Ärzte Zeitung, 18.03.2015

USA

Hohe Selbstbehalte schaden der Mittelschicht

Selbstbehalte von mehr als Tausend Euro? Bei uns in der Regel undenkbar, in den USA der Normalfall. Doch mit den oft immensen Kosten, die trotz Krankenversicherung anfallen, wächst auch die Angst vor dem Arztbesuch.

Von Claudia Pieper

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Teure Medizin: Bis der sogenannte "Deductible" erreicht ist, zahlen US-Amerikaner für ihre Behandlung erst einmal selbst - trotz Versicherung.

© Chromorange / dpa

WASHINGTON. Holly Wilson ist krankenversichert und hat einen guten Job. Dennoch entschloss sie sich vor Kurzem aus Kostengründen, ihre Tabletten für Bluthochdruck abzusetzen. Nach drei Monaten ohne Medikamente waren ihre Blutdruckwerte so hoch, dass ihr Arzt einen Schlaganfall vorhersagte, falls sie nicht wieder anfange, ihre Pillen zu nehmen.

LaRita Jacobs ist ebenfalls krankenversichert. Mit 70.000 Dollar hat ihre Familie ein klassisches Mittelschichtseinkommen. Dennoch zögerte sie im letzten Jahr so lange, sich wegen schwerer Arthritis im Nackenbereich behandeln zu lassen, dass sie zum Schluss nicht mal mehr eine Gabel halten konnte.

Warum riskieren US-Amerikaner wie Wilson und Jacobs trotz Versicherung ihre Gesundheit? Weil ihre Selbstbehalte im Krankheitsfall so hoch sind, dass sie vor einer Behandlung zurückschrecken. Darauf wies die Tageszeitung "USA Today" jüngst in einem Leitartikel hin, für den sich beide Frauen interviewen ließen.

Als Anreizsystem gedacht

"Deductible" nennt man die Selbstbeteiligung, die vielen Versicherten den Schlaf raubt. Ein Deductible von 1000 Dollar bedeutet zum Beispiel, dass die Krankenversicherung erst dann einspringt, wenn der Patient diese Summe selbst geschultert hat.

Ob Arztbesuche, diagnostische Tests oder therapeutische Maßnahmen, all dies bezahlt der Versicherte jährlich aus eigener Tasche, bis der Deductible-Betrag erreicht ist.

Die Idee hinter dem Konzept: Wer erst einmal selbst zahlen muss, agiert wesentlich kostenbewusster als jemand, dem die Kosten gleich (teilweise) abgenommen werden. Das System scheint zu funktionieren: Die Inanspruchnahme stationärer medizinischer Leistungen zeigt seit 2010 einen abnehmenden Trend, und selbst im ambulanten Bereich ist seit 2011 ein leichter Rückgang zu verzeichnen.

Deductibles sind daher ohne Zweifel die neue Waffe der US-Versicherungen und Arbeitgeber, Gesundheitsausgaben zu begrenzen. Bei der Auswahl einer neuen Police muss sich der Versicherte oft zwischen zwei Übeln entscheiden: einem höheren monatlichen Beitrag plus niedrigeren Deductibles oder einem niedrigeren Monatsbeitrag plus höheren Deductibles.

Aus Kostengründen entscheiden sich viele Versicherte für höhere Deductibles, sind dann aber im Krankheitsfall entsetzt, wenn sie den darunter liegenden Betrag allein tragen müssen.

Alarmierend ist, wie weit verbreitet mittlerweile Selbstbehalte im vierstelligen Bereich sind. 41 Prozent der Amerikaner, die über ihren Arbeitsplatz versichert sind, hatten im vergangenen Jahr ein Deductible von wenigstens Tausend Dollar.

Teuer für Familien

Für fast ein Fünftel (18 Prozent) war der Deductible-Betrag 2000 Dollar und höher. Der Durchschnittsbetrag lag bei 1217 Dollar, 47 Prozent höher als 2009. All diese Werte beziehen sich übrigens auf Einzelversicherte. Wer seine Familie abdecken will, zahlt dementsprechend mehr.

Erschwerend kommt hinzu, dass die US-amerikanischen Löhne und Gehälter seit langem stagnieren. In heutigen Dollars gerechnet verdient der durchschnittliche Amerikaner heute kaum mehr als vor 50 Jahren. Damals (1964) lag der Stundenlohn laut Arbeitsamt bei 19,18 Dollar, 2014 bei 20,67 Dollar.

Kein Wunder also, dass sich viele Landsleute schwertun, die steigenden Selbstbehalte zu absorbieren. Das bestätigte im November eine Umfrage des Commonwealth Fund. Sie ergab, dass Versicherte, deren Deductibles mehr als fünf Prozent ihres Einkommens einnahmen, es bei einem Gesundheitsproblem wesentlich öfter vermeiden, zum Arzt zu gehen als Versicherte mit geringeren Selbstbehalten. Volle 40 Prozent gaben an, mindestens einmal Probleme mit Kosten gehabt zu haben.

Ärzte warnen vor Konsequenzen

Immer mehr Ärzte warnen vor den Konsequenzen, die zu hohe Deductibles mit sich bringen. Chirurg Paul Ruggieri, der in Rall River, Massachusetts praktiziert, wies beispielsweise in "USA Today" auf einen Trend hin, den er bei Betroffenen beobachtet hat: Sie warten bei elektiven Prozeduren wie Gallenblasen- oder Hernienoperationen so lange, dass aus nicht-kritischen Situationen Notfälle werden, was sich dann oft nicht nur als lebensgefährlich, sondern auch immens kostspielig erweist.

Die hohen Selbstbehalte sind nicht zuletzt auch politisch heikel. Seit die Gesundheitsreform "Obamacare" in Kraft ist, profitieren nämlich vor allem Einkommensschwache von der erweiterten Armenversicherung Medicaid. Unter ihr qualifizieren sich ganze Familien für eine selbstbehaltfreie Gesundheitsversorgung.

Kein Wunder, wenn sich da bei Angehörigen der Mittelschicht Unmut breit macht. Wer selbst nicht weiß, wie er die nächste Arztrechnung bezahlen soll, gönnt dem einkommensschwachen Nachbarn nicht die kostenfreie, durch Steuerzahler finanzierte Behandlung.

Die hohen Deductibles schaden damit auch dem - aus deutscher Sicht ohnehin schwach ausgeprägten- Solidarbewusstsein unter US-amerikanischen Versicherten und drohen die schwer erkämpfte Gesundheitsreform noch unbeliebter zu machen.

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