Ärzte Zeitung online, 20.04.2015

DGIM-Kongress

Internisten stellen sich der NS-Vergangenheit

Sie fordert Besucher des Internistenkongresses zur Auseinandersetzung mit Geschichte: Die Ausstellung über die Rolle der DGIM in der NS-Zeit war auch Thema bei einem festlichen Abend, der bei den Internisten eine lange Tradition hat.

Von Christoph Fuhr

Internisten stellen sich der NS-Vergangenheit

Festliche Abendveranstaltung zum Internistenkongress. NRW-Wissenschaftsministerin Svenja Schulze (SPD) am Rednerpult.

© Andreas Henn

MANNHEIM. Es ist ein Bild mit großer Symbolkraft, das sich Besuchern des Internistenkongresses im großen Saal des Mannheimer Congress Centers Rosengarten immer dann bietet, wenn dort Veranstaltungen des Forums "Chances" stattfinden.

Junge Internisten diskutieren hier über ihre Berufsperspektiven - voller Optimismus und Tatendrang, die Zukunft fest im Visier.

Im anderen Teil des Saales hingegen wird ein Programm geboten, das gegensätzlicher und widersprüchlicher nicht sein könnte: Dort wird Vergangenheit dokumentiert - bedrückende Forschungsergebnisse über Verstrickungen der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) in der Nazizeit.

Seit 2012 haben Wissenschaftler des Medizinhistorischen Instituts in Bonn systematisch die Geschichte der DGIM in der NS-Zeit untersucht.

"Die Ausstellung soll Denkanstöße geben, aber auch uns Ärzte mahnen, die Errungenschaften einer offenen Gesellschaft entschlossen zu verteidigen", erklärte DGIM-Präsident Professor Michael Hallek.

"Ein rabenschwarzes Kapitel"

Internisten stellen sich der NS-Vergangenheit

Dr. Josef Schuster, Vorsitzender des Zentralrats der Juden, eröffnet die Ausstellung zur NS-Zeit.

© Andreas Henn

"Der Nationalsozialismus ist für die Deutsche Ärzteschaft ein rabenschwarzes Kapitel", stellte der Präsident des Zentralrats der Juden Dr. Josef Schuster bei der Eröffnung der Ausstellung am Sonntagabend klar.

Entsprechend schwer hätten sich die Ärzte auch mit der Aufarbeitung ihrer braunen Vergangenheit getan. "Sie wurde erst wirklich gewagt, als die Generation der in die NS-Verbrechen verwickelten Älteren quasi abgetreten war", sagte Schuster.

"Wissen ohne Gewissen führt die Seele ins Verderben" - mit diesem Schlüsselsatz des berühmten französischen Arztes Rabelais baute Hallek in seiner Festrede die Brücke aus der dunklen Vergangenheit der DGIM in die Zukunft. Die molekulare Medizin bedeute den Aufbruch in eine neue Ära mit vielen Herausforderungen, sagte er.

Dazu gehöre es, dem individuellen Patienten die richtige, maßgeschneiderte Medikation zu verabreichen, und dazu gehöre auch eine Stärkung der klinischen Forschung, die unabhängig sein müsse von "industriellem Profitstreben und "politischen Sparvorgaben."

"Wir Ärzte haben eine medizinische, politische und wissenschaftliche Verantwortung, unser Gesundheitswesen gerade in einer Zeit starker Innovationen und sozialer Ungleichheiten in der Welt klug weiterzuentwickeln", sagte Hallek.

Aus Sicht von NRW-Wissenschafts- und Forschungsministerin Svenja Schulze (SPD) kann das allerdings nur funktionieren, wenn Forschung viel stärker sektorenübergreifend aufgebaut ist. Sie nannte als positives Beispiel das von Hallek 2007 gemeinsam mit der Uni Bonn gegründete Centrum für Integrierte Onkologie Köln Bonn (CIO).

Ziel des CIO ist, Krebspatienten in enger Kooperation der klinischen Fächer zu versorgen. Zugleich geht es um eine Verzahnung mit der Praxis - auch im niedergelassenen Bereich.

Und es geht darum, dass Patienten wohnortnah kompetent versorgt werden und möglichst schnell vom medizinischen Fortschritt profitieren.

Renommierte Preise

Berichte über den DGIM-Kongress

Medienpartner beim 121. Internistenkongress ist die "Ärzte Zeitung". Vor und während des Kongresses werden Sie aktuell über wichtige Ereignisse und Veranstaltungen informiert. Danach gibt es eine Kongress-Nachlese.

Zu den Berichten über den DGIM-Kongress

Internisten sind für die Zukunft gerüstet - das stellten BDI-Präsident Dr. Wolfgang Wesiack und der Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Allgemeine Innere Medizin, Professor Jean-Michel Gaspoz klar.

Mit dazu beitragen sollen renommierte Auszeichnungen, die die DGIM vergibt: Privatdozent Florian Bassermann aus München erhielt den mit 30 000 Euro dotierten Theodor-Frerichs-Preis für eine Arbeit über Lymphdrüsenkrebs.

Professor Axel Bauer, der auch aus München kommt, wurde mit dem Präventionspreis für eine Arbeit ausgezeichnet, in der analysiert wird, wie Stress die Herzstromkurve verändert.

