Ärzte Zeitung, 01.04.2015

Borderline-Syndrom

Auf der Achterbahn der Gefühle

Patienten mit Borderline-Syndrom werden in der Vitos-Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Bad Emstal mit der "Dialektisch Behavioralen Therapie" behandelt - mit Erfolg.

Von Gesa Coordes

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Sabine Hartung ist Borderline-Patientin und lebt seit einigen Wochen im Haus 6 der Vitos-Klinik.

© Rolf K. Wegst

BAD EMSTAL. Sabine Hartungs Notfallkoffer ist ein beigefarbenes Handtäschchen. Rote Chilischoten stecken darin, Ammoniak, Pfeffer, japanisches Heilöl, ihr MP-3-Player und ein Knetball.

Auf den brennend scharfen Chilischoten herumzukauen, war bislang erst einmal nötig. Den Knetball - ein Smiley mit grünen Haaren - und ihren MP-3-Player braucht sie jedoch täglich.

Die 34-Jährige leidet unter Borderline. "Früher sagte man, dass das Krankheitsbild nicht therapierbar ist", sagt Dr. Martine Micol-Grösch über die Persönlichkeitsstörung. Im Haus 6 der Vitos-Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Bad Emstal zeigt das Team um die Oberärztin jeden Tag, dass dies doch möglich ist.

Es handelt sich um die erste vom Dachverband DBT (Dialektisch Behaviorale Therapie) zertifizierte Station in Hessen. Eingeführt wurde das Verfahren in Bad Emstal von Professor Michael Franz, dem Ärztlichen Direktor der Klinik.

Starke Stimmungsschwankungen

Sabine Hartung merkt man ihre Krankheit auf den ersten Blick nicht an. Ruhig wirkt die vierfache Mutter. Dass ihre Gefühle regelmäßig Achterbahn fahren, lässt sich nur ahnen, wenn sie ihren Knetball ununterbrochen in den Händen zusammenquetscht.

Sabine Hartung möchte über ihre Kindheit am liebsten gar nicht sprechen. "Viel Gewalt" sagt sie über den Vater, einen Alkoholiker, der Frau und Kinder schlug. Wie viel sie selbst davon erfahren hat, sagt sie nicht.

70 Prozent der Borderline-Patienten sind als Kinder geschlagen oder sexuell missbraucht worden, sagt Micol-Grösch. Psychische Erkrankungen, Suchtprobleme der Eltern und Vernachlässigung können neben einer genetischen Veranlagung zu dieser Störung führen.

Die Borderline-Patienten leiden unter extremen Stimmungsschwankungen und Anspannungszuständen. Das fühlt sich für viele Betroffene so unerträglich an, dass sie sich die Haut ritzen, sich Verbrennungen zufügen oder mit dem Kopf gegen die Wand knallen.

Alkohol, Tabletten und Essstörungen sind ebenfalls häufig. "Das sind Versuche, die Hochspannung abzubauen", sagt Micol-Grösch.

Sabine Hartung wurde erst 2013 wirklich klar, dass mit ihr etwas nicht stimmt. Zu diesem Zeitpunkt war sie schon vierfache Mutter, hatte eine abgebrochene Ausbildung, eine Ehe und eine langjährige Beziehung zu einem gewalttätigen Freund mit Alkoholproblemen hinter sich.

Zudem gab sie sich die Schuld am Tod ihres Zweitgeborenen, der in ihren Armen am plötzlichen Kindstod starb.

Wohngruppe mit 24 Patienten

Doch auch nach der Trennung vom Freund fühlte sie sich "immer überfordert und dauernd auf 180", so sagt sie. Am ganzen Körper hatte sie blaue Flecke, weil sie gegen Wände, Türen und Schränke trat und boxte. Einmal brach sogar ein Zeh.

Die 1,80 Meter große Frau wog nur noch 56 Kilo und hatte Selbstmordgedanken. Als sie schließlich nach mehreren Klinikaufenthalten die klare Diagnose in der Vitos Klinik für Psychiatrie in Bad Emstal bekam, war dies eher entlastend.

"Seitdem kann ich es besser akzeptieren und etwas dagegen tun", sagt die 34-Jährige.

Zehn Wochen hat sie im Haus 6 verbracht, wo 24 Borderline-Patienten in vier Wohngruppen leben. Obwohl die Persönlichkeitsstörung in dem Ruf steht, ganze Stationen in Aufruhr zu bringen, geht es hier meist erstaunlich gelassen zu.

Wer kurz vor dem Ausflippen ist, wird er einmal zum Joggen auf die Treppe geschickt. Erst anschließend wird über den Konflikt gesprochen.

"Skills" gegen das Erregungslevel

Dialektisch Behaviorale Therapie heißt die aus den USA stammende Therapie, zu der ein individueller Notfallkoffer gehört. Im Koffer stecken so genannte "Skills", etwa Ammoniak, dessen stechender Geruch als eines der stärksten Mittel gilt.

Die "Skills" sollen dabei helfen, die Patienten von ihrem hohen Erregungslevel herunterzubringen, ohne dass sie sich selbst verletzen.

Je nach Stärke der Spannung können Tabasco, Brausetabletten, Wäscheklammern in der Haut, spitze Steine im Schuh, Duftfläschchen oder ein Igelball den Patienten helfen.

Die Therapie führt bei zwei Dritteln der Patienten zu einer deutlichen Verbesserung. Dennoch ist die Finanzierung durch die Krankenkassen mitunter schwierig.

So landen die Patienten oft in nicht spezialisierten Kliniken und werden dort aufwändig, aber wenig effektiv behandelt. Ein Irrweg, der auch ökonomisch unsinnig sei, bedauert Oberärztin Micol-Grösch.

Zur DBT-Therapie gehört ein durchstrukturiertes Wochenprogramm mit Einzeltherapie, Basisgruppe, Körpertherapie, Achtsamkeit, Stresstoleranz, Ergotherapie und umfangreichen Hausaufgaben für die Patienten.

Mit Hilfe von Spannungsprotokollen und Arbeitsblättern lernen sie ihre Gefühle besser kennen und steuern.

Sabine Hartung hofft nun, besser mit ihrem Alltag klar zu kommen. Ihr aktueller Freund unterstützt sie und nimmt am Angehörigenprogramm für DBT-Patienten teil. Hartung: "Ich habe gelernt, meine Gefühle und das Chaos in meinem Kopf zu lenken."

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