Ärzte Zeitung, 22.05.2015

Ullrich, Baumann und Co.

Die deutschen Doping-Skandale

Der Bundestag hat erstmals das Anti-Doping-Gesetz beraten. Ziel ist, Doping im Sport effektiver zu bekämpfen. Obwohl der deutsche Spitzensport im internationalen Vergleich als sauber gilt, ist er noch lange nicht rein. Ein Überblick über prominente deutsche Dopingsünder.

Von Pete Smith

Doping-Skandale im Überblick

Einer der wohl bekanntesten Doper: Radrpofi Jan Ullrich, hier im gelben Trikot.

© Augenklick/Roth / dpa

BERLIN. Glaubt man den offiziellen Berichten, so spielt Doping im deutschen Spitzensport kaum eine Rolle.

Im Jahr 2013 nahm die Nationale Anti-Doping-Agentur (Nada) 8106 Trainingskontrollen vor, 79 mögliche Verstöße wurden verfolgt und 29 Athleten bestraft. Die Quote positiver Dopingtests liegt seit Jahren konstant unter einem Prozent.

Eine Studie von Wissenschaftlern der Universitäten Mainz und Tübingen deckte jedoch vor einigen Jahren eine hohe Dunkelziffer auf. Bei einer Befragung von 480 Bundes- und Landeskaderathleten aus dem deutschen Nachwuchsbereich gaben knapp sieben Prozent an, schon einmal Dopingsubstanzen verwendet zu haben.

Mediales Aufsehen erregen allerdings nur die spektakulären Dopingfälle, von denen wir die bekanntesten dokumentieren:

Birgit Dressel

Am 8. April 1987 konsultiert die Siebenkämpferin Birgit Dressel einen Arzt, nachdem sie beim Kugelstoß-Training starke Schmerzen in Hüfte und Gesäß verspürt hat. Sie erhält mehrere Schmerzpräparate, deren Dosierung am nächsten Tag heraufgesetzt wird. Da ihre Schmerzen dennoch anhalten, sucht sie zwei andere Ärzte auf, die Dressel weitere Arzneien verordnen.

Am 10. April wird die Athletin aufgrund einer Nierenkolik ins Mainzer Uni-Klinikum eingeliefert und mit der Diagnose Anaphylaxie auf die Intensivstation verlegt. Kurz darauf stirbt sie. Bei der Autopsie entdecken die Gerichtsmediziner Rückstände etlicher Dopingpräparate. Ermittlungen ergeben, dass Birgit Dressel zuletzt in 16 Monaten rund 400 Spritzen erhalten hatte, unter anderem hoch dosierte Anabolika.

Katrin Krabbe

Die zweimalige Welt- und dreimalige Europameisterin im Sprint Katrin Krabbe fällt zum ersten Mal bei einer Trainingskontrolle am 24. Januar 1992 im südafrikanischen Stellenbosch auf. Die von ihr sowie ihren Teamkolleginnen Grit Breuer und Silke Möller entnommenen Urinproben sind identisch. Die drei werden vom Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) suspendiert, aber wegen Verfahrensfehlern vom Sportgericht wieder freigesprochen.

Ein halbes Jahr später wird Krabbe positiv auf das anabol wirkende Asthmapräparat Clenbuterol getestet. Da das Mittel zu jener Zeit noch nicht auf der Dopingliste steht, wird sie wegen Medikamentenmissbrauchs für ein Jahr gesperrt, eine Strafe, die der Internationale Leichtathletik-Verband (IAAF) um zwei Jahre verlängert. In der Folge prozessiert die Athletin neun Jahre lang gegen den IAAF und erhält 2001 Recht. Das Landgericht München erachtet die 1992 ausgesprochene Sperre für zu lang und spricht Katrin Krabbe 1,2 Millionen DM Schadenersatz zu.

