Ärzte Zeitung, 13.05.2014

Selbstverletzungen

Warum junge Menschen schneiden, ritzen und stechen

Sie ritzen sich mit Messern und Rasierklingen, schlagen den Kopf gegen harte Gegenstände, drücken Zigaretten auf der Haut aus: Selbstverletzungen - ein Thema, das an Bedeutung gewinnt.

Von Dirk Schnack

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Den eigenen Körper misshandeln - nicht selten wird das von Menschen in ihrer Umgebung kaum wahrgenommen.

© Welczenbach Tamás / iStock / Thinkstock

KIEL. Lady Di, Angelina Jolie, Johnny Depp: Die Liste der Prominenten, die sich angeblich selbst verletzt und dies publik gemacht haben, ist lang. Experten verfolgen solche Outings jedoch mit gemischten Gefühlen, da die Gefahr besteht, dass selbstverletzendes Verhalten so hoffähig gemacht wird.

"Das hilft dabei, das Thema zu enttabuisieren und Betroffenen fällt es leichter, darüber zu sprechen. Aber wir laufen damit auch Gefahr, dass sich Jugendliche die Prominenten zum Vorbild nehmen", sagt Christa Limmer.

Die Leiterin der Aktion Kinder- und Jugendschutz Schleswig-Holstein kennt die genaue Zahl der Jugendlichen, die sich mit Rasierklingen ritzen, den Kopf gegen harte Gegenstände schlagen oder Zigaretten auf der Haut ausdrücken, nicht.

Wegen einer hohen Dunkelziffer sind auch Expertinnen wie Limmer auf Schätzungen angewiesen: Bundesweit wird von 1,2 Millionen Betroffenen ausgegangen.

Jungs sind weniger gefährdet

Oft sind es Mädchen zwischen zwölf und 18 Jahren, die ihren Körper misshandeln, ohne dass ihre Umgebung dies versteht, es oft nicht einmal ahnt.

Das Geschlechterverhältnis bei den selbstverletzenden Jugendlichen beträgt fünf zu eins - Mädchen sind deutlich gefährdeter, allerdings mit einer steigenden Tendenz bei den Jungen. Viele, aber längst nicht alle von ihnen sind Opfer sexueller Gewalt.

Die Auslöser für selbstverletzendes Verhalten sind nicht immer ersichtlich und müssen von der Umgebung gar nicht als außergewöhnlich eingeschätzt werden. Dies reicht von Liebeskummer über ein Gefühl der Leere, Leistungsversagen, Vernachlässigung bis zu kleinsten Abweichungen beim Erreichen von Zielen.

Feststeht: Die meisten Jugendlichen wünschen sich mehr Beachtung, Zeit, Anteilnahme und Anerkennung ihrer Eltern oder durch andere ihnen wichtige Bezugspersonen. Viele Erwachsene reagieren hilflos, wenn sie selbstverletzendes Verhalten beobachten.

Die Aktion Kinder- und Jugendschutz hat deshalb gemeinsam mit der Landesvereinigung für Gesundheitsförderung Schleswig-Holstein auf einer Fachtagung in Kiel Pädagogen, Sozialarbeiter, Psychologen und andere Interessierte zusammengebracht und über das Thema unter dem Motto "Bitte hört, was ich nicht sage!" informiert - allerdings wurden Ärzte dabei schlicht vergessen, wie die Initiatoren auf Nachfrage der "Ärzte Zeitung" einräumten.

Auch ohne Mediziner war das Interesse allerdings so groß, dass die Veranstaltung kurzfristig wiederholt werden musste, rund 500 Fachkräfte kamen insgesamt zu den beiden Veranstaltungen.

Sie erfuhren zum Beispiel, dass die Betroffenen häufig unter unnormal hohen Stimmungsschwankungen und einem katastrophalen Selbstbild leiden, ihnen oftmals ein stabiles soziales Netz fehlt und sie meistens glauben, minderwertig zu sein.

Nicht zu unterschätzen ist laut Limmer die Gefahr einer Ansteckung und falsch verstandener Solidarität, wenn Freunde sich selbst verletzen.

Oft droht der Suizid

Um betroffenen Freunden zu helfen, rät Sozialpädagogin Dorothee Michalscheck von der Landesvereinigung für Gesundheitsförderung in Schleswig-Holstein, sich an Lehrer, Beratungsstellen oder Eltern zu wenden: "Das ist kein Verpetzen, sondern Hilfe."

Manchmal bewahrt diese Hilfe sogar vor schlimmeren Folgen als Verletzungen. Denn zum Teil münden nicht verarbeitete Krisen im Suizid - bei Jugendlichen über 15 Jahren immerhin die zweithäufigste Todesursache. Wie hoch die Zahl der Suizidversuche in Deutschland ist, weiß niemand.

