Ärzte Zeitung, 27.05.2014

Profimusiker

Vorsicht, Tinnitus!

Profimusiker leiden im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung viermal öfter an Hörschäden. Ein Experte fordert deswegen einen "richtigen Kulturwandel"

Von Eckhard Stengel

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Auch streichen kann laut werden.

© Fuse / iStock

BREMEN. "Musik wird oft nicht schön gefunden, weil sie stets mit Geräusch verbunden", wusste schon Wilhelm Busch. Aber lärmende Musik beeinträchtigt nicht nur empfindliche Nachbarn, sondern auch die Verursacher selbst.

Profimusiker leiden fast viermal häufiger an Hörschäden als die Allgemeinbevölkerung; außerdem tragen sie ein um 57 Prozent erhöhtes Risiko, an einem Tinnitus zu erkranken. Zu diesem Schluss kommt eine Studie, die jetzt veröffentlicht wurde (Occup Environ Med 2014; online 30. April), wie die Universität Bremen jüngst mitteilte.

Für die Untersuchung analysierten Wissenschaftler des Bremer Leibniz-Instituts für Präventionsforschung und Epidemiologie (BIPS) sowie der Universitäten Oldenburg und Bremen die Krankenversicherungsdaten von sieben Millionen Deutschen.

Dabei stießen sie auf die hohe Zahl der betroffenen Musiker. Ihre Hörschäden könnten sogar zu Berufsunfähigkeit und starkem Verlust von Lebensqualität führen, warnen die Forscher.

Zur Vorbeugung empfehlen sie gehörschützende Maßnahmen wie die sogenannten In-Ear-Geräte. Mit dieser Art Innenohr-Kopfhörer können sie die Musik leiser hören, aber nicht so dumpf wie mit Ohrstöpseln. Außerdem könnten laute Orchesterinstrumente wie Trompeten oder Trommeln durch Plexiglas-Schallwände von den anderen abgetrennt werden.

Ob eher Klassik- oder mehr Popmusiker betroffen sind, konnten die Wissenschaftler den Krankendaten nicht entnehmen, wie der beteiligte Oldenburger Musikprofessor Günter Kreutz auf Nachfrage der "Ärzte Zeitung" sagte.

Er hält Schallschutzmaßnahmen nur für eine Notlösung: "Besser wäre natürlich, leiser zu dirigieren" - oder große Orchester zu verkleinern, zum Beispiel auf einen Umfang wie zu Beethovens Zeiten.

Für die Popmusik empfiehlt Kreutz, Verstärker nicht ständig so laut aufzudrehen. "Wir müssen das ästhetische Ideal dauerhaft lauter Musik hinterfragen", findet er. Schließlich würden auch Kinofilme nicht mit übertriebener Helligkeit gezeigt.

"Niemand geht mit Sonnenbrille ins Kino, weil es dort zu grell ist", sagte der Experte. Aber mit Ohrstöpseln ins Rockkonzert oder in die Disco zu gehen, das gelte bisher als völlig normal. Da sei auch bei Berufsmusikern ein richtiger Kulturwandel nötig, meint der Oldenburger Musikwissenschaftler.

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