Roland Wohlfahrt

Der ehemalige Nationalspieler Roland Wohlfarth, der mit dem FC Bayern München fünf Mal Deutscher Meister geworden ist, fällt am 16. Februar 1995, inzwischen für den VfL Bochum kickend, mit einer positiven A-Probe auf und sorgt damit für den ersten Dopingfall in der Fußball-Bundesliga. Ständig mit Gewichtsproblemen kämpfend, hat Wohlfarth einen Appetitzügler eingenommen, der auf der Dopingliste steht. Der U20-Weltmeister wird für zwei Monate gesperrt.

Dieter Baumann

Am 19. November 1999 wird der deutsche Langläufer Dieter Baumann vom DLV aufgrund zweier positiver Dopingproben suspendiert. Sowohl eine Trainingskontrolle vom 19. Oktober 1999 als auch eine gut drei Wochen später erfolgte Kontrollprobe haben hohe Konzentrationen von Nandrolon nachgewiesen.

Baumann, 5000-Meter-Olympiasieger von 1992 in Barcelona, beteuert seine Unschuld und erklärt an Eides statt, "nie Dopingmittel genommen" zu haben. Zwei Wochen nach Bekanntwerden der Vorwürfe erklärt Professor Wilhelm Schänzer, Leiter des Kölner Doping-Kontrolllabors, dass man in der Zahnpasta Baumanns hohe Konzentrationen des anabolen Steroids Norandrostendion nachgewiesen habe, die die Befunde erklären könnten.

Baumann, der sich als Opfer eines Attentats sieht, stellt Strafanzeige wegen vorsätzlicher Körperverletzung. Dennoch wird er vom IAAF für zwei Jahre gesperrt.

Alexander Leipold

Der deutsche Weltklasse-Ringer Alexander Leipold, 20-facher deutscher Meister im Freistil, erringt 2000 bei den Olympischen Spielen in Sydney die Goldmedaille. Drei Tage später kommt heraus, dass Leipold positiv auf Nandrolon getestet worden ist. Die Goldmedaille wird ihm aberkannt. Wie Baumann beteuert auch Leipold seine Unschuld. Merkwürdig ist, dass der Athlet für die B-Probe 50 Milliliter Urin abgegeben hat, beim Test aber plötzlich 85 Milliliter vorhanden sind. Die Nandrolon-Konzentration ist zudem so gering, dass sie Leipold keinen Wettbewerbsvorteil verschaffen konnte. Dennoch wird der Ringer in letzter Instanz für ein Jahr gesperrt.

Johann Mühlegg

Der deutsche Ski-Langläufer Johann Mühlegg gilt als einer der schillerndsten Athleten des Wintersports. Nachdem der zweifache Junioren-Weltmeister vom deutschen Verband suspendiert worden ist, weil er dem damaligen Bundestrainer Georg Zipfel Hexerei vorgeworfen hat, startet Mühlegg fortan für Spanien. Bei den Olympischen Winterspielen von Salt Lake City 2002 gewinnt er drei Goldmedaillen!

Kaum hat er aber die Glückwünsche des spanischen Königs Juan Carlos entgegengenommen, platzt die Bombe. In seinem Blut ist das Erythropoietin-Derivat Darbepoetin alpha nachgewiesen worden. Mühlegg muss alle drei Goldmedaillen zurückgeben und wird für zwei Jahre gesperrt. Kurz vor Ablauf der Sperre gibt er seinen Rücktritt bekannt. In seiner Autobiographie "Allein gegen alle" (2005) erklärt er die Dopingaffäre als Komplott.

Ludger Beerbaum und Isabell Werth

Der deutsche Springreiter Ludger Beerbaum, Olympiasieger von 1992, gerät 2004 bei den Olympischen Spielen in Athen ins Visier der Ermittler, als sein Pferd Goldfever positiv auf Betamethason getestet wird. Beerbaum, Fahnenträger bei der Eröffnungsfeier, gibt an, dass er mit dem Medikament bloß eine Hautreizung seines Pferdes behandelt habe. Dennoch wird er vom Internationalen Sportgerichtshof nachträglich disqualifiziert, woraufhin das deutsche Springreiterteam seine Goldmedaille verliert.