Die Aktion Kinder- und Jugendschutz schätzt zehn Versuche auf einen Suizid. Selbstverletzungen sind nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention ein Alarmzeichen für Suizidgefährdung.

Daneben nennt die Gesellschaft auch sozialen Rückzug, Gleichgültigkeit, traurige Stimmung, Verzweiflung, Nutzung von Suizidforen, Alkohol- und Drogenmissbrauch und Verwahrlosungstendenzen.

Im Norden sollen Ärzte stärker in den Austausch einbezogen werden. Wer in seiner Praxis eine Broschüre zum Thema vorhalten möchte, kann diese bei der Aktion Kinder- und Jugendschutz bestellen.

Kontakt zur Aktion Kinder- und Jugendschutz: info@akjs-sh.de

[15.05.2014, 16:14:00]
Heinz Brettschneider 
Hypersensibilität als Ursache für Selbstverletzung bei Jugendlichen
Meine Erklärung für die Selbstverletzung bei Jugendlichen ist diese:
Es handelt sich um extrem sensible Persönlichkeiten, für die sich jeder normale Umgang mit anderen Menschen wie eine Verletzung anfühlt. In dieser Lage ist es wesentlich besser zu ertragen, wenn man sich selbst verletzt. Man kommt der Verletzung durch andere Menschen dadurch gewissermaßen zuvor.
Diese Verhaltensweise kennt fast jeder in einer harmloseren Variante: Man geht durch den finstren Wald, und vor lauter Angst fängt man an, laut zu Pfeifen oder gar zu Reden!

Heinz Brettschneider, Internist, Anthroposophischer Hausarzt, Landsberg am Lech

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[14.05.2014, 13:08:05]
Almut Rosebrock 
Gesellschafts-Problem - Die Rolle des Einzelnen
Wer bin ich?
Was soll ich hier?
Was ist der SINN des Lebens - und all des Tuns, Arbeitens, Genervt-Seins hier?

Will ich so werden, wie meine Eltern (leben)?

Ich will mich selbst SPÜREN - und ich SPÜRE mich nicht!
So ritze ich - denn wenigstens im SCHMERZ spüre ich mich.

So ungefähr mögen die Gedanken und Gefühle betroffener Jugendlicher sein.
Die(se) Welt ist zu wenig "handfest"! Es wird viel zu viel Wert auf Äußerlichkeiten und Konformität gelegt. Wer "anders" ist, sich "anders" fühlt - vielleicht auch nur, weil sie noch keinen "Freund" hat(te) - hat es schwer - vor allem, wenn es kein liebendes Umfeld, keine unterstützende Familie gibt!

Was gibt die GESELLSCHAFT, was geben die MEDIEN für ANTWORTEN???

Kannste vergessen. Es geht nur um KONSUM und FUNKTIONIEREN im SYSTEM.

Die Krankheiten, die logischerweise daraus folgen, müssen dann wieder mit Medikamenten versucht werden zu unterdrücken. Anstatt das Grundübel an der Wurzel zu packen versuchen. (Ich bin Apothekerin im "Familiendienst".)

Es ist ein weites Feld.
Alles GUTE allen Suchenden!

www.glmk.de zum Beitrag »
[13.05.2014, 17:45:17]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Selbstverletzungen in Grimms Märchen
Selbstverletzungen, nicht nur im Rahmen eines Borderline-Syndroms, sind oft Ausdruck schwerer Persönlichkeits-, Identitäts- und Reifungskrisen bzw. bedrückend-ambivalent empfundener Entscheidungs- und Zielkonflikte.

In der Sammlung Kinder- und Hausmärchen (KHM) von Jacob und Wilhelm Grimm in der Urfassung von 1812 mit dem Titel "Aschenputtel" wird eine klassische Selbst-Verletzung und -Verstümmelung beschrieben:

Der Königssohn forscht auch im Haus des Vaters nach. Die beiden Stiefschwestern versuchen vergebens, den zierlichen Schuh über ihre Füße zu ziehen. Auf den Rat der Mutter hin schneidet sich die erste den großen Zeh ab und die zweite die Ferse. Beim Vorbeiritt am Grab wird der Betrug jedoch beide Male durch zwei Tauben vom Haselbäumchen [welches Aschenputtel gepflanzt hatte] aufgedeckt: „Rucke di guck, rucke di guck, Blut ist im Schuck (Schuh)! Der Schuck ist zu klein, die rechte Braut sitzt noch daheim.“
Aschenputtel, der als Einzige der Schuh passt, wird schließlich als wahre Braut erkannt. (nach WIKIPEDIA)

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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