Ärzte Zeitung, 17.11.2014

Alkoholsucht

Am Ende entscheidet der eigene Wille

Homosexuell und alkoholkrank. Es ist ein doppeltes Stigma, das einsam macht. Drei Männer erzählen von ihrem Doppelleben.

Von Pete Smith

Am Ende entscheidet der eigene Wille

Alkoholabhängigkeit und Homosexualittät ist für Betroffene eine doppelte Belastung.

© 26kot / fotolia.com

FRANKFURT. "Mein Name ist Martin, ich bin 47 Jahre alt, schwul, Alkoholiker und seit 18 Jahren trocken." Wenn Martin Ott die Mitglieder seiner Gruppe begrüßt, knüpft er an das Willkommen ein Bekenntnis. Zwar ist er schon mehr als die Hälfte seines erwachsenen Lebens trocken, doch die Sucht bleibt Teil seines Lebens.

Die Gruppe unterstützt ihn dabei, standhaft zu bleiben, umgekehrt ist er es, der den anderen Kraft gibt.

Jeden Dienstag treffen sich die Mitglieder der Selbsthilfegruppe "Schwule abstinente Alkoholiker Rhein-Main" ("schwaarm") um halb acht im Lesbisch-schwulen Kulturhaus in Frankfurt am Main.

Zum festen Kern zählen fünf Männer, darunter Thomas, der die Gruppe vor 20 Jahren gegründet hat, weil er es leid war, seine Homosexualität in herkömmlichen Selbsthilfegruppen für Alkoholkranke (Anonyme Alkoholiker, Blaues Kreuz, Guttempler, Kreuzbund) erklären oder gar rechtfertigen zu müssen.

Am Ende entscheidet der eigene Wille

Fühlte sich doppelt stigmatisiert: Martin Ott, über viele Jahre alkoholabhängiger Homosexueller.

© Pete Smith

Martin Ott ist seit 1996 dabei. Regelmäßig stoßen neue Männer dazu, darunter auch frühere Mitglieder, die rückfällig geworden sind und auf dem Weg zurück die Unterstützung der Gruppe brauchen.

Christian ist einer von ihnen. Nachdem er Jahre lang keinen Tropfen getrunken hatte, erlitt er vor wenigen Monaten einen Rückfall. Nun ist er seit acht Wochen wieder trocken und begibt sich demnächst in Therapie.

In der Blitzlichtrunde zu Beginn, in der jeder von seinem Alltag erzählt, vermeldet er einen ersten Erfolg. Wie mit den anderen vergangene Woche besprochen, ist er nicht nach Berlin gefahren, wo er mit Freunden nur allzu gern eine Party gefeiert hätte.

Verzicht positiv sehen

"Finde ich gut, dass du standhaft geblieben bist", erklärt Martin, "und dich der Gefahr nicht ausgesetzt hast. Aus dieser Erfahrung kannst du auch in Zukunft Kraft schöpfen."

"Ich muss halt lernen zu verzichten", sagt Christian.

Jochen, seit fünf Jahren trocken, widerspricht. "So würde ich das nicht ausdrücken", sagt er. "Besser, du stellst das positiv dar. Rückfällig wird man ja erst, weil man mit dem Verzicht nicht klar kommt."

"Stimmt", gibt ihm Martin Ott recht. "Es ist kein Verlust, dass ich nicht mehr kann, sondern ein Gewinn, dass ich nicht mehr muss."

Er selbst hat alle Stadien der Sucht erlebt. Nach der Schule absolvierte er eine Lehre zum Einzelhandelskaufmann und arbeitete danach fünf Jahre als Filialleiter beim Supermarkt HL.

Der berufliche Stress sei einer der Gründe dafür gewesen, dass er immer häufiger zur Flasche gegriffen habe, erzählt der 47-Jährige, aber auch das Doppelleben, das zu führen ihn die Gesellschaft zwang. Aufgewachsen in einem katholischen Umfeld, habe er seine sexuelle Neigung sowohl am Heimatort als auch in der Familie verheimlicht.

Der Alkohol dagegen galt nicht als Tabu. Im Gegenteil. "Mein Vater war Alkoholiker, zwei meiner Brüder, und meine Schwester haben sich regelrecht totgesoffen." Das ist jetzt 14 Jahre her. Damals war Martin Ott selbst schon trocken. Dass er ihr nicht hat helfen können, hat ihn lange belastet. Heute weiß er, dass man niemandem helfen kann, der sich nicht helfen lassen will.

Schwule Alkoholiker haben es doppelt schwer, vor allem wenn sie in einer Branche arbeiten, in der sie nicht nur ihre Sucht, sondern auch ihre Homosexualität verheimlichen müssen. Helfen würde es ihnen schon, wenn ihre Mitmenschen die Sucht als Krankheit akzeptierten.

Schwierigkeiten am Arbeitsplatz

"Mein Chef hat sogar von mir verlangt, dass ich mich für meinen Alkoholismus entschuldige", erzählt Jochen, der sich nach seiner Therapie monatlich vom Betriebsarzt bestätigen lassen musste, dass er wirklich trocken war.

Martin Ott hat ähnliche Erfahrungen gemacht. "Früher habe ich immer funktioniert. Als ich nach der Therapie anfing, die mir zustehenden freien Tage zu nehmen, bekam ich zu hören, was mir denn einfiele, schließlich hätten meine Kollegen ein halbes Jahr meine Arbeit mit erledigt."

Heute ist er bei der AOK Hessen im Bereich Regress beschäftigt, wo er die Schadenersatzansprüche gegen Dritte durchsetzt. Bei der AOK muss er weder seine Homosexualität noch seine Alkoholvergangenheit verschweigen. Sein Mann Gerd, der wie andere Angehörige jeden ersten Dienstag im Monat an den "schwaarm"-Sitzungen teilnimmt, ist ebenfalls bei der Ortskrankenkasse beschäftigt.

Vor allem sein Partner, aber auch sein Glaube gebe ihm Kraft, sagt Ott. "Jeder Alkoholiker muss seinen persönlichen Tiefpunkt erreichen. Bei einigen reicht es, dass sie ihren Führerschein verlieren, andere müssen erst auf der Straße landen, bevor sie etwas unternehmen."

Er selbst habe damals 14 bis 15 Stunden am Tag geschuftet und sich den Rest der Zeit betrunken. "Irgendwann stand ich vor der Entscheidung, entweder du machst Schluss mit dem Leben oder gehst in Therapie."

Der Weg zurück sei schwer, aber möglich. Inzwischen sei ein gesellschaftlicher Wandel bemerkbar, der ihm und den anderen helfe. "Die Akzeptanz für Schwule wächst", ist Martin Ott überzeugt.

"Und auf Betriebsfeiern sieht einen niemand mehr schief an, wenn man Wasser statt Wein trinkt."

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