Ärzte Zeitung, 26.03.2015

Flugzeugabsturz

So identifizieren Rechtsmediziner die Opfer

Nach dem Absturz der Germanwings-Maschine haben die Vorbereitungen zur Identifizierung der Toten begonnen. Die Forensiker vor Ort spielen dabei eine Schlüsselrolle.

Von Beate Schumacher

So identifizieren Rechtsmediziner die Opfer

Einsatzkräfte bereiten sich auf die nächste Suche vor. Im Team ist meist auch ein Rechtsmediziner, der die Leichen vor Ort identifizieren soll.

© Securité Civile / Abacapress

BERLIN. Schon kurz nach Bekanntwerden des Flugzeug-Absturzes am Dienstag war klar, dass von den Passagieren und der Crew niemand den Absturz der Germanwings-Maschine überlebt hat.

Doch bis die 150 Toten von ihren Angehörigen der Erde übergeben werden können, wird es wohl noch dauern.

In der unwegsamen Absturzregion in den französischen Alpen könnten sich die Bergungsarbeiten über Tage und Wochen hinziehen. Und danach beginnt die mühsame Arbeit der Forensiker.

Seit Mittwoch sind Mitarbeiter der Identifizierungskommission (IDKO) des Bundeskriminalamts (BKA) in Frankreich, um die dortigen Kollegen bei ihrer Arbeit zu unterstützen.

"Sie sorgen zum Beispiel dafür, dass die französischen Behörden Vergleichsmaterial für die Identifizierung bekommen", erklärte Dr. Lars Oesterhelweg im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung".

Der stellvertretende Direktor des Instituts für Forensische Pathologie an der Charité Berlin geht davon aus, dass die sterblichen Überreste der Absturzopfer zur gerichtsmedizinischen Untersuchung in Frankreich bleiben werden.

Dazu werden die Leichenteile zunächst gesichtet, dann wird die Zuordnung zu den Absturzopfern unternommen werden. "Es gibt drei sichere Identifizierungsmerkmale", so Oesterhelweg, "das sind DNA, Fingerabdruck und Zahnstatus."

Welche davon Anwendung finden, hängt vor allem vom Zustand der Leichen ab.

In Deutschland ist inzwischen die Polizei damit befasst, die für die Identifizierung benötigten Ante-mortem-Daten zu sammeln: DNA-Spuren auf Zahnbürsten oder DNA-Proben von nahen Verwandten, Fingerabdrücke von Computertastaturen oder Handys sowie medizinische Befunde vom Zahnstatus bis zur Gallenblasen-Op.

Sind alle Opfer zu bergen?

Aber wird es überhaupt möglich sein, alle Opfer zu bergen? "Das hängt stark vom Gelände ab, aber die Chance besteht zumindest", so Oesterhelweg.

Anders als etwa in der Ukraine, wo das Flugzeug in der Luft zerstört wurde, ist die Germanwings-Maschine wohl am Berg zerschellt, die Leichen sind daher vermutlich auf einem kleineren, allerdings schwer zugänglichen Areal verteilt.

Dass die Identifizierung der Toten gelingt, gibt vor allem den Angehörigen "die entscheidende Gewissheit, dass ein geliebter Mensch nicht in den Bergen herumirrt", so Oesterhelweg. "Und es ist wichtig, mit dem Grab einen Ort der Trauer zu haben."

Da es bei vielen der Opfer vermutlich keine klassische Beerdigung voraussichtlich geben könne, müsse man andere symbolische Handlungen vornehmen, um den Verarbeitungsprozess zu unterstützen, sagte Privat-Dozent Christoph Kröger, Geschäftsführender Leiter der Psychotherapieambulanz an der Technischen Universität Braunschweig, jüngst im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung".

"Bei einem Unglück wie dem Flugzeugabsturz vom Dienstag sind zentrale Abschiedsfeiern und eine Gedenkstelle wichtig, ein Ort, an dem die Angehörigen trauern können."

Hinweise auf das Geschehen

Darüber hinaus hat die Leichenidentifizierung aber auch ganz pragmatische Bedeutung, etwa für Erb- und Rentenansprüche, gibt Oesterhelweg zu bedenken.

"Wird eine unter den Toten vermutete Person nicht identifiziert, gilt sie als vermisst. Es ist dann eine Ermessensfrage, ab wann jemand für tot erklärt wird", so der Forensiker.

Auch wenn die Indizien im aktuellen Fall des Germanwings-Airbus diesen Verdacht nicht bestätigen, so könne die Leichenidentifizierung nach Flugzeugabstürzen aber ganz allgemein auch Hinweise liefern, ob ein Absturz durch einen technischen Defekt oder einen Anschlag ausgelöst wurde.

"Möglicherweise findet sich unter den Toten jemand, der eines Anschlags verdächtig ist. Oder es gelingt, Brandspuren oder Brandbeschleuniger nachzuweisen, die noch zu Lebzeiten eingeatmet wurden."

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