Und Professor Jürgen Riemann (Ludwigshafen) erhielt für sein Lebenswerk die Leopold-Lichtwitz-Medaille, benannt nach einem Arzt, dem als Jude der DGIM-Vorsitz aberkannt wurde und dessen Schicksal in der NS-Ausstellung ausführlich dargestellt wird.

Der Präsident der Bundesärztekammer, Professor Frank Ulrich Montgomery, wies bei seiner Grußrede auf ein besonderes Datum hin: Vor 50 Jahren haben Israel und Deutschland ihre diplomatischen Beziehungen wieder aufgenommen. Im Herbst soll es deshalb eine gemeinsame Vorstandssitzung der BÄK mit der "Israel Medical Association" geben.

"Wir pflegen mit unseren israelischen Kollegen heute ein kooperatives, freundschaftlicher und arbeitsreiches Miteinander", sagte Montgomery. "Das liegt uns sehr am Herzen."

"DGIM hat 70 Jahre verstreichen lassen..."

Die DGIM hat sich in Mannheim offiziell zur NS-Zeit erklärt. Wir dokumentieren die Erklärung im Wortlaut.

"Die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin ist beschämt, weil sie 70 Jahre hat verstreichen lassen, bis ihr Handeln in der Zeit des Nationalsozialismus wissenschaftlich untersucht und öffentlich gemacht wurde.

Die DGIM missbilligt die Akte der Anpassung an das Unrechtsregime. Sie verurteilt die Ausgrenzung und Verfolgung von Mitgliedern und Nichtmitgliedern, sowie die Verbrechen, die von Mitgliedern der Fachgesellschaft begangen wurden. Insbesondere verurteilt sie

die Vertreibung von Kolleginnen und Kollegen jüdischer Herkunft sowie

die Misshandlungen und Tötungen von Menschen in Konzentrationslagern, Lazaretten und Kliniken.

Die DGIM bekennt sich zu ihrer historischen Verantwortung, die Geschehnisse in Erinnerung zu halten.

Einige an NS-Unrecht Beteiligte sind in der Nachkriegszeit zu Ehrenmitgliedern der DGIM ernannt worden. Die DGIM erklärt ausdrücklich, dass diese Ernennungen unter den uns heute bekannten Umständen nicht zu billigen sind. Sie sieht aber von einer nachträglichen Aberkennung der Ehrenmitgliedschaft ab, um deutlich zu machen, dass im historischen Bewusstsein bleiben soll, welche Verfehlungen Mitglieder der DGIM im Nationalsozialismus begangen haben und in welcher Weise diese Vergehen über lange Zeit verdrängt oder verschwiegen wurden.

Mit dieser Haltung betont die DGIM, wie verletzlich die Errungenschaften freiheitlicher Gesellschaften sind, und wie wichtig das permanente Ringen um Toleranz, Offenheit und Rechtsstaatlichkeit ist."

[11.05.2015, 14:41:37]
Dr. Bruno Josef Schotters 
NS-Vergangenheit der deutschen Ärzteschaft
Die Greueltaten des NS-Regimes,an denen Lehrer, Erzieher(Pädagogen) Juristen,Beamte und auch Ärzte beteiligt waren, liegen über 70 Jahre zurück, sollen aber nicht geleugnet werden. Die Aufarbeitung dieser Verbrechen bringt m.E. aber garnichts, weil die Menschen unfähig sind, aus ihren Fehlern zu lernen. Die jüdischen Politiker, die heute an der Macht sind, verhalten sich Palästina gegenüber auch nicht ethisch-moralisch einwandfrei. Da werden unschuldige Kinder, Frauen und Greise eingekesselt, niedergebombt und Verletzten eine Krankenhausbehandlung verweigert. Glaubt man so den palästinensischen Radikalen beizukommen indem man Unschuldige tötet? in Russland, in Afrika in Syrien werden auch heute noch unschuldige Menschen vertrieben und getötet - und die Menschheit schaut zu. Wer hat gelernt aus den Kriegen Napoleons,den Arbeitslagern Rußlands dem Vietnamkrieg? Mit diesen "menschlichen Problemen" sollten sich mal die Hirnforscher beschäftigen.  zum Beitrag »
[20.04.2015, 19:06:13]
Dr. Wolfgang Bensch 
"Berufsperspektive: voller Optimismus und Tatendrang, die Zukunft fest im Visier."
Das dürfte während der Jahre 1933 - 1945 nicht anders gewesen sein - eben die Perspektive der Karriere.
" ... gehörten 44,8 Prozent der deutschen Ärzteschaft der NSDAP an."
Damit waren Ärzte als Berufssparte "sehr stark vertreten" - siehe hier:
http://www.aerzteblatt.de/archiv/29733/Geschichte-der-Medizin-Aerzte-im-Nationalsozialismus
Prozentual noch mehr Ärzte gehören heutzutage als "Zwangsmitglieder" den Körperschaften an. Haben jene die "Zukunft" im Visier oder sind sie reine Erfüllungsgehilfen der sozialpolitischen Weichenstellungen z.B. momentan der grossen Koalition? zum Beitrag »

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