Ärzte Zeitung, 16.02.2015

Flucht vor Taliban

Arzt hofft auf Zukunft in Deutschland

Seit Juni lebt der Mediziner Ajmal Khan Arifi in einem Lübecker Flüchtlingsheim - und wartet seither verzweifelt auf die Erlaubnis, seine Familie nachzuholen. Denn in Afghanistan schweben die Frau und fünf Kinder in Lebensgefahr.

Von Dirk Schnack

Arzt hofft auf Zukunft in Deutschland

Hofft auf eine Zukunft als Arzt in Deutschland - aber nur mit seiner Familie: Ajmal Khan Arifi aus Afghanistan.

© Schnack

LÜBECK. Wer im Flüchtlingsheim ein gesundheitliches Problem hat, fragt nach Ajmal Khan Arifi. Der Arzt aus Afghanistan darf zwar nicht in Deutschland praktizieren, aber die rund 70 Mitbewohner aus elf Nationen in dem früheren Altenheim in Lübeck vertrauen dem ruhigen und stets freundlichen Mann, der ihnen Ratschläge geben kann.

Als Arzt in Deutschland praktizieren würde Arifi gern - für Deutschland hat er schon gearbeitet. Im Rahmen des Bundeswehreinsatzes in Afghanistan war er zwischen 2002 und 2007 als Arzt und Dolmetscher für Deutschland tätig.

Anschließend machte er sich selbstständig und arbeitete nebenbei im NATO-Krankenhaus in Kabul. "Ich will auf der Seite des Gesetzes stehen", stand für den 38-Jährigen immer fest.

Doch inzwischen sitzt Arifi zwischen allen Stühlen - mit lebensbedrohlichen Folgen für seine Familie in Afghanistan.

Drohungen gegen die Familie

Arifi hatte sich nach seiner Tätigkeit für die Bundeswehr in seiner Heimat eine Existenz aufgebaut, die auch den Taliban nicht verborgen blieb. Anfang 2014 kamen sie als Patienten getarnt in seine Praxis und wollten ihn anwerben.

Das kam für Arifi nicht in Frage. Doch es blieb nicht bei einem Versuch: Seinem Wunsch nach Bedenkzeit begegneten die Taliban mit zunehmenden Drohungen gegen ihn selbst und gegen seine Familie.

Im April spitzte sich die Situation zu: An einem Tag wurden in seiner Umgebung vier Ärzte umgebracht - "ich musste so schnell wie möglich weg", sagt Arifi. Das Ziel war klar: Deutschland, denn für dieses Land hatte er gearbeitet.

In die deutsche Botschaft kam er an seinem Fluchttag nicht hinein. Aber er erhielt die Auskunft von Helfern, dass er in ein Land kommen müsse, das sich dem Schengener Abkommen angeschlossen hat - dann könne er sich in diesen Ländern frei bewegen.

Arifi besorgte sich ein französisches Visum und kam über Wege, die er nicht preisgeben möchte, nach Deutschland. Seit Juni ist er in dem Lübecker Heim untergebracht. Zugleich musste seine Familie in der Heimat untertauchen.

Mit dem Status Flüchtling, so hoffte Arifi, könne er seine Familie schnell nach Deutschland nachholen.

Inzwischen ist über ein halbes Jahr vergangen und seine bei Arifis Flucht schwangere Frau hat inzwischen ihr fünftes Kind geboren.

Dass die Familie des Arztes trotz der unmittelbaren Gefahr für ihr Leben bislang nicht nach Deutschland reisen darf, wird mit dem französischen Visum Arifis begründet. Danach wäre Frankreich und nicht Deutschland zuständig.

In Deutschland ist Arifi "geduldet". Weder Frankreich noch Deutschland fühlen sich zuständig, um die in akuter Lebensgefahr schwebende Familie des Arztes nach Europa zu holen - obwohl er nachweisbar in Diensten der Deutschen vor Ort gearbeitet hat und die Lebensgefahr aus diesem Dienst resultiert.

Aus Verzweiflung zurück?

Der sonst so ruhige Arifi wirkt verzweifelt, wenn er an die Situation seiner Familie in Afghanistan denkt. "Er ist drauf und dran, wegen der ausweglosen Situation zurückzureisen, um sie nicht im Stich zu lassen", sagt Daniel Hettwich, der die Wohnanlage in Lübeck leitet.

 "Aber das kann ich nicht zulassen. Es widerstrebt meinem Gerechtigkeitsgefühl, dass seine Familie trotz der unmittelbaren Gefahr nicht zu uns kommen darf." Er setzt derzeit über die Diakonie mehrere Hebel in Bewegung, um auf politischer Ebene zu helfen - bislang aber ohne Ergebnis.

Dabei könnte Arifi aufgrund seiner fachlichen und sprachlichen Fähigkeiten schnell integriert werden. "Öffentliche Mittel wären voraussichtlich nicht erforderlich, weil er sich als Mediziner seinen Lebensunterhalt verdienen könnte", sagt der frühere Probst Dr. Niels Hasselmann aus Lübeck, der die Schwierigkeiten, die Deutschland Arifis Familie bereitet, skandalös findet.

Seine direkte Umgebung in Lübeck befürchtet nun, dass sich der beliebte Arzt aus Verzweiflung trotz der Gefahr zurück begibt.

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