bis 19. Jahrhundert" aus. Das DFG-geförderte Projekt läuft noch. Die Ausstellung präsentiert erste Ergebnisse. Zugleich gewährt sie einen Einblick in die teils mühsame Arbeit der Forscher.

Handschriftliche Aufzeichnungen von Ärzten zu entziffern fällt oft schon dem Apotheker nebenan nicht leicht. Vor einer umso größeren Herausforderung stehen die Wissenschaftler, die versuchen mehrere Jahrhunderte alte Aufzeichnungen zu erschließen, ohne dass ihnen die Zusammenhänge bekannt sind, unter denen sie entstanden. Was bedeuten Buchstabenkürzel und astrologische Zeichen? Nicht jedes Rätsel gibt die Geschichte preis.

Zu jedem der acht Praxisbeispiele wird eine Replik der Quelle inklusive einer Abschrift in moderner Schrift gezeigt. Zusätzlich informieren Schautafeln über Hintergründe wie das Körperbild, das Honorar der Ärzte oder das Patient-Arzt-Verhältnis.

Eines macht die Schau mehr als deutlich: Der Arztberuf ist ein freier Beruf. Nur diese Berufsfreiheit ermöglicht eine derartige Vielfalt an Praxisformen. Und sicher ist auch Einblick auf verschiedene Praxen in der Gegenwart - in Stadt und Land, bei Haus- und Fachärzten, in Einzelpraxen und Kooperationen würde nicht weniger Vielfalt zeigen.

Ähnlich vielfältig ist die Liste der Förderer. BarmerGEK, Kassenärztliche Bundesvereinigung und NAV Virchowbund sind dort ebenso vertreten wie etwa die Apobank, B Braun und das Pharmaunternehmen Sanofi.

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