2009 beschreibt Beerbaum in einem Interview seine Haltung von einst mit den Worten "Erlaubt ist, was nicht gefunden wird." Im selben Jahr wird das Pferd der deutschen Dressurreiterin Isabell Werth positiv auf die verbotene Substanz Fluphenazin getestet, woraufhin die Olympiasiegerin, Welt- und Europameisterin für sechs Monate gesperrt wird.

Jan Ullrich

Tour-de-France-Sieger, Weltmeister, Olympiasieger: Jan Ullrich gilt als der beste deutsche Radrennfahrer aller Zeiten. Zugleich ist er einer der prominentesten Dopingsünder der deutschen Sportgeschichte. Sein Abstieg beginnt mit seinem Ausschluss von der Frankreich-Rundfahrt 2006. Da er offensichtlich in den Dopingskandal um den spanischen Sportarzt Eufemiano Fuentes verwickelt ist, kündigt ihm sein Team T-Mobile fristlos.

2007 erklärt Ullrich seinen Rücktritt als Radsportprofi. Kurz darauf nimmt die Bonner Staatsanwaltschaft Ermittlungen wegen Betrugs gegen ihn auf, die sie ein Jahr später jedoch gegen eine Zahlung "in sechsstelliger Höhe an gemeinnützige Institutionen und die Staatskasse" wieder einstellt. Obwohl die Staatsanwaltschaft weiter davon überzeugt ist, dass Ullrich gedopt hat, folgt sie dessen Auffassung, nie jemanden betrogen zu haben, da auch seine Konkurrenten ihre Leistung unerlaubt manipuliert hätten.

2012 erklärt der Internationale Sportgerichtshof Ullrich des Dopings für überführt und annulliert all seine Erfolge seit dem 1. Mai 2005. Ein Jahr später räumt Jan Ullrich erstmals selbst ein, mit Hilfe von Fuentes gedopt zu haben. Betrogen habe er nicht, wiederholt er: "Ich wollte für Chancengleichheit sorgen."

Erik Zabel

Mit mehr als 200 Siegen ist Erik Zabel nach Ullrich der erfolgreichste deutsche Radsportler aller Zeiten. Doch auch der Sprintstar, der bei der Tour-de-France sechsmal das Grüne Trikot gewann, hat seine Leistung manipuliert. Erstmals fällt er 1994 auf, als er positiv auf Kortison getestet wird, aber nur zu einer Geldstrafe verurteilt wird, da er angeblich nur eine Salbe gegen Sitzbeschwerden aufgetragen habe.

Am 24. Mai 2007 gibt Zabel erstmals zu, bewusst gedopt zu haben: Während der Tour de France 1996 habe er eine Woche lang Epo gespritzt, gleichsam als Test, den er gesundheitlicher Beschwerden jedoch gleich wieder abgebrochen habe. Danach, so versichert er, habe er nie wieder gedopt. Eine glatte Lüge, wie sich 2013 nach Überprüfung eingefrorener Proben von der Tour 1998 erweist. Zwei mit Epo belastete Proben können zweifelsfrei Zabel zugeordnet werden. Vier Tage nach Veröffentlichung der Ergebnisse bekennt Zabel unter Tränen, von 1996 bis 2003 mit Epo, Kortison und Eigenblut gedopt zu haben.

Dietz, Henn, Bölts, Aldag, Jaksche, Sinkewitz

Im Jahr 2007 erlebt der deutsche Radsport seinen absoluten Tiefpunkt. Nach Erik Zabel geben auch die ehemaligen Team-Telekom- und T-Mobile-Fahrer Bert Dietz, Christian Henn, Udo Bölts, Rolf Aldag, Jörg Jaksche und Patrik Sinkewitz zu, im Laufe ihrer Karriere mit Epo, Testosteron und Eigenblut gedopt zu haben. Im Zuge der Ermittlungen werden die Sportärzte Lothar Heinrich, Andreas Schmid und Georg Huber von der Universitätsklinik Freiburg suspendiert.

Stefan Schumacher

Der ehemalige Radrennfahrer Stefan Schumacher fällt erstmals am 14. Mai 2005 auf, als er positiv auf ein Stimulans getestet wird. Da er mit dem Präparat eigenem Bekunden nach nur die Symptome seiner Pollenallergie hat lindern wollen, spricht ihn der Bund Deutscher Radfahrer frei.

Am 25. September 2007 weist eine Blutprobe Schumachers einen überhohen Hämatokritwert auf, den der Radfahrer diesmal mit einer Durchfall-Erkrankung erklärt, woraufhin er bei der WM fünf Tage später starten darf und dort den 3. Platz belegt. Anderthalb Jahre später jedoch helfen ihm keine Ausreden: Am 22. Februar 2009 wird Stefan Schumacher von der französischen Anti-Doping-Agentur wegen eines positiven Tests auf das Blutdopingmittel CERA bei der Tour de France 2008 für zwei Jahre gesperrt.

Auch bei den Olympischen Spielen 2008 hat Schumacher mit CERA gedopt, wie sich bei Nachuntersuchungen herausstellt. Erst Ende März 2013 gibt der Athlet in einem Interview mit dem "Spiegel" zu, bereits im Alter von Anfang 20 leistungssteigernde Präparate konsumiert zu haben, darunter Epo, Wachstumshormone und Kortikosteroide.

Evi Sachenbacher-Stehle

Der deutsche Publikumsliebling Evi Sachenbacher-Stehle aus Reit im Winkl, zweifache Olympiasiegerin im Skilanglauf, erlebt im Februar 2014 bei den Olympischen Winterspielen in Sotschi den Tiefpunkt ihrer Karriere.Zwei Jahre nach ihrem Wechsel zum Biathlon wird sie positiv auf das Stimulans Methylhexanamin getestet, das oft Nahrungsergänzungsmitteln beigemischt wird.

Der vierte Platz im Massenstart wird ihr aberkannt, ebenso der vierte Platz in der Mixed-Staffel. Später wird sie für zwei Jahre gesperrt, wogegen sie beim Internationalen Sportgerichtshof (CAS) in Lausanne Einspruch einlegt, da sie die verbotene Substanz unbewusst über ein Nahrungsergänzungsmittel eingenommen habe. Mitte November 2014 verkürzt der Sportgerichtshof die Sperre auf ein halbes Jahr, so dass Evi Sachenbacher-Stehle ab sofort wieder an Wettkämpfen teilnehmen darf.

[22.05.2015, 10:30:09]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Wo bleibt das "Positive"?
Es gab und gibt aber auch eine Ausnahme-Athletin, die definitiv n i c h t gedopt hat, obwohl sie lange Zeit dessen verdächtigt wurde: Claudia Pechstein wurde als in der Welt führende Eisschnellläuferin von den Medizin-bildungsfernen Funktionären des Weltverbands ISU (International Skating Union, Lausanne) und des Internationalen Sportgerichtshofs CAS (Court of Arbitration for Sport) wider besseres Wissen wegen schwankender Retikulozyten-Blutwerte ohne tatsächlichen Doping-Beweis über zwei Jahre gesperrt.

Ihre Diagnose aber war und ist: Hereditäre Xerozytose, eine Membrananomalie, ähnlich der Sphärozytose (Kugelzell-Anämie). Dieser genetische, autosomal-dominant erbliche Erythrozytendefekt aus der Gruppe der Membranopathien mit Kationenpermeabilitätsstörungen und klinisch variablem, mild-hämolytischen, phasenweise inapparentem Verlauf ist für ihre auffälligen Retikulozytenwerte verantwortlich und n i c h t unzulässige Doping-Aktivitäten. Vgl.
http://www.claudia-pechstein.de/Gutachten/Prof.Eber%2006.02.2011.pdf

Prof. Dr. med. Stefan Eber, München, Spezialist für Hämatologie/Onkologie/Gerinnungsstörungen konnte diese Diagnose auf Anhieb stellen. ISU und CAS sehen sich jetzt mit absolut berechtigten Schadenersatzforderungen konfrontiert.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund  zum Beitrag